THEATER + KOLLEKTIVITÄT – schöne Utopie oder schöner Schein?

Beim Theatertreffen 2012 sind mit Gob Squad und dem International Institute of Political Murder gleich zwei Theater-Kollektive geladen. Auch Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen arbeiten als Regie-Team, Nicolas Stemann oder René Pollesch betonen immer wieder die Bedeutung von kollektiven Aushandlungsprozessen in der Gruppe. Und beim Stückemarkt ist in diesem Jahr mit „Polis3000: respondemus“ von Markus&Markus erstmalig auch ein Projekt ausgewählt worden.

Ein Blick auf die zehn Nominierungen zeigt, dass die meisten mit dem Begriff „Kollektivität“ – mehr oder weniger direkt – in Verbindung gebracht werden können… Weiterlesen

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SHE SHE POP präsentieren ihre SCHUBLADEN auf Kampnagel

SHESHEPOP verfolgen „autobiografische Recherche-Projekte“ voller Selbstreflexion, ohne in eine reine Selbstbespiegelung zu verfallen. Dass SHESHEPOP dabei nicht wie Narziss ins Wasser fallen, liegt vor allem daran, dass sie sich uneitel präsentieren und dennoch sehr respektvoll mit sich selbst, mit ihren Themen und mit ihren Mitspielerinnen umgehen. Diese Mitspielerinnen sind im Fall von SCHUBLADEN drei Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind und nun mit drei der in der BRD sozialisierten SHESHEPOP-Aktivistinnen einen Austausch, eine Konfrontation eine Begegnung gestalten. Weiterlesen

René Pollesch DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART

René Pollesch „DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART“ im Schauspielhaus Hamburg

René Pollesch wird in Kritiken ja gerne vorgeworfen, dass seine „politische Analyse“ oberflächlich sei… dabei ist es doch offensichtlich, dass Pollesch gar keine politische Analyse vornimmt. Was er in seinen Arbeiten auf die Bühne bringt, ist vielmehr ein Sammelsurium von Hinweisen auf Sollbruchstellen, Befindlichkeitskrisen und Widersprüche – und diese Hinweise finden sich eben manchmal in Oberflächlichkeiten, Skurilitäten oder Banalitäten.

Das Problem ist hierbei nicht die Oberflächlichkeit der politischen Analyse, sondern die Lesbarkeit: Oberflächlichkeiten können oberflächlich gelesen einfach oberflächlich sein, sie können aber auch als soziale, politische oder gesellschaftliche Kodierung gelesen werden. Dabei finden sich dann Zitate wie „Du hast eine Nahwelt? Die hätte ich auch gerne!“ oder „Unter dem Druck ganz man selbst zu sein brechen sie zusammen.“

Wenn jemand aber z.B. unter seinem „Arbeitskittel der Attraktivität“ gar nicht leidet und es auch ganz toll findet, dass es nicht mehr um erlerntes Wissen oder Fähigkeiten, sondern um einen Lifestyle umfassender Attraktivität und deren Vermarktung und Verwertung geht, werden solche Zitate gar nicht lesbar sein. Darin entsteht eine Diskrepanz zwischen denen, die in Pollesch-Stücken verzweifelt über die Bühne rennen und Probleme problematisieren – und denen, die vor der Bühne sitzen und sich fragen, warum da auf der Bühne eigentlich welche und vor allem wessen Probleme problematisiert werden. Gerade diese Diskrepanz ist für mich das spannende Moment an Pollesch-Inszenierungen.

Ein weiterer Vorwurf vieler Kritiker lautet, dass Pollesch sich nur noch wiederhole: alles schon da gewesen, alles schon gesehen, alles nix neues. Und dann wird gerne das eigene Überlegenheitswissen dargestellt, indem aufgezählt wird, was wo und von wem geklaut wurde: Foucault oder Agamben, Marx-Brothers oder die Nackte Kanone. Oder aus welchen Pollesch-Stücken Pollesch sich selbst zitiert: Die Identifikation des Netzwerks als modernes Gesicht des Kapitalismus erfolgte z.B. bereits u.a. in KILL YOUR DARLINGS!, die Kehrseiten der Medaille kreativer und künstlerischer Arbeit wie Selbstausbeutung und –zurichtung wurde u.a. in MÄDCHEN IN UNIFORM durchgespielt.

Und daraus resultiert dann der Vorwurf, dass Pollesch nichts Neues mehr einfällt. Pollesch zu diesem Vorwurf: „Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.“

Pollesch macht immer wieder genau das, wofür er gehypt wurde, als es noch als neu galt: Diskursfetzen mit Film- und Musikfetzen vermischen, also moderne Popkultur. Und Teil dieser Popkultur ist eben das Diktat: immer mehr, immer schneller, immer heftiger, immer anders, immer neu. Und dem kann und sollte man sich ohnehin entziehen und widersetzen.

Auch wenn der Vorwurf mangelnder Innovation also generell fragwürdig ist, kann Pollesch aber durchaus vorgeworfen werden, dass einigen seiner Inszenierungen ihre Eindringlichkeit fehlt. Während Stücke wie STADT ALS BEUTE oder FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS! sehr packend sind, wirkt DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART! vergleichsweise irgendwie kraft- und herzloser.

Aber bei Pollesch spüre ich zumindest [mal mehr, mal weniger] das Bedürfnis oder wenigstens den Versuch, „gesellschaftliche Verblendungszusammenhänge“ zu thematisieren. Dazu Zitat Pollesch: „Unsere Arbeit im Theater ist, Probleme zu markieren, wo scheinbar keine sind. Also mehr als Aufklärung würde ich sagen: erstmal da hinzeigen!“

Und solange der Großteil der Arbeiten im Theater einfach nirgendwo hinzeigt und erst gar keine Probleme zum Markieren findet, sehe ich weiterhin gerne Pollesch und seinen Leuten bei der immer gleichen Sisyphus-Arbeit zu: Probleme finden, Probleme markieren.

 

Trailer vom Schauspielhaus:

 

Durch die Nacht mit René Pollesch:

 

Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Torsten König / Frank Novak
Dramaturgie: Aenne Quiñones

 

 

POLITIK + THEATER?

Die Idee von politischem Theater finde ich sehr naheliegend, da Theater Menschen berühren und auf- oder anregen kann, auf unterschiedlichsten Ebenen. Und mit unterschiedlichsten theatralischen Mitteln und Methoden. Für mich spielt es dabei keine Rolle, welche Ansätze verfolgt oder welche Theorien oder Namen bemüht werden. Nur weil irgendwo Brecht, Foucault oder Agamben auftauchen, wird Theater noch nicht politisch. Viele Stücke, die ich als politisch extrem aufgeladen empfunden habe, verzichten völlig auf solche vordergründigen Elemente. Das ist aber eher selten. Sehr viel häufiger begegnet mir im Theater das Gegenteil: Aneinanderreihungen und Zurschaustellungen von großen Namen und Gesten, die aber so plakativ und oberflächlich bleiben, dass jegliche politische Relevanz zum Witz wird.

Ein Beispiel dafür ist Thomas Ebermanns FIRMENHYMNENHANDEL-Inszenierung auf Kampnagel. Die hier gezeigte oder besser: zur Schau gestellte Kapitalismuskritik ist so unterhaltsam, witzig, verständlich und einfach, dass sie problemlos ins Vorabendfernsehprogramm aufgenommen werden kann. Das Publikum lacht und applaudiert, weil es die Zitate und Anspielungen so schön versteht und freut sich über die vielen musikalischen Video-Einspielungen voller Gesichter und Namen, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Ebermann sowie Ted Gaier und Thomas Wenzel, die musikalischen Leiter der Inszenierung, haben hier offenbar ihre Beziehungen spielen lassen, so dass nicht weniger als 22 mehr oder weniger bekannte Namen aus Musik-, Polit-, Theater- und Schauspielszene mehr oder weniger schaurig-schöne Firmenhymnen schmettern. Das ist lustig und unterhaltsam und manchmal tragisch-komisch, aber mehr eben auch nicht.

Es sei denn, man zieht eine Parallele zwischen den Firmenhymnenhändlern, die ihre Kreativität und Ideale für Unternehmen zu fragwürdigen Zwecken verkaufen und eben den tatsächlichen Kreativen, die ihre Kreativität und Ideale ausdrücklich un- oder zumindest unterbezahlt für diese von der Kulturbehörde Hamburg sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützte Produktion zur Verfügung stellen. Aber so eine spitzfindige Ironie traue ich Ebermann und Co. nach dem Gesehenen nicht wirklich zu.

Ein Springer-Blatt spricht von einem „vergnüglichen Theaterabend“, was hier als vernichtende Kritik ausgelegt werden kann.

MIT Pheline Roggan, Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer
TEXT UND REGIE Thomas Ebermann
MUSIKALISCHE LEITUNG Ted Gaier, Thomas Wenzel
VIDEOS Katharina Duve, Timo Schierhorn
KOSTÜME UND BÜHNE Astrid Noventa
REGIEASSISTENZ Milli Schmidt
WISSENSCHAFTLICHE BERATUNG Rudi Maier
MUSIKER AUF DER LEINWAND Gilla Cremer, Dieter Glawischnig, Bernadette La Hengst, Honigbomber, Ja Panik, Schorsch Kamerun, Dirk von Lowtzow, Melissa Logan, Nina Petri, Thomas Pigor, Lisa Politt, Jens Rachut, 1000 Robota, Harry Rowohlt, Sandy Beach, Rocko Schamoni, Kristof Schreuf, Horst Tomayer, UiJuiJui, Reiner Winterschladen, Gustav Peter Wöhler

Der Firmenhymnenhandel ist eine Produktion von Thomas Ebermann und Kampnagel, gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, RockCity Hamburg und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zur nachtkritik von Falk Schreiber