Kafkaesque? ICH, DAS UNGEZIEFER im MalerSaal SchauSpielHaus

Erster Eindruck beim Betreten des sonst eher weitläufig und kühl wirkenden MalerSaals: düstere Enge. Das Bühnenbild von ICH, DAS UNGEZIEFER nach Kafkas Erzählung DIE VERWANDLUNG ragt bis in die Zuschauerreihen hinein: Dunkle genietete Eisenträger, die sich zur Bühne hin verengen, wo ein alter Tisch und Stühle wie am Ende eines Tunnels unter Tage warten und Assoziationen zu anderen Kafka-Erzählungen wie dem HEIZER oder dem BAU wecken.

Franz Kafka

Franz Kafka

Kafka hat für mich immer etwas Bedrohliches und Klaustrophobisches, aber Regisseur Viktor Bodó kitzelt aus dem Stoff ungeahnte Pointen und Kalauer heraus, die mit viel Slapstick und fantastischen Bildern von einem enormen Ideenreichtum zeugen. Bodó hat bereits andere Erzählungen von Kafka inszeniert, wie den PROZESS in Budapest oder das SCHLOSS am Schauspielhaus Graz, aber auch ALICE nach Lewis Caroll’s surrealen Erzählungen. Bodó hat offensichtlich eine Vorliebe für skurrile Fantasiewelten. Wie er das konkret bei ICH, DAS UNGEZIEFER umsetzt, will ich hier gar nicht näher beschreiben, da die Handlung der VERWANDLUNG vielen bekannt sein dürfte und Slapstick und Überraschungseffekte Beschreibungsversuchen sowieso immer spotten.

In einem Interview sagte Bodó zu seinem Regieansatz: »[…] was wäre, wenn diese Verwandlung heute stattfinden würde? Wie verhält sich unsere Gesellschaft gegenüber Menschen, die nicht mehr funktionieren? Für uns war das eine der wichtigsten Fragen.«

Am Ende des UNGEZIEFERs fragte ich mich: Ist das jetzt kafkaesque? Eher Kafka im Wunderland, oder Kafka auf Koks. Oder Kafka nach Herbert Fritsch. Aber: Habe ich mich prima amüsiert? Unbedingt. War das Ensemble mitreißend? Keine Frage. Haben mich die tiefen Griffe in die olle Zauberkiste des Theaters beeindruckt? Durchaus. Reicht mir das? Nein. Leider. Witze, Skurilitäten und Absurditäten sind mitreißend und beeindruckend, aber leider auch erdrückend. Ruhigere Passagen, Dialoge und Konflikte können dagegen nicht ankommen. Aber vielleicht ist das eine gelungene Parabel auf unsere Gesellschaft der Spektakel?

Kafkas Brief an den Vater - dieser Konflikt ging bei ICH, DAS UNGEZIEFER im allgemeinen Lachen eher unter

Kafkas Brief an den Vater – dieser Konflikt ging bei ICH, DAS UNGEZIEFER im allgemeinen Lachen eher unter

DER PROZESS von Andreas Kriegenburg hat bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen, da hier die Absurdität eher bedrohlich als hysterisch wirkte.

Ich, das Ungeziefer
nach Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung«
von Péter Kárpáti / Deutsch von Sandra Rétháti

Es spielen: Karoline Bär, Gábor Biedermann, Andreas Grötzinger, Ute Hannig, Carlo Ljubek, Aljoscha Stadelmann, Samuel Weiss, Gala Winter
Regie: Viktor Bodó, Ausstattung: Juli Balázs, Musik: Klaus von Heydenaber, Licht: Andreas Juchheim, Sounddesign: Gabor Keresztes, Dramaturgie: Sybille Meier, Anna Veress

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