Als die Welt noch unterging: ENGEL IN AMERIKA von Bastian Kraft

New York, Mitter der 1980er Jahre: Entfremdung, Vereinsamung, Hedonismus, AIDS, das Ozonloch, Reagan und natürlich Geld regieren die Welt, die von Gott verlassen wurde, wie wir in „Engel in Amerika“ erfahren. Regisseur Bastian Kraft, der zuletzt virtuos „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ nach dem gleichnamigen Film von R.W. Fassbinder am Thalia in der Gaußstraße inszeniert hat, bringt mit „Engel in Amerika“ wieder einen filmischen Stoff auf die Bühne: Das gleichnamige Theaterstück von Tony Kushner wurde 2003 als HBO-Fernsehserie verfilmt und mehrfach ausgezeichnet. Entsprechend filmisch und multi-medial und mehrdeutig präsentiert sich auch die Inszenierung am Thalia Theater: Die Bühne (von Peter Baur) wird von einer riesigen runden Leinwand dominiert, die entweder als Projektionsfläche oder als riesiger Spiegel fungiert. Durch mehrere Kameras sind die Darsteller somit meist aus mehreren Perspektiven gleichzeitig zu sehen: Frontal auf der Leinwand, im Profil auf der Bühne. Close-Ups zeigen die Gesichter häufig so überlebensgroß, dass sogar die Poren der Haut zu sehen sind.

Wie durch ein Vergrößerungsglas werden im schnellen Wechsel, die an Film-Cuts erinnern, mehrere Handlunsstränge und -ebenen nachgezeichnet: Da ist der AIDS-kranke Prior Walter (unprätentiös von Kristof Van Boven gespielt), der von seinem Partner Louis (Julian Greis) verlassen wird, der Angst vor Verantwortung hat. Anwalt und Mormone Joe Pitt (Oliver Mallison) ist mit der unglücklichen Harper (überzeugend: Alicia Aumüller) verheiratet, die sich in Halluzinationen und Tabletten flüchtet, während er selbst seine Homosexualität entdeckt und eine Affäre mit Louis beginnt. Joe und Louis arbeiten für den schmierigen und machtgeilen Topanwalt Roy Cohn (leider von Matthias Leja etwas zu sehr zur Karrikatur geraten), der sich mit HIV infiziert und im Sterben vom Geist von Ethel Rosenberg verfolgt wird, deren Hinrichtung er 1951 bewirkt hatte. Dann sind da noch die streng gläubige Mutter von Joe (Sandra Flubacher überzeugend und klischeefrei wie immer), und der schwule Krankenpfleger Belize (von Allan Hausmann zwar voller Klischees, aber auch mit viel Respekt gespielt), der Roy Cohn pflegt und der beste Freund von Prior ist. Und dann ist da noch der Engel (wunderbar dank Marie Löcker’s eindringlicher Präsenz), der Prior als Botschafter erscheint, um den Menschen vor dem „Virus der Zeit“ zu warnen – doch damit ist nicht etwa HIV gemeint, sondern der rücksichts- und kopflose Fortschritt der Menschen, die wie unwissende Kinder vorwärts trampeln.

Die Botschaft von „Engel in Amerika“ ist klar – Toleranz bleibt eine Utopie, die Realität wird von rassistischen, sexistischen und macht-politischen Diskreminierungen bestimmt. Aber dadurch bleiben auch keine Fragen offen und die Message geht etwas im multi-medialen Entertainment unter – was eine gewisse Tragik birgt, da genau diese Schnelllebigkeit und inhaltliche sowie emotionale Verflachung im hedonistischen Streben nach Ablenkung und Realtitäsflucht ja Thema sind.

Weitere Vorstellungen: 29.10., 18., 28. und 29.11., 07.12.2015 sowie 01. und 15.01.2016 im Thalia Theater.

DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS nach R.W. Fassbinder im Thalia in der Gaußstraße: https://www.youtube.com/watch?v=gg68MOQLu0U

ENGEL IN AMERIKA von Tony Kushner
Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Anna van Leen, Musik: Björn SC Deigner, Video: Peter Baur, Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Alicia Aumüller (Harper Amaty Pitt, Joes Frau), Kristof Van Boven (Prior Walter), Sandra Flubacher (Hannah Porter Pitt, Joes Mutter), Julian Greis (Louis Ironson), Ernest Allan Hausmann (Belize), Matthias Leja (Roy M. Cohn), Marie Löcker (Der Engel) Oliver Mallison (Joseph Porter Pitt, Joe)

 

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