She She Pop + ihre Mütter: FRÜHLINGSOPFER auf Kampnagel

Kurz vorab: Die Arbeiten von SHESHEPOP  verfolge ich immer mit großer Aufmerksamkeit und auch einer recht hohen Erwartungshaltung, was sich zum Beispiel am folgenden Zitat zu ihrem SCHUBLADEN-Abend ablesen lässt:

SheShePop verfolgen „autobiografische Recherche-Projekte“ voller Selbstreflexion, ohne in eine reine Selbstbespiegelung zu verfallen. Dass SheShePop dabei nicht wie Narziss ins Wasser fallen, liegt vor allem daran, dass sie sich uneitel präsentieren und dennoch sehr respektvoll mit sich selbst, mit ihren Themen und mit ihren Mitspielerinnen umgehen. […]

SCHUBLADEN erzeugt Authentizität nicht dadurch, dass die Darstellerinnen auf der Bühne ihr Innerstes entblößen müssen, sondern dadurch, dass die Art und Weise, wie und wonach gefragt wird, etwas sehr authentisches hat. „Wir sind ja keine Historikerinnen“, stellt Lisa Lucassen klar […] Und genau darin liegt meiner Meinung nach auch die Stärke von SheShePop: im Stellen der richtigen Fragen, nicht im Geben von falschen Antworten.

Ich schicke dieses Zitat voraus, damit einerseits die Arbeitsweise von SheShePop umrissen wird und damit andererseits meine persönliche Erwartungshaltung an das FRÜHLINGSOPFER deutlich wird.

FRÜHLINGSOPFER: Es geht um Kritik + Lob

Zu Beginn des FRÜHLINGSOPFERS wird klargestellt, welchen Spielregeln der Abend folgt: „Wir wollen nicht soviel reden. Wir wollen uns auf bestimmte Gesten und Bewegungen festlegen.“

Die Mütter sind, anders als die Väter bei TESTAMENT, physisch nicht anwesend, sie erscheinen auf vier großen Leinwänden als produzierte und konstruierte Bilder und Vorstellungen: die Mutter als Projektionsfläche? Oder eine Vermeidung einer direkten Konfrontation oder Aussprache?

Und es wird von vorneherein geklärt, worüber gesprochen werden soll – nämlich Kritik und Lob – und worüber nicht: Eine Mutter sagt, sie wolle weder über Äußeres, noch über Inneres reden. Was bleibt da übrig? Auch über Schuld soll nicht gesprochen werden.

Stattdessen stellen SheShePop die Frage nach Opfern: Welche Opfer hast Du gebracht? Wer ist hier wessen Opfer? Aber nur eine der Mütter will diesem Opfer-Diskurs folgen, allerdings auch nur bedingt. Die Mütter stellen klar: Sie wollen nicht als Opfer präsentiert werden. Dieser Opfer-Diskurs und die Wandlung seiner Bedeutung innerhalb der femministischen Bewegung oder in der Mehrheitsgesellschaft könnte spannend sein  – wenn er denn kontrovers diskutiert werden würde, wofür das Potential bei SheShePop und ihren Müttern ja durchaus gegeben wäre, wie auch im Publikumsgespräch im Anschluss deutlich wird.

Genau hier wird der große Haken des FRÜHLINGSOPFERS deutlich: Es soll nicht soviel geredet werden, es soll weniger diskursiv sein. Aber genau darin liegt die eigentliche Stärke von SheShePop: Im Stellen unbequemer Fragen, im Verlassen der Komfortzone gesellschaftlicher Höflichkeitskonventionen und im Mut, das Politische im Privaten sichtbar zu machen, zu markieren und zur Disposition zu stellen.

Statt Diskurs also Tanz + Musik: Strawinskys LE SACRE DU PRINTEMPS, bei seiner Uraufführung 1913 noch ein unerhörter Skandal, heute Teil des bildungsbürgerlichen Kanons. Aber Strawinsky wird nicht weiter thematisiert, obwohl auch hier Fragen nach Geschlechterrollen, Weiblichkeitsvorstellungen und patriachalen oder matriachalen Strukturen gestellt werden könnten: Jungfrauenopfer? Stammesälteste?

Der Tanz der Kinder um die Bilder ihrer Mütter ist vielleicht ein Versuch, neue Rituale zu finden, die non-verbal funktionieren? Aber nicht alle verwendeten Symbole sind sehr symbolträchtig: Eine Haarbürste oder Haarspray? Keine der Mütter scheint zu verstehen, warum die Kinder darum so einen Tanz aufführen.

Ist das Private zu politisch?

Zu Beginn sagt eine der Mütter: „Dieses Stück lebt ja auch von unserem Mut.“ Und damit hat sie vollkommen recht. Allerdings zeigen die Mütter hier mehr Mut als SheShePop, die sich dieses Mal recht bedeckt und distanziert zeigen. Wo in anderen Arbeiten von SheShePop wie den 7SCHWESTERN, der Ost-West-Konfrontation in SCHUBLADEN oder eben in der sehr viel direkteren Auseinandersetzung mit ihren Vätern in TESTAMENT vor allem ihr Mut zu ehrlichen, aber unbequemen Fragen und Auseinandersetzungen beeindruckt, wirkt dieses FRÜHLINGSOPFER mehr wie ein Tanz auf dem Vulkan oder um den heißen Brei herum… Vielleicht zeigt die Inszenierung aber auch einfach, dass eine offene Auseinandersetzung zwischen Kindern und ihren Müttern nicht so einfach oder ohne Opfer möglich ist?

Frühlingsopfer (UA am HAU 2014)
von und mit She She Pop und ihren Müttern
Konzept: She She Pop, Video: Benjamin Krieg, Bühne: Sandra Fox, Kostüm: Lea Søvsø.
Von und mit: Cornelia und Sebastian Bark, Heike und Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Irene und Ilia Papatheodorou, Heidi und Berit Stumpf, Nina Tecklenburg.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Hier kurze Einblicke in andere Arbeiten von SheShePop:

TESTAMENT (2010)

SCHUBLADEN

FAMILIENALBUM

 

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