René Pollesch: Ich kann nicht mehr. SchauSpielHaus Hamburg

Zur Begrüßung läuft „Who wants to live forever?“ von Queen in der Dauerschleife und wirft erste Fragen auf: Emotionale Einstimmung auf pathetisches Drama – oder ironischer Kommentar? Erinnerung an Freddy Mercury? Referenz an den Film „Highlander“? Die Fragen bleiben unbeantwortet – aber das hat bei „Ich kann nicht mehr“ von René Pollesch am SchauSpielHaus Hamburg Methode.

„Frauen im Krieg – aber in welchem?“

Ein Chor junger Mädchen in militaristischem Camouflage-Look skandiert lautstark „Ich bin der Mann! Ich bin der Mann! Ich bin der Mann! Ist das jetzt klar?“ So weit, so klar. Was die überdimensionalen Pappfigur-Küken auf der Bühne sollen? Unklar. Worum es im Verlauf des Stücks geht? Auch unklar: In typischer Pollesch-Manier werden Diskurse über Kommunikation (und warum sie nicht gelingen kann), über politisches Theater (und warum es nicht gelingen kann), über revolutionäre Bewegungen (und warum sie nicht gelingen können) oder über zwischenmenschliche Beziehungen (und warum sie nicht gelingen können) angerissen und wie eine Kollage zusammengebastelt.

Svea Bein, Julia Buchmann, Saskia Corleis, Alica Dietzel, Lillo Aline Dönselmann, Hannah Rebekka Ehlers, Laura Ehrich, Laura Eichten, Verena Gerjets, Lucie Anabel Gieseler, Veronika Hertlein, Nina Jacobs, Tabita Johannes, Raffaela Kraus, Helene Krüger, Luise Leschik, Klaudija Parizoska Copyright (C) Thomas Aurin

Chicks with Guns: Revolutionärer Chor und Kathrin Angerer vor bunten Küken. Foto (C) Thomas Aurin

„Also man versteht überhaupt nichts!“

Die komplexen Monologe und Dialoge über das Scheitern von Kommunikation oder Revolution oder Liebe der vier großartigen Schauspieler Kathrin Angerer, Sachiko Hara, Bettina Stucky und Daniel Zillmann werden immer wieder vom gleichzeitig sprechenden Chor übertönt, wodurch pointiert kommentiert wird, was nie als Aussage, sondern immer nur als Frage formuliert wird: Warum funktioniert Kommunikation nicht mehr? Warum versteht man nie, was gesagt wird? Warum kann es aber auch entlastend sein, zu sprechen ohne gehört zu werden? Während bei früheren Pollesch-Stücken wie „Fantasma“ oder ein „Ein Chor irrt sich gewaltig“ noch der Ausruf „Ja genau!“ regelmäßig ertönte, enden die Versatzstücke in „Ich kann nicht mehr“ meist mit der Frage „Was?“. Stellt sich die Frage: Wo sind die Aha- und Erkenntnisgewinn-Momente? Sind nur noch Fragen möglich? Sind klare Aussagen unmöglich geworden? Wobei auch hin und wieder Erkenntnisse aufkommen wie „Das Kollektiv ist auch nicht mehr das, was es mal war“ oder „Ich kann da einfach überhaupt nichts lesen!“

„Der Chor war doch mal eine so tolle Idee.
Aber warum funktioniert er als Mittel einfach nicht mehr?“

Wie bei Pollesch üblich sind die Diskursfetzen versetzt mit Filmzitaten oder -referenzen, beispielsweise der Castro-Doku „Comandante“ von Oliver Stone oder „Picknick am Hanging Rock“. Dazwischen exerziert der Chor – mal zur Musik der Louis de Funès Filme wie „Der Gendarm von Saint Tropez„, mal zu „Wuthering Heights“ von Kate Bush. Warum? Die Frage bleibt ungeklärt.

„Da gibt es nichts zu verstehen!“

Kaum ein Theatermacher inszeniert und schreibt so getrieben wie René Pollesch: Bereits seit 1999 kommt jedes Jahr mindestens ein neues Stück von ihm zur Uraufführung, meist eher zwei oder auch mal drei oder mehr, wie zuletzt 2016, wo Pollesch am Schauspielhaus Zürich „Bühne frei für Mick Levčik“, „Stadion der Weltjugend“ am Staatstheater Stuttgart und „I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung“ an der Berliner Volksbühne inszenierte… und in der Sommerpause hat Pollesch noch schnell den Film „Bad Decisions“ gedreht, der am 22. März auch im SchauSpielHaus zu sehen war. Praktisch ohne Pause ging es in der Spielzeit 2016/17 direkt weiter mit seinen letzten Volksbühnen-Stücken der Castorf-Ära, dem zweiteiligen „Volksbühnen-Diskurs„, wobei Teil 1 den vielsagenden Titel „Ich spreche gegen Wände“ trägt. Stellt sich die Frage, wogegen Pollesch so verbissen anschreibt – das Unsagbare? Den Bedeutungsverlust von Zeichen, Sprache, Kommunikation? Den Bedeutungsverlust revolutionärer Ideen und Bewegungen? Den Bedeutungsverlust von politischem Theater?

„Ich kann nicht mehr“ von René Pollesch
Regie und Text: René Pollesch
Bühne: Wilfried Minks, künstlerische Mitarbeit Bühne: Eylien König, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Holger Stellwag, künstlerische Leiterin des Chores: Christine Groß, Dramaturgie: Sybille Meier, Souffleuse: Victoria Voigt.
Darsteller: Kathrin Angerer, Sachiko Hara, Bettina Stucky, Daniel Zillmann.
Chor: Svea Bein, Julia Buchmann, Saskia Corleis, Alica Dietzel, Lillo Aline Dönselmann, Hannah Rebekka Ehlers, Laura Ehrich, Laura Eichten, Verena Gerjets, Lucie Anabel Gieseler, Veronika Hertlein, Nina Jacobs, Tabita Johannes, Raffaela Kraus, Helene Krüger, Luise Leschik, Klaudija Parizoska.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

Wer noch mehr Pollesch sehen und nicht-verstehen aber genießen möchte: Im Malersaal ist „Rocco Darsow“ im April zum letzten Mal zu sehen.

…und als sentimentale Erinnerung der Trailer zu Kill your Darlings!

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