She She Pop inszenieren TESTAMENT auf Kampnagel

„Diskurs-Performance-Theater“, wenn so was drauf steht, bin ich sofort skeptisch, da meist wenig inhaltliche Diskurse und dafür viel oberflächliche Performance drin sind (wie der grauenvollste je erlebte Abend bei Kampnagel „Kim – Schöner Mann, hässliche Frau“ oder so ähnlich, der in seiner hohlen, verkoksten Teletubbies-beim-Sex-Ästhetik jeder Beschreibung spottet). Und wenn dann noch She She Pop drauf steht, lässt sich Schlimmstes (süß, witzig, aufmüpfig) befürchten. She She Pop ist der wohl irreführendste Name für eine Performance-Theater-Truppe, weckt er (zumindest bei mir) Vorstellungen von „modernen Alpha-Girlies“, die alles witzig finden, sich aber „gar nichts sagen lassen“ und dabei immer „sexy“ sind. Die holen ihre eigenen Väter auf die Bühne? Klingt nach exhibitionistischem Pseudo-Authentisch-Theater. Dachte ich. Und wurde so auf meine eigenen vorschnellen Urteile und oberflächlichen Beurteilungen gestoßen.

Stattdessen werden kluge Fragen über den Umgang mit Alter gestellt, die jeden jenseits von allem Identitäts-Gehabe auf sehr persönliche Weise betreffen und wahrscheinlich gerade daher kaum irgendwo über ein Nachmittagsfernseh-Niveau hinaus diskutiert werden. Alle sind Kinder von jemandem, alle Kinder werden älter. Alle haben Eltern, alle diese Eltern werden älter.

Ein Umgang mit den daraus resultierenden Fragen wird jedoch selten so offensiv und dabei dennoch respektvoll-sensibel angegangen wie hier: indem die Betroffenen der jeweiligen Generationen, in diesem Fall vier Mitglieder von She She Pop und drei ihrer Väter, in direkte Aus- und Verhandlungen treten, aus denen sich ein intensiver wechselseitiger Austausch entwickelt. Den Rahmen bietet Shakespeare’s King Lear, der Klassiker der Eltern-Kind-Generationenfrage. Der Inhalt bezieht sich jedoch vielmehr sowohl auf allgemeine Aspekte des „Generationenwechsels / -konflikts“ als auch auf ganz persönliche Fragen der jeweiligen Kind-Vater-Beziehungen der Anwesenden. Wer wird wen unterstützen? Wer wird wen pflegen? Wer wird wo wohnen? Wer wird was vererben? Wer hat welche Erwartungen an die jeweils andere Generation? Schwarz-Weiß-Konflikt-Bilder werden hier ebenso demontiert wie verkitschte Heile-Welt-Illusionen

Selten wurde ich von einem so reflektierten, sensiblen, tiefgehenden und dabei unterhaltsamen Theaterabend überrascht. Die Bezeichnung „Diskurs-Performance-Theater“ ist hier endlich mal tatsächlich gerechtfertigt und absolut positiv connotiert.

Trailer vom Festival Impulse:

 

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