Abschied von Frank Castorf am 18. Juni im SchauSpielHaus Hamburg

Die Ära von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne neigt sich dem Ende zu und auch der Streit um die Nachfolge hat sich anscheinend beruhigt – leider. Am SchauSpielHaus Hamburg wird bereits am 18. Juni ein Abschied von Castorf zelebriert: Seine Inszenierung von „Pastor Ephraim Magnus“, frei nach Hans Henny Jahnn, wird bereits abgesetzt – leider. Waren die mehr als 5 Stunden Castorf-Theaterwahnsinn für die Hamburger Bürger eine zu große Zumutung? Ich werde mir das 5 stündige Mysterienspiel voller Lust und Qual jedenfalls noch einmal zumuten und dabei vielleicht ein wenig wehmütig an die vielen anstrengenden Abende von Castorf denken…

Hier ein Einblick:

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MY BODY IS A STAGE oder Körper-Inszenierungen auf der Bühne

In letzter Zeit habe ich mir nach Theaterbesuchen häufiger Gedanken darüber gemacht, wie Theater nicht nur Stücke, sondern Menschen inszeniert. Theater kommt nie ohne seine Schauspieler aus, die Schauspieler verwenden meist unglaublich viel Energie, Kraft und Zeit für ihren Beruf. Das hinterlässt natürlich seine Spuren. Und damit meine ich nicht eventuelle Mimik-Falten oder unreine Haut vom vielen Make-Up. Weiterlesen

Theater bis zur Schmerzgrenze. Wie Castorf Kriegenburg ruiniert.

Sonntag musste ich tatsächlich ein Stück frühzeitig verlassen. Unfreiwillig. Nein, ich wurde nicht rausgeschmissen. Viel empörender: ich war erkältet, meine Begleitung hatte eine Augenentzündung und vergrub den Kopf zwischen den Knien, um die Augen vor dem Scheinwerferlicht zu schützen. Unter diesen Bedingungen sah selbst ich ein, dass alle Versuche aus- bzw. durchzuhalten sinnlos waren.

Dabei war das Stück, soweit ich es verfolgen konnte, ganz großartig: Andreas Kriegenburg's Käthchen von Heilbronn am DT. Das Stück an sich mag ich eigentlich gar nicht. Alle Inszenierungen, die ich vom Käthchen bisher gesehen habe, fand ich nur schwer erträglich, da mir dieses Käthchen schon immer höchst suspekt war: sich selbst für eine Vorstellung der großen Liebe vollkommen aufgeben? Für mich schwer nachvollziehbar und eher abschreckend. Selbst die Inszenierung von Roger Vontobel blieb mir trotz aller Gender-Spiele fern, lediglich Jana Schulz machte das Käthchen irgendwie erträglich. Daher war ich auch an diesem Abend sehr skeptisch.

Aber Kriegenburg's Zugang war sehr clever: anstatt sich auf den Charakter des Käthchens zu konzentrieren, setzte er das Stück in Beziehung zu seinem Entstehungskontext, indem Heinrich von Kleist's Leben und Leiden, seine Zweifel, seine permanente Geldnot, seine emotionalen Hoch- und Tiefphasen den Ausgangspunkt bildeten. Die Geschichte des Käthchens konnte so in Fragmenten, mit wechselnden Rollen, nach und nach erzählt werden. Das war für alle, die das Stück nicht kennen, vielleicht etwas schwierig zu verfolgen, da keine lineare Handlung erzählt wurde. Aber dadurch, dass alle Szenen extrem stimmungsvoll und experimentierfreudig, häufig mit Hilfe von Puppen, gespielt wurden, rückte die eigentliche Handlung ohnehin in den Hintergrund – und lies etwas völlig neues entstehen, wie bei einem Kaleidoskop. Durch dieses immer wiederkehrende Spiel-im-Spiel entstanden wie die Puppe-in-der-Puppe immer neue Ebenen und vor allem Stimmungen, die meinen Widerwillen und meine Vorbehalte einfach übergingen. Oder besser gesagt: Die Inszenierung formulierte eben diese Vorbehalte einfach selbst und setzte sie in Verbindung mit der Entstehungsgeschichte des Stückes und Kleists Zerrrissenheit. Der tragisch-komische und melancholische Blick auf Kleist's Käthchen erinnerte mich immer wieder an Stimmungen aus Kafka-Erzählungen, die Kriegenburg ja bereits im Prozess auf die Bühne brachte. Aber so sehr mich die Skurilitäten und Puppenspielereien auch begeisterten, verstanden habe ich nicht viel. Und da wurde mir klar: Im Theater muss manchmal auch gar nicht alles verstanden werden und rational greifbar sein, da Theater viel komplexer und vielschichtiger als Rationalität ist. Oder sein kann.

Aber: ich kann hier lediglich von den ersten 95 Minuten berichten, da wir uns in der Pause geschlagen gaben und uns mit hängenden Köpfen nach Hause schleppten.

Die Schuld gebe ich Frank Castorf. Was der damit zu tun hat? Am Abend vorher war ich in der Volksbühne und habe mir den Spieler angesehen: fünf Stunden, von denen mir die erste Stunde mit aller Hysterie und Absurdität noch sehr kurzweilig erschien, während sich die restlichen vier Stunden nach üblichem Castorf-Prinzip unglaublich unerträglich lange hingezogen haben. Hysterie ist eben nicht automatisch abendfüllend, sondern nutzt sich ab, da diese permanente Beschallung zum Abstumpfen und Abschalten führt, so wie zu laute Musik oder Fernsehen. Zumindest bei mir.

Leider habe ich an diesem Abend bis zum Schluss durchgehalten, mit dem Ergebnis, am nächsten Tag körperlich und geistig völlig fertig und überreizt, wie mit einem Kater, zu Kriegenburgs Käthchen zu gehen. Daher gebe ich Frank Castorf die Schuld, mir meinem Abend mit Kriegenburg's Käthchen ruiniert zu haben.

 

Ein kurzer Eindruck von Kriegenburg's Prozess:

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