Tierschreie? Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs auf Kampnagel

ICH HABE UM HILFE GERUFEN, ES KAMEN TIERSCHREIE ZURÜCK – ein schöner Titel für einen schönen Abend mit Musik, Tanz und Monologen von Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs, die hoffen, durch Musik oder theatrale Gesten etwas im Publikum zum „Piepen“ zu bringen. Sehr charmant in ihrem offensiven Bekenntnis zur Nicht-Perfektheit ist der Abend aber doch erstaunlich gefällig, von der sehnsuchtsvoll-melancholischen und Dank PC Nackt fast tanztauglichen Musik über die ausgedehnte Monolog-Performance von Fabian Hinrichs, die dem für einen Ort wie Kampnagel entsprechendem kreativ-individualisierten Publikum, das sich irgendwo zwischen Hoch- und vermeintlicher Subkultur verorten dürfte, viele Anknüpfungspunkte bietet: Die Suche nach Raum zum Träumen, die manchmal zu Reisen in die Weltmetropolen oder an vermeintlich abgelegene Orte führt oder sich in der Suche nach Bildung oder Verwirklichung und Ausdruck in möglichst künstlerischen oder zumindest kreativen Berufen äußern kann – um irgendwann festzustellen: Ich dachte ich wollte das, aber ich sollte das wollen. Der Fluch der schönen neuen Welt des affirmativen Kapitalismus. Fabian Hinrichs gestaltet seinen Part ähnlich wie in „ICH SCHAU DIR IN DIE AUGEN GESELLSCHAFTLICHER VERBLENDUNGSZUSAMMENHANG“ oder „KILL YOUR DARLINGS“ von René Pollesch mit betont überbetonter Betonung, aus der immer auch eine tiefe Sehnsucht spricht. Das ist ganz rührend und unterhaltsam (von den völlig unnötigen „theatralen“ Effekten wie den Tanzeinlagen oder den fingierten Störungen aus dem Publikum abgesehen), aber irgendwie auch nicht wirklich weiterführend. Ist Kapitalismuskritik heute nur noch als Befindlichkeitskrise greifbar? Am Ende bleibt die Sehnsucht nach einem Raum zum Träumen. Ob Theater oder Musik diesen Raum bieten können?

Reisesouvenirs? Schorsch Kamerun & Fabian Hinrichs. Foto: DorotheaTuch

Reisesouvenirs? Schorsch Kamerun & Fabian Hinrichs. Foto: DorotheaTuch

ICH HABE UM HILFE GERUFEN, ES KAMEN TIERSCHREIE ZURÜCK
Konzept, Text, Regie, Musik: Schorsch Kamerun Konzept, Text, Regie, Performance: Fabian Hinrichs Tanz: Skvo’s Dance Company/ Minsk Dramaturgie: Christina Runge Bühne und Kostüme: Katja Eichbaum Licht: Thomas Schmidt Ton: Matthias Kirschke Produktionsassistenz: Christina Ostrowski Weiterlesen

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BOYS DON’T CRY von Mungo Park/Eventministeriet auf Kampnagel

BOYS DON’T CRY erzählt die auf wahren Tatsachen basierende Geschichte von dem Trans*Mann Brandon Teena aus Nebraska, der 1993 erst vergewaltigt und anschließend getötet wurde. Angekündigt wird die Inszenierung von Mungo Park/Eventministeriet von Kampnagel als „detailgetreue Spielweise„.  Allerdings wird nirgendwo darauf hingewiesen, dass BOYS DON’T CRY eine minutenlange realistische Darstellung einer gewaltsamen Vergewaltigung zeigt, die kaum auszuhalten und zu ertragen ist. Weiterlesen