WESTERN SOCIETY – good or bad? Fragen von GOB SQUAD auf Kampnagel

WESTERN SOCIETY setzt an den Anfängen an: 2 Millionen Jahre B.C. Aber die Zeit vergeht schnell. Als der Mensch auftritt, ist er nackt – abgesehen von Make-Up, blonder Perücke und High Heels. Mit dem Shopping kommen auch die Outfits: Sonnenbrillen, goldene Hot Pants, glitzernde Leo-Leggings, Netzshirt, viel Stretch und Polyester. Aber auch wenn das Performance-Kollektiv Gob Squad so das Setting für WESTERN SOCIETY als dekadenten Glamour Trash inszeniert, haben sie ihren Fokus auf ein extrem unglamouröses und praktisch unbeachtetes YouTube-Video gerichtet: Ein Amateurvideo von einer Familienfeier, auf der sieben Personen zu sehen sind, die um eine Couch und eine Karaoke-Maschine herum platziert sind und 2 Minuten und 55 Sekunden lang der Welt einen Einblick in ihren Microkosmos gewähren, „family, friends and strangers are all being held together by a karaoke machine: alone together and together alone„, wie Gob Squad die Szenerie beschreiben.

Dieses Video, stellvertretend für unsere heutigen Medien des Voyeurismus und der Selbstinszenierung, soll in all seiner faszinierenden Banalität als auch Kuriosität als Reenactment nachgestellt werden, wobei die Performer die verschiedenen Positionen durchspielen und -probieren. Dabei werden nicht nur die Rollen, Bedeutungen und Funktionen von „Dancing Granny“, „Girl with Phone“, „Cake-Lady“ oder „Man with Remote Control“ hinterfragt, sondern die Performer stellen auch sich selbst immer wieder die Frage: „What are we doing here?“ Eine Frage, die je nach Position und Perspektive ganz unterschiedlich beantwortet werden kann, was zeigt, dass die gesamte Szenerie vor allem eine riesige und höchst ambivalente Projektionsfläche bietet. Und Anlass für Fragen.

Gob Squad stellen gerne und oft Fragen, was auch bei WESTERN SOCIETY ein wichtiges Element ist: Immer wieder stellen sich die Performer gegenseitig Entscheidungsfragen: Alkaida oder Pegida? Merkel oder Schröder? Grenzen – gut oder schlecht? Adam or Eve? Madonna or Whore? Madonna or Beyonce? Porn – good or bad? Straight Porn or Queer Porn? Kind oder Karriere? How much of a Feminist are you? Und immer wieder: Karaoke! California Dreaming oder What about us?

Western Society von Gob Squad. Copyright: david baltzer

Western Society von Gob Squad. Copyright: david baltzer.

Dabei verlieren sie die Re-Inszenierung des Videos nicht aus den Augen, sondern gehen noch einen Schritt weiter: Wie in schrecklich-schönen TV-Shows werden Teilnehmer aus dem Publikum per Zufallsprinzip erkoren, wobei Gob Squad  gekonnt mit der Angst und gleichzeitigen Faszination möglicher Partizipation spielen. Während so andere die ihnen fremden Rollen übernehmen und nach Anweisungen aus dem Microport agieren, begeben sich die Performer immer wieder in das Szenario hinein, stellen Fragen, greifen in die Inszenierung ein und arrangieren sie nach ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen und Sehnsüchten.

Gob Squad gelingt es mit WESTERN SOCIETY, zwischen Exhibitionismus, Voyeurismus und Selbstinszenierung danach zu Fragen, was die westliche Gesellschaft eigentlich ist oder sein soll oder sein könnte. What is freedom? How do you define beauty? What is happiness? How happy are you? Death by starvation oder overeating?

Es ist ein Spiel mit der heutigen Gier nach Event und Inszenierung auf der einen Seite und der verzweifelten Suche nach Authentizität oder Wahrhaftigkeit auf der anderen Seite. Gob Squad zeigen die westliche Gesellschaft wie durch ein Kaleidoskop als komplex, widersprüchlich, dekadent, glamourös, lustig und gleichzeitig traurig, voller Möglichkeiten und Versprechungen, verloren und vor allem orientierungslos, gemäß dem Motto: „The Ordinary is the Extraordinary„.

WESTERN SOCIETY tourt bereits seit 2013 quer durch die Welt und ist bis zum 22. August noch beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel zu sehen.

WESTERN SOCIETY Konzept und Regie: Gob Squad Performance und Entwicklung: Johanna Freiburg, Sean Patten, Damian Rebgetz, Tatiana Saphir, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom und Simon Will.
Sound Design: Jeff McGrory (Torsten Schwarzbach) Video Design: Miles Chalcraft (Kathrin Krottenthaler) Realisation Kostüme: Emma Cattell, Kerstin Honeit. Realisation Bühnenbild: Lena Mody. Technische Leitung und Lichtdesign: Chris Umney (Max Wegner) Dramaturgie und Produktionsleitung: Christina Runge. Künstlerische Assistenz: Mat Hand (Lena Mody) Regiehospitanz: Sarah Sarina Rommedahl, Sophie Galibert. Management: Eva Hartmann. Tour Management: Mat Hand.

Mit Simon Will konnte ich während des Theatertreffens 2012 bereits ein Interview führen, dass mir sehr positiv in Erinnerung geblieben ist. Bei Interesse findet sich das Interview mit Simon Will hier.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s