SHE SHE POP´s 7SCHWESTERN auf KAMPNAGEL

SHESHEPOP´s 7SCHWESTERN beziehen das Prosowsche „Haus der gepflegten Verzweiflung“, indem sich Tschechow’s DREI SCHWESTERN in Träumen von einem Leben verlieren, das sie nicht leben. Tschechow’s Schwestern erträumen sich ein Leben außerhalb ihres tatsächlichen provinziellen, beschränkten, bürgerlichen Lebens und ertragen mit Hilfe dieser Träume ein Leben, das sie so eigentlich nicht führen wollten. Dazu sind SHESHEPOP nicht bereit. Der Resignation und Stagnation der 3 Schwestern von Tschechow versuchen die 4 Schwestern von SHESHEPOP eine Reflektion und Konfrontation entgegenzusetzen.

Nachdem SHESHEPOP’s TESTAMENT, eine Thematisierung des Generationenkonflikts und des Alterns in Anlehnung an Shakespeare’s King Lear, zum Theatertreffen eingeladen wurde und von allen Seiten hochgelobt wurde, war es ja praktisch zu erwarten, dass ihre neue Produktion mit viel Skepsis, Hähme, Kritik überschüttet werden würde. Und dann noch dieses Thema: Mutterschaft. Rollenbilder und –konflikte. Frauen-Themen. Wen soll das begeistern? Frauen? Die selbst in eben diesen Konflikten stecken oder diese Konflikte am Liebsten ausblenden würden? Oder Männer? Die davon sowieso nichts hören und schon gar nicht spüren wollen? Schwieriges (Minen-)Feld also. Und ein Blick in die Kritiken zum Stück bestätigt das nur. Skepsis, Hähme, Kritik. Vereinfachung, Stigmatisierung, Neutralisierung. Das übliche (Medien-)Spiel.

Dabei sind die 7SCHWESTERN in ihren Konflikten überhaupt nicht auf „Frauen-Probleme“ zu reduzieren. In erster Linie geht es um die grundlegende „Angst, das Leben zu vergeuden“. Und hier treffen sich SHESHEPOP und die 3 Schwestern von Tschechow. Und diese Angst, das Leben zu vergeuden, stellt sich aus der Perspektive jenseits der 30er eben anders dar als aus der Sicht der Jugendlichkeit, aus der alles auf Zukunft, auf Möglichkeiten, auf Utopie gerichtet ist.

Klärt sich die Sicht im Alter?

Irgendwann erfolgt zwangsläufig eine rückblickende Infragestellung dieser (utopischen) Zukunft, die jetzt Gegenwart sein sollte und der (eher real-politischen) Zukunft, die aus dieser tatsächlichen Gegenwart heraus überhaupt noch möglich ist.

Wie will ich leben? Und was tue ich, um so zu leben? SHESHEPOP stellen die Frage nach Utopie und Praxis: Rückzug ins Private oder offensiver Schritt in die Öffentlichkeit? Arbeit oder Familie? Oder sind diese Begriffe nicht völlig irreführend? War das Private nicht mal politisch? Ist Familie nicht Arbeit, und ist jede bezahlte Arbeit wirklich Arbeit? Ist Bezahlung die maßgebliche Währung oder eher Anerkennung? Aber wie lässt sich Anerkennung von außen finden, wenn das Haus nicht verlassen wird? Und ist draußen wirklich besser als drinnen? Erfolgt der Rückzug ins Private nicht gerade deshalb, weil draußen eben doch eher feindlich ist und ARBEIT nicht immer LEBEN bedeutet?

„Ich will hier gar nicht raus, das ist meine Utopie hier!“

Und so arbeiten sich die Schwestern ab an Arbeitsbegriffen und –definitionen, an Rollenvorstellungen, der Rolle Frau, der Rolle Mutter und allen ihren Zuschreibungen und Stigmatisierungen („Mutter-Ghetto“). Diese Repräsentationsarbeit findet nur selten direkt auf der Bühne statt, sondern wird repräsentiert durch Livecam-Einspielungen aus den verschiedenen repräsentativen Räumen des vermeintlich öffentlichen Hauses der Schwestern, deren öffentlicher Salon als Ort öffentlicher Diskurse dienen soll, letztendlich aber eher als Schlüsselloch in private Sphären fungiert, die sonst nur selten in den Blick einer Öffentlichkeit geraten.

Mutterschaft spielt bei SHESHEPOP (anders als bei Tschechow) eine zentrale Rolle, da die Kinderfrage alles verändert – und auch spalten kann. Erfolgt eine gegenseitige Stigmatisierung und Ent-Solidarisierung aufgrund der Kinderfrage? Und hier stellt sich auch (anders als in der Gesamt-Gesellschaft) die Frage nach Solidarität – wie soll die in der Praxis aussehen? Auf welcher verbindenden Grundlage? In welchem zeitlichen Rahmen? Wenn die Kinder in der Kita sind? Oder in den einsamen Nächten? Kinder verändern die Lebenssituation grundlegend und somit auch die vorher vielleicht mal gemeinsamen Perspektiven. Und ist ein Kollektiv möglich ohne verbindende gemeinsame Perspektiven? Da diese Fragen einiges an Konfliktpotential beinhalten, greifen SHESHEPOP auf Methoden wie aus F.O.R.T. (Frauen organisieren radikale Therapie) bzw. M.R.T. (die Männer-Variante) zurück, was mit zu den kuriosesten Momenten des Abends zählt.

Ein anderer großartiger Moment ist der vermeintlich „Offene Moment“ – dessen Zauber in den verheißungsvollen vermeintlichen Möglichkeiten liegt und der durch Stille, durch Warten verlängert werden soll, was aber dazu führt, dass der Moment ungenutzt verstreicht – und seine Offenheit verliert: das Problem der Entscheidungslosigkeit, der Passivität, der Verstrickung in Theorie – ohne Praxis. Und eben hier liegt die Parallele zu Tschechow’s Schwestern, die ganz offensichtlich niemals das Leben führen werden, von dem sie träumen, die niemals nach Moskau kommen werden, die sich aber mit der Hoffnung auf Moskau am Leben erhalten und so eine unaushaltbare Situation aushalten. Die 7SCHWESTERN schicken am Ende die Kinder raus aus dem Haus, den Strukturen und Zwängen, auf der Suche nach Kollektivität und Utopie, eben „Nach Moskau!“. So dienen die Kinder einerseits als Hoffnungsträger eigener unerfüllter Träume, gleichzeitig löst sich so auch die Kinder-Problematik… zumindest in der Utopie, nicht in der Realität. Und so endet der Abend auch mit den resignierten und der eigenen Hilf- und Bedeutungslosigkeit bewussten Worten der Tschechow’schen Olga: „Man wird uns vergessen, unsere Gesichter, Stimmen und wie viele wir waren …“

Und auch SHESHEPOP haben keine Antwort auf diese existentiellen Fragen, aber dafür die Entschlossenheit, sich diesen Fragen zu stellen, und zwar nicht vereinzelt und im Privaten, sondern kollektiv und in der Öffentlichkeit.

Großartig.

7schwestern.jpg

Konzept: She She Pop. Mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf. Assistenz: Kaja Jakstat. Bühne: Sandra Fox. Assistenz Bühne: Janna Schaar. Kostüm: Lea Søvsø. Technische Leitung: Jürgen Salzmann. Sounddesign: Jeff McGrory. Produktion/ PR: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro. Administration: Elke Weber. Hospitanz: Sarah Kuska

Eine Koproduktion von She She Pop mit dem Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg und dem FFT Düsseldorf.

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