FAUST I+II: Sebastian Rudolph: Über Faust. Und warum es sich lohnt, Theater zu machen

Faust I + II“ von Nicolas Stemann. Spieldauer „Faust I“: circa zwei Stunden 40, keine Pause. „Faust II“: circa vier Stunden 40, inklusive zwei Pausen. Aufführungsdauer „Faust I + II“ gesamt: circa acht Stunden 20, inklusive drei Pausen. Das kostet viel Aufmerksamkeit, Kraft und vor allem: Zeit. Von den Zuschauern, den Schauspielern, allen Beteiligten. Aber ist es das wert? Und wenn ja: Wozu? Weiterlesen

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FAUST I+II: Nicolas Stemann über „triebhafte Spielfreude + Rumgehirne“

Nicolas Stemann hat „Faust I + II“ als über achtstündigen Marathon inszeniert, das ist viel. Viel Stoff, viel Erwartung, viel Druck. Aber Erwartungshaltung und Druck dürften Stemann bekannt sein: In den letzten zehn Jahren waren fünf seiner Inszenierungen zum Theatertreffen geladen: 2002 „Hamlet“, ein Jahr danach Elfriede Jelineks „Das Werk“, später folgten Jelineks „Ulrike Maria Stuart“, Schillers „Die Räuber“ und zuletzt Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Weiterlesen

POLLESCH IST POLLESCH IST POLLESCH

Heute Abend feiert René Polleschs „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ TT-Premiere. Pollesch macht Theater, vielleicht Kunst, auf jeden Fall Unterhaltung. Und irgendwie auch immer etwas mit Politik. Zumindest werden Versatzstücke politischer Diskurse zusammengeworfen mit Pop- und Unterhaltungskulturzitaten.

Ist das jetzt politisches Theater oder einfach Popkultur? So oder ähnlich wird häufig über Stücke von Pollesch diskutiert. Meist wird sich darauf geeinigt, dass es irgendwie keins von beidem ist, aber irgendwie doch beides beinhaltet: Politik und Unterhaltung. Anscheinend besteht das Bedürfnis, eine Differenz zwischen diesen beiden Polen aufzumachen und aufrecht zu erhalten. Diejenigen, die zu der Aussage tendieren, Pollesch mache politisches Theater, stehen daher in Opposition zu denen, die behaupten, Pollesch sei einfach Unterhaltung. Die einen versuchen, ihn aufzuwerten über die politische Dimension, die anderen versuchen, ihn abzuwerten, indem sie ihm pure Unterhaltung vorwerfen. Beide Positionen versuchen, Pollesch-Inszenierungen zu etwas zu machen, was sie nicht sind: lesbar. Pollesch-Inszenierungen bleiben immer mehrdeutig, sie sind nie eindeutig lesbar.

Pollesch selbst zu diesem Thema: „Dem Repräsentationstheater, damit meine ich das klassische Dialogtheater, geht es um universelle Lesbarkeit. Aber wenn in einer Szenenanweisung von Samuel Beckett steht: »Ein Mensch betritt die Bühne«, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen. Das ist das Problem.

Für diejenigen, die dennoch Bedürfnisse nach Lesbarkeit verspüren, empfiehlt Pollesch als Lektüre Donna Haraway, Foucault, Derrida, Giorgio Agamben oder Wolfgang Pohrt. Wer das zu theorielastig findet, kann leider nicht auf Belletristik ausweichen. „Ich kann es nicht ertragen, wenn mich ein Erzähler an die Hand nimmt.“ Aber anscheinend mag Pollesch „Harold and Maude“, zumindest könnte seine folgende Äußerung auch von Maude zitiert sein: „Die Idee, dass man ein Auto nicht besitzt, sondern damit fährt und es irgendwo stehen lässt, damit der Nächste es nehmen kann, leuchtet mir sehr ein. Man muss sein wirkliches Leben schon so organisieren, dass man mit dem, was man denkt, mithalten kann, alles andere ist Selbstbetrug.

Demnach sollten ja eigentlich diejenigen, die weniger oder langsamer denken, auch geringere Probleme mit Selbstbetrug haben. Oder ist diese Lesart wieder zu eindeutig? Stellt sich ja außerdem die Frage, was Pollesch mit „sein wirkliches Leben“ eigentlich meint… aber das sind andere Themen.

Ist Pollesch jetzt also politische Kunst oder nicht? Hierzu zur Abwechslung mal kein Zitat von Pollesch, sondern noch mehr Theorie. Diesmal von Jacques Rancière aus „Der emanzipierte Zuschauer“: „Das Kino, die Fotografie, das Video, die Installationen und alle Performances des Körpers, der Stimme und Töne tragen dazu bei, den Rahmen unserer Wahrnehmungen und die Dynamik unserer Affekte neu zu schmieden. Dadurch eröffnen sie mögliche Übergänge zu neuen Formen politischer Subjektivierung. Aber keine Kunstform kann den ästhetischen Einschnitt vermeiden, der die Wirkungen von den Absichten trennt und jeden Königsweg zu einer Wirklichkeit verbietet, die die andere Seite der Wörter und Bilder wäre. Es gibt keine andere Seite. Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht. Sie weiß, dass diese Wirkung nicht garantiert werden kann, dass sie immer einen Teil Unentscheidbares mit sich führt.“

Wer will, kann „Kill your Darlings!“ ja auf diese Theorie politischer Kunst hin untersuchen – wer nicht will, kann sich auch einfach von Fabian Hinrichs und dem Chor der Athleten unterhalten lassen.

Veröffentlicht am 9. Mai 2012 auf Theatertreffen-Blog

Abgeschminkt: René Pollesch

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