Antiformalismo – ein Mexorzismus von Gintersdorfer/Klaßen auf Kampnagel

Exorzismus im Sinne von Austreibung, Heilung und auch im Sinne von Widerstand ist schon lange Thema der Arbeiten von Gintersdorfer/Klaßen, beispielsweise in „Exorzieren statt Exerzieren“. Passend zu den politischen Veränderungen seit der Wahl von Trump und seiner Wahlkampfdrohung, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen, haben Gintersdorfer/Klaßen nun also mexikanische Performer versammelt, um einem Mexorzismus zu zelebrieren.

Antiformalismo - ein Mexorzismus von Gintersdorfer/Klaßen auf Kampnagel. Foto: Adrian Anton Weiterlesen

René Pollesch: Ich kann nicht mehr. SchauSpielHaus Hamburg

Zur Begrüßung läuft „Who wants to live forever?“ von Queen in der Dauerschleife und wirft erste Fragen auf: Emotionale Einstimmung auf pathetisches Drama – oder ironischer Kommentar? Erinnerung an Freddy Mercury? Referenz an den Film „Highlander“? Die Fragen bleiben unbeantwortet – aber das hat bei „Ich kann nicht mehr“ von René Pollesch am SchauSpielHaus Hamburg Methode.

„Frauen im Krieg – aber in welchem?“

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Kuro Tanino: Avidya – Das Gasthaus der Dunkelheit auf Kampnagel

Eine leise und leicht gespenstische Geschichte: „Avidya – Das Gasthaus der Dunkelheit“ vom japanischen Regisseur Kuro Tanino überrascht beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel mit leisen Tönen. Während es beim Sommerfestival ansonsten meistens um plakative Superlative zu gehen scheint, inszeniert Kuro Tanino sein dunkles Gasthaus wie ein stilles Kammerspiel. Bereits der einführende Erzähler aus dem Off überrascht mit poetischen Bildern vom herannahenden Winter in einem einsamen Tal, Höllental genannt. Auf einer Drehbühne werden die verschiedenen Räume und das Badehaus einer abgelegenen Herberge in den japanischen Bergen auf erstaunlich detaillierte und naturalistische Art gezeigt (Bühne: Kuro Tanino, Michiko Inada). Nicht nur die Bühne erinnert an ein Film-Set: Kuro Tanino, der auch für den Text verantwortlich ist, inszeniert seine Geschichte wie einen stillen Film, der mit bedrückenden Stimmungen spielt.

Avidya von Kuro Tanino auf Kampnagel. Foto: Shinsuke Sugino

Avidya von Kuro Tanino auf Kampnagel. Foto: Shinsuke Sugino

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein kleinwüchsiger Vater kommt mit seinem Sohn in die entlegene Herberge, um dort ein Puppenspiel aufzuführen. Allerdings gibt es keinen Herbergsbesitzer, der sie eingeladen haben könnte. Stattdessen treffen die beiden auf eine handvoll Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen mehr oder weniger regelmäßig die Herberge bewohnen: Eine alte Frau und ein Blinder, die die heilsamen Quellen nutzen. Zwei Geishas, die sich hier von ihren Kunden erholen. Ein stummer Bademeister, der das Badehaus am Laufen hält. Jeder Gast der Herberge wirkt auf seine Art gehemmt oder verloren, nur das Bad in den heißen Quellen scheint Erleichterung zu schaffen.

Der Name der Herberge lautet Avidya, was soviel wie Nichtwissen oder Unwissenheit bedeutet und der Selbsterkenntnis im Weg steht, im Hinduismus als eine der Ursachen menschlichen Leidens bekannt. Hier wird deutlich, dass Regisseur Kuro Tanino zuvor Psychologie studiert und als Psychiater gearbeitet hat. Aber seine Analyse bleibt subtil und ambivalent, ohne moralische oder heilsverkündende Lehren. Für manche Zuschauer anscheinend zu subtil, denn immer wieder verlassen Einzelne die gut gefüllte K2. Nach dem Stück sagt jemand vor mir beim Hinausgehen: „Das war ja völlig sinnentleert.“ Für mich wieder eine Bestätigung: Die besten Stücke sind die, die die Zuschauer spalten.

 

Kuro Tanino / Niwa Gekidan Penino: Avidya – Das Gasthaus der Dunkelheit
Text / Regie: Kuro Tanino Schauspiel: Mame Yamada, Takahiko Tsuji, Ichigo Iida, Bobumi Hidaka, Atsuko Kubo, Kayo Ishikawa, Hayato Mori Dramaturgie: Junichiro Tamaki, Yukiko Yamaguchi, Mario Yoshino Bühne: Kuro Tanino, Michiko Inada

Hier ein Interview von Kyoko Iwaki mit Kuro Tanino.

NEXT DAY von Philippe Quesne / Campo Gent auf Kampnagel

NEXT DAY von Philippe Quesne / Campo Theater auf Kampnagel. Foto: Adrian Anton

NEXT DAY von Philippe Quesne / Campo Theater auf Kampnagel. Foto: Adrian Anton

Kindern sieht man ja immer irgendwie gerne zu – außer, wenn sie gerade Pilze zertreten, Fliegen die Flügel ausreißen oder ihre Popel essen. Aber wenn sie ganz harmonisch miteinander spielen oder noch besser: gemeinsam musizieren, kann ja eigentlich nicht viel schief gehen. Von daher ist der französische Regisseur Philippe Quesne kein großes Risiko eingegangen, als er im Auftrag des belgischen Theaters Campo mit „Next Day“ ein Stück „von Kindern für Erwachsene“ auf die Bühne gebracht hat. Oder doch? Vor ihm haben sich bereits andere daran versucht, beispielsweise das Performance-Kollektiv Gob Squad, deren sehr erfolgreiches und berührendes Stück „Before Your Very Eyes“ 2012 bereits zum Theatertreffen eingeladen wurde. Weiterlesen

Tierschreie? Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs auf Kampnagel

ICH HABE UM HILFE GERUFEN, ES KAMEN TIERSCHREIE ZURÜCK – ein schöner Titel für einen schönen Abend mit Musik, Tanz und Monologen von Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs, die hoffen, durch Musik oder theatrale Gesten etwas im Publikum zum „Piepen“ zu bringen. Sehr charmant in ihrem offensiven Bekenntnis zur Nicht-Perfektheit ist der Abend aber doch erstaunlich gefällig, von der sehnsuchtsvoll-melancholischen und Dank PC Nackt fast tanztauglichen Musik über die ausgedehnte Monolog-Performance von Fabian Hinrichs, die dem für einen Ort wie Kampnagel entsprechendem kreativ-individualisierten Publikum, das sich irgendwo zwischen Hoch- und vermeintlicher Subkultur verorten dürfte, viele Anknüpfungspunkte bietet: Die Suche nach Raum zum Träumen, die manchmal zu Reisen in die Weltmetropolen oder an vermeintlich abgelegene Orte führt oder sich in der Suche nach Bildung oder Verwirklichung und Ausdruck in möglichst künstlerischen oder zumindest kreativen Berufen äußern kann – um irgendwann festzustellen: Ich dachte ich wollte das, aber ich sollte das wollen. Der Fluch der schönen neuen Welt des affirmativen Kapitalismus. Fabian Hinrichs gestaltet seinen Part ähnlich wie in „ICH SCHAU DIR IN DIE AUGEN GESELLSCHAFTLICHER VERBLENDUNGSZUSAMMENHANG“ oder „KILL YOUR DARLINGS“ von René Pollesch mit betont überbetonter Betonung, aus der immer auch eine tiefe Sehnsucht spricht. Das ist ganz rührend und unterhaltsam (von den völlig unnötigen „theatralen“ Effekten wie den Tanzeinlagen oder den fingierten Störungen aus dem Publikum abgesehen), aber irgendwie auch nicht wirklich weiterführend. Ist Kapitalismuskritik heute nur noch als Befindlichkeitskrise greifbar? Am Ende bleibt die Sehnsucht nach einem Raum zum Träumen. Ob Theater oder Musik diesen Raum bieten können?

Reisesouvenirs? Schorsch Kamerun & Fabian Hinrichs. Foto: DorotheaTuch

Reisesouvenirs? Schorsch Kamerun & Fabian Hinrichs. Foto: DorotheaTuch

ICH HABE UM HILFE GERUFEN, ES KAMEN TIERSCHREIE ZURÜCK
Konzept, Text, Regie, Musik: Schorsch Kamerun Konzept, Text, Regie, Performance: Fabian Hinrichs Tanz: Skvo’s Dance Company/ Minsk Dramaturgie: Christina Runge Bühne und Kostüme: Katja Eichbaum Licht: Thomas Schmidt Ton: Matthias Kirschke Produktionsassistenz: Christina Ostrowski Weiterlesen

BOYS DON’T CRY von Mungo Park/Eventministeriet auf Kampnagel

BOYS DON’T CRY erzählt die auf wahren Tatsachen basierende Geschichte von dem Trans*Mann Brandon Teena aus Nebraska, der 1993 erst vergewaltigt und anschließend getötet wurde. Angekündigt wird die Inszenierung von Mungo Park/Eventministeriet von Kampnagel als „detailgetreue Spielweise„.  Allerdings wird nirgendwo darauf hingewiesen, dass BOYS DON’T CRY eine minutenlange realistische Darstellung einer gewaltsamen Vergewaltigung zeigt, die kaum auszuhalten und zu ertragen ist. Weiterlesen

Als die Welt noch unterging: ENGEL IN AMERIKA von Bastian Kraft

New York, Mitter der 1980er Jahre: Entfremdung, Vereinsamung, Hedonismus, AIDS, das Ozonloch, Reagan und natürlich Geld regieren die Welt, die von Gott verlassen wurde, wie wir in „Engel in Amerika“ erfahren. Regisseur Bastian Kraft, der zuletzt virtuos „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ nach dem gleichnamigen Film von R.W. Fassbinder am Thalia in der Gaußstraße inszeniert hat, bringt mit „Engel in Amerika“ wieder einen filmischen Stoff auf die Bühne: Das gleichnamige Theaterstück von Tony Kushner wurde 2003 als HBO-Fernsehserie verfilmt und mehrfach ausgezeichnet. Weiterlesen