Theater bis zur Schmerzgrenze. Wie Castorf Kriegenburg ruiniert.

Sonntag musste ich tatsächlich ein Stück frühzeitig verlassen. Unfreiwillig. Nein, ich wurde nicht rausgeschmissen. Viel empörender: ich war erkältet, meine Begleitung hatte eine Augenentzündung und vergrub den Kopf zwischen den Knien, um die Augen vor dem Scheinwerferlicht zu schützen. Unter diesen Bedingungen sah selbst ich ein, dass alle Versuche aus- bzw. durchzuhalten sinnlos waren.

Dabei war das Stück, soweit ich es verfolgen konnte, ganz großartig: Andreas Kriegenburg's Käthchen von Heilbronn am DT. Das Stück an sich mag ich eigentlich gar nicht. Alle Inszenierungen, die ich vom Käthchen bisher gesehen habe, fand ich nur schwer erträglich, da mir dieses Käthchen schon immer höchst suspekt war: sich selbst für eine Vorstellung der großen Liebe vollkommen aufgeben? Für mich schwer nachvollziehbar und eher abschreckend. Selbst die Inszenierung von Roger Vontobel blieb mir trotz aller Gender-Spiele fern, lediglich Jana Schulz machte das Käthchen irgendwie erträglich. Daher war ich auch an diesem Abend sehr skeptisch.

Aber Kriegenburg's Zugang war sehr clever: anstatt sich auf den Charakter des Käthchens zu konzentrieren, setzte er das Stück in Beziehung zu seinem Entstehungskontext, indem Heinrich von Kleist's Leben und Leiden, seine Zweifel, seine permanente Geldnot, seine emotionalen Hoch- und Tiefphasen den Ausgangspunkt bildeten. Die Geschichte des Käthchens konnte so in Fragmenten, mit wechselnden Rollen, nach und nach erzählt werden. Das war für alle, die das Stück nicht kennen, vielleicht etwas schwierig zu verfolgen, da keine lineare Handlung erzählt wurde. Aber dadurch, dass alle Szenen extrem stimmungsvoll und experimentierfreudig, häufig mit Hilfe von Puppen, gespielt wurden, rückte die eigentliche Handlung ohnehin in den Hintergrund – und lies etwas völlig neues entstehen, wie bei einem Kaleidoskop. Durch dieses immer wiederkehrende Spiel-im-Spiel entstanden wie die Puppe-in-der-Puppe immer neue Ebenen und vor allem Stimmungen, die meinen Widerwillen und meine Vorbehalte einfach übergingen. Oder besser gesagt: Die Inszenierung formulierte eben diese Vorbehalte einfach selbst und setzte sie in Verbindung mit der Entstehungsgeschichte des Stückes und Kleists Zerrrissenheit. Der tragisch-komische und melancholische Blick auf Kleist's Käthchen erinnerte mich immer wieder an Stimmungen aus Kafka-Erzählungen, die Kriegenburg ja bereits im Prozess auf die Bühne brachte. Aber so sehr mich die Skurilitäten und Puppenspielereien auch begeisterten, verstanden habe ich nicht viel. Und da wurde mir klar: Im Theater muss manchmal auch gar nicht alles verstanden werden und rational greifbar sein, da Theater viel komplexer und vielschichtiger als Rationalität ist. Oder sein kann.

Aber: ich kann hier lediglich von den ersten 95 Minuten berichten, da wir uns in der Pause geschlagen gaben und uns mit hängenden Köpfen nach Hause schleppten.

Die Schuld gebe ich Frank Castorf. Was der damit zu tun hat? Am Abend vorher war ich in der Volksbühne und habe mir den Spieler angesehen: fünf Stunden, von denen mir die erste Stunde mit aller Hysterie und Absurdität noch sehr kurzweilig erschien, während sich die restlichen vier Stunden nach üblichem Castorf-Prinzip unglaublich unerträglich lange hingezogen haben. Hysterie ist eben nicht automatisch abendfüllend, sondern nutzt sich ab, da diese permanente Beschallung zum Abstumpfen und Abschalten führt, so wie zu laute Musik oder Fernsehen. Zumindest bei mir.

Leider habe ich an diesem Abend bis zum Schluss durchgehalten, mit dem Ergebnis, am nächsten Tag körperlich und geistig völlig fertig und überreizt, wie mit einem Kater, zu Kriegenburgs Käthchen zu gehen. Daher gebe ich Frank Castorf die Schuld, mir meinem Abend mit Kriegenburg's Käthchen ruiniert zu haben.

 

Ein kurzer Eindruck von Kriegenburg's Prozess:

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TT12-Blog: Bemerkenswert? Kritik an Kritiklosigkeit

„Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten,“ sagte Sophie Rois einmal in den „Diktatorinnengattinnen“, einem Stück von René Pollesch. Tobt der Konsens jetzt auch in Bezug auf die TT Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“? Seit sie bekanntgegeben wurde, herrscht überall viel Zustimmung, viele Übereinstimmungen mit dem nachtkritik-Theatertreffen, nur vereinzelte „Ich vermisse aber…“-Kommentare sind zu lesen, verhältnismäßig wenig Kritik wird laut.

Mich beschleicht beim Lesen der meisten Kommentare im Internet ohnehin häufig der Verdacht, dass es vielen Kritikern vor allem darum geht, den eigenen Standpunkt als überlegen zu markieren. Und meist sind diese Diskussionen eher belustigend, manchmal nervend, aber selten produktiv oder irgendwie erhellend. Oder? Denn genauer betrachtet ist die allem zugrunde liegende Ausgangsfrage doch mehr als berechtigt und spannend:

Wer definiert hier was wie und warum?

Und auch alle daran anschließenden Fragen finde ich durchaus stellenswert: Ist das Theatertreffen nicht normativ oder zumindest normierend und ausgrenzend? Ist das nicht elitäres Getue und unnötige Hierarchisierung? Ist das Theatertreffen nicht völlig überbewertet? Ist das Theatertreffen überhaupt zu irgendetwas nutze?

Und vom Theatertreffen ist es auch nicht weit zu Diskussionen über Theater an sich: Welche Tendenzen gibt es im gegenwärtigen Theater? Wie sind diese zu bewerten und sind sie überhaupt zu bewerten? Ist Theater politisch? Ist das wichtig? Sollte Theater politisch sein? Repräsentiert Theater Realität? Lässt sich Realität repräsentieren? Von welcher beziehungsweise wessen Realität ist hier eigentlich die Rede? Oder etwas weniger theorielastig aber umso schwieriger zu beantworten: Was macht gutes Theater eigentlich aus?

Nun, alleine dass das Theatertreffen eben solche Fragen aufwirft, ist doch schon Legitimierung genug, finde ich. Aber ich bin ja auch parteiisch. Gar nicht deshalb, weil ich jetzt selbst dabei sein darf und hier darüber schreiben kann. Naja, doch. Aber ich war auch schon in den letzten Jahren parteiisch. [Obwohl ich nie dabei sein konnte, was mich wieder auf das Stichwort „ausgrenzend“ bringt…] Aber auch wenn ich nie dabei sein konnte, hatte ich etwas davon: Ich konnte viele Debatten vom und über das Treffen und somit über Theater an sich in den Medien verfolgen. Und die meisten Stücke, die zum Theatertreffen eingeladen werden, touren früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit auch mal als Gastspiel durch die Welt. Und alle, die in Gegenden mit einer eher bescheidenen Theater-Szene leben, wissen das durchaus zu schätzen.

Außerdem stellt das Theatertreffen für viele Theaterschaffende ja vor allem ein wichtiges Sprungbrett dar. Die Stücke von Oliver Kluck oder Phillip Löhle hätte ich wohl nie zu sehen bekommen, wenn sie nicht durch das Theatertreffen und den Stückemarkt bekannt geworden wären, genauso wie das beeindruckende Nature Theatre of Oklahoma. Manche Sachen werden manchmal erst bemerkt, wenn sie als „bemerkenswert“ bezeichnet werden. Neuentdeckungen, die mir ansonsten vielleicht nicht über den Weg gelaufen wären, sind für mich das Tollste am Theatertreffen. Deshalb finde ich persönlich es ja auch ein wenig schade, dass manche Namen alle Jahre wieder zum Theatertreffen eingeladen werden. Dabei freue ich mich ja durchaus zum Beispiel für Nicolas Stemann oder René Pollesch. Auch aus ganz egoistischen Gründen, da ich mir deren Stücke immer wieder gerne ansehe, auch mehrfach. Aber sind die ausgewählten Inszenierungen jetzt „bemerkenswert“?

„Bemerkenswert“ ist eben ein höchst subjektiver Begriff. Was der eine bemerkenswert findet, findet ein anderer vielleicht höchst unbedeutend. Genauso wie die Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ ist Theater generell eine extrem subjektive Angelegenheit: Theaterschaffende arbeiten nach ihrem subjektiven Gutdünken, alle Zuschauer wählen die Stücke, die sie sich ansehen [oder eben nicht] subjektiv aus und beurteilen sie subjektiv. Und alle Inszenierungen wirken subjektiv. Eine Objektivität ist in Bezug auf Theater [oder generell?] also gar nicht möglich. Und sollte Objektivität überhaupt angestrebt werden? Meiner Meinung nach: nein! Davon abgesehen, dass ich Objektivität für eine Illusion, ein Konstrukt unserer Sprache und unseres Denkens halte, finde ich es gut, dass sich hier die subjektive Auswahl einer leicht angreifbaren Jury einer kritischen Öffentlichkeit stellen muss. Gerade weil sie kritisierbar, angreifbar, fragwürdig ist. Diese Subjektivität ist ja gerade das Grandiose am Theater: Zuschauen ist hier kein passiver Konsum, sondern aktive Auseinandersetzung – Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten und auch Reibungen inbegriffen. Zumindest besteht die Möglichkeit dazu.

Luk Perceval, Regisseur, sagte mal zum Theatertreffen: „Es ist wie die Olympiade: nur die Auserkorenen können teilnehmen. You love it, or you hate it.” Und Joachim Lux, Intendant am Thalia Theater, bringt es auf den Punkt: „Davon abgesehen ist jede Theatertreffen-Auswahl – wie wir alle wissen – hemmungslos ungerecht und angreifbar. Da das ohnehin klar ist, macht es auch so viel Spaß […].“

Eben.

 

erschienen am 23. Februar 2012, http://www.theatertreffen-blog.de/tt12/

Bemerkenswert? Wie das Theatertreffen 2012 mein Leben verändert

Mein erster Beitrag für das Theatertreffen-Blog ist veröffentlicht, eine Kritik an Kritiklosigkeit und Gedanken zum Begriff „bemerkenswert“, der ja Auswahlkriterium und Legitimierung der zehn nominierten Inszenierungen bildet. Jetzt stellt sich mir natürlich nicht nur die Frage, ob nun diese zehn Nominierungen bemerkenswert oder eher angreifbar sind, sondern auch, ob meine Gedanken dazu tatsächlich bemerkt werden sollten – und angegriffen. FLÜSTERN + SCHREIE ist ja sozusagen meine Plattform, Weiterlesen