SHE SHE POP präsentieren ihre SCHUBLADEN auf Kampnagel

SHESHEPOP verfolgen „autobiografische Recherche-Projekte“ voller Selbstreflexion, ohne in eine reine Selbstbespiegelung zu verfallen. Dass SHESHEPOP dabei nicht wie Narziss ins Wasser fallen, liegt vor allem daran, dass sie sich uneitel präsentieren und dennoch sehr respektvoll mit sich selbst, mit ihren Themen und mit ihren Mitspielerinnen umgehen. Diese Mitspielerinnen sind im Fall von SCHUBLADEN drei Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind und nun mit drei der in der BRD sozialisierten SHESHEPOP-Aktivistinnen einen Austausch, eine Konfrontation eine Begegnung gestalten.

Alle Beteiligten haben ihre Schubladen in Form von Büchern, Schallplatten und Bildern mitgebracht, um anhand dieser Erinnerungsgegenstände Vorurteile, Klischees und Erwartungshaltungen auf den Tisch zu packen. Das Ganze ist organisiert wie eine Spielshow oder wie beim Flaschendrehen pubertärer Partys oder wie der geregelte Schutzraum einer FORT-Gruppe [FrauenOrganisierenRadikaleTherapie], so dass alle möglichen Konfrontationen sehr respektvoll und geregelt ablaufen. Auch wenn ich eigentlich ein Freund von direkteren Formen der Konfliktbewältigung bin [zumindest im Schutzraum Theater], finde ich diese Herangehensweise von SHESHEPOP extrem gelungen, da so der Big-Brother-Effekt vieler pseudo-authentischer Inszenierungen gar nicht erst aufkommt.

Der Abend thematisiert die gemeinsame und dennoch grundverschiedene Erinnerung an die Wende-Zeit – ohne dabei in hilflose Versuche einer Rekonstruktion oder eines Reanactments abzudriften. Die sehr subjektiven Erinnerungen der Darstellerinnen sind auch als solche gekennzeichnet, so dass der Sprecherstandpunkt immer transparent ist. Nostalgische Vergangenheitsverklärung wird ebenfalls als solche kenntlich gemacht. Der Abend geht ohnehin über reine Retro-Romantik hinaus, da immer wieder die Auswirkungen dieser Vergangenheit in die gegenwärtige Lebensrealität der Darstellerinnen verdeutlicht werden. Durch ironische Überzeichnungen, musikalische Einspielungen mit großartigen Bürostuhl-Choreografien [zum Beispiel Stuhl-Pogo zu „Violet“ von Hole] und dramaturgisch clevere Brüche bleibt die Inszenierung erstaunlich konstant unterhaltsam, witzig und kurzweilig. Das klingt jetzt fast wie ein Verriss, aber in diesem Fall meine ich das ganz im Ernst, ohne Ironie!

SCHUBLADEN erhält Authentizität nicht dadurch, dass die Darstellerinnen auf der Bühne ihr Innerstes entblößen müssen, sondern dadurch, dass die Art und Weise, wie und wonach gefragt wird, etwas sehr authentisches hat. „Wir sind ja keine Historikerinnen“, stellt Lisa Lucassen klar, was bedeutet, dass sie sich im Zweifelsfall für die bessere Geschichte entscheiden, die ihrer Meinung nach wahr sein könnte. Johanna Freiburg betont außerdem, dass gerade der fiktive Rahmen einer Inszenierung Fragen ermöglicht, die im wirklichen Leben oft gar nicht gestellt werden.

Und genau darin liegt meiner Meinung nach auch die Stärke von SHESHEPOP: im Stellen der richtigen Fragen, nicht im Geben von falschen Antworten.

 

ein Beispiel für musikalische Nostalgie:

Trailer von SHESHEPOP zu SCHUBLADEN:

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