Das Theater mit der Jelinek

Elfriede Jelinek ist in der kleinen und überschaubaren Theaterwelt von Hamburg gerade unumgänglich.

Im November habe ich ja bereits über DIE SCHUTZBEFOHLENEN nach Elfriede Jelinek in der Regie von Nicolas Stemann am Thalia Theater geschrieben [mehr zu den SCHUTZBEFOHLENEN und der Frage, ob und wie Theater politisch sein kann, hier]

Aber auch die letzten Theatergänge standen für mich ganz unter dem Zeichen von Elfriede Jelinek: WINTERREISE im Thalia Gaußstraße, PFEFFERSÄCKE IM ZUCKERLAND + STRAHLENDE VERFOLGER im MalerSaal vom SchauSpielHaus und das Gastspiel der Münchner Kammerspiele von DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN.

Jelinek legt es ja gerne auf Überforderung an, also passt dieser Jelinek-Marathon auch wunderbar. Zumal alle drei Herangehensweisen und Inszenierungen an die ausufernden Textflächen meiner Lieblings-Nestbeschmutzerin und verpönten und verhöhnten Feministin vollkommen unterschiedlich waren:

Regisseurin Anne Lenk lässt in der WINTERREISE ihre fünf beeindruckenden Darstellerinnen die Texte im Chor skandieren, manchmal harmonisch, manchmal dissonant, später auch in Monologen. Die Monologe sind thematisch dem Lebensalter der Darstellerinnen entsprechend angeordnet, und über allem liegt wie so oft bei Jelinek: der Tod. Mit Bildern und Gesten geht diese Inszenierung eher sparsam um, zugunsten von vielen musikalischen Anklängen, wie Schuberts Winterreise ja auch nahelegt. Das funktioniert auch gut, unterhält und überfordert nicht zu sehr. Aber: bei Jelinek bin ich ganz gerne überfordert, und zu gefällig finde ich bei Jelinek immer schwierig.

Die gleiche Kritik hätte ich an den PFEFFERSÄCKEN + VERFOLGERN: Karin Beier gelingt es hier, eine ganz eigene Form der Inszenierung zu entwickeln, indem die Zuschauer zunächst wie durch ein Museum der Deutschtümelei wandeln und über Audio-Guides an verschiedenen Stationen unterschiedliche Erzählungen und Aspekte deutscher Brasilien-Auswanderer lauschen können. Später kommen auch hier die für Jelinek-Inszenierungen naheliegenden Chöre zum Einsatz, in Form von drei Museumsaufseherinnen, die sich sowohl an ihre Exponate als auch an die Zuschauer wenden. Die Form der Inszenierung finde ich bemerkenswert und weitestgehend sehr gelungen, aber auch hier empfinde ich alles als viel zu gefällig: Es fehlen die verstörenden Momente, die Zuschauer können viel zu unbehelligt und amüsiert durch die Inszenierung schlendern, es fehlt nur noch der Sekt oder das Bier zum allgemeinen Übereinstimmen über diese kuriosen zur Schau gestellten Deutschen, in denen sich doch jeder so schön wiedererkennt und gleichzeitig bequem distanzieren kann: Gemeinschaftliches Kuscheln fürs Bildungsbürgertum – und das sind, wie es im Stück heißt, eh immer Deutsche.

Etwas weniger bequem ist die Inszenierung DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN von Johan Simons, indem es um die NSU-Affäre und den schleppenden und zermürbenden Prozess um Beate Zschäpe geht, die nichts sagt. Die Inszenierung ist auf eben diese absurd-langweilige Gerichtssituation angelehnt und entsprechend zermürbend und ermüdend. Aber zumindest stimmig. Dennoch: „Die bösen Geister werden so nie ausgetrieben werden…“, wie es im Stück so treffend heißt. Denn das Gesagte oder Nicht-Gesagte spült über die Zuschauer hinweg, und am Ende? „Jetzt ist die Spur weg, auch die dieses Satzes.“ Dabei gibt es so viele so bemerkenswerte Sätze. „Deutschland, du feiste Mutter, ja du bringst solche Kinder hervor, da kannst du stolz drauf sein!“

Aber so ist das ewige Theater mit der Jelinek: Die Texte sind einfach schwer zu greifen und zu begreifen schon gar nicht. Das zeichnet sie aus, aber das ist auch ihre Gefahr. Was wird gesagt, was wird nicht gesagt. Und noch viel mehr: Was wird getan, was nicht. Wer ist Opfer, wer ist Täter, und welche Taten führen zu Täterschaft? Was wird gehört, was wird nicht gehört? Dazu noch eine sehr stimmige Szene aus dem schweigenden Mädchen: „Der V-Mann wird uns sagen, was wir gerne hören wollen: [minutenlange Stille, nichts]“

Ich glaube, eine der besten Jelinek-Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe, war RECHNITZ, DER WÜRGEENGEL von Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen, da hier Form und Inhalt sich gegenseitig verstärkt haben.


DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN von Elfriede Jelinek
Regie: Johan Simons, Musiker: Gertrud Schilde, Salewski, Sachiko Hara, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Klaus Bruns, Musik: Carl Oesterhelt, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Tobias Staab
Mit: Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Risto Kübar, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Steven Scharf, Thomas Schmauser

DIE SCHUTZBEFOHLENEN nach Elfriede Jelinek
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Nicolas Stemann, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Nicolas Stemann, Live-Musik: Daniel Regenberg, Video: Claudia Lehmann, Dramaturgie: Stefanie Carp
Mit: Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph und ein „Flüchtlingschor“

PFEFFERSÄCKE IM ZUCKERLAND – Eine Menschenausstellung
STRAHLENDE VERFOLGER – von Elfriede Jelinek
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Hannah Petersen, Musik: Jörg Gollasch, Dokumentarfilm/ Kamera: Jorge Bodansky, Video: Meika Dresenkamp, Choreografie: Valenti Rocamora i Torà, Thomas Stache, Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Florence Adjidome, Yorck Dippe, Ute Hannig, Rosemary Hardy, Markus John, Martin Pawlowsky, Sasha Rau, Bastian Reiber, Mariana Senne, Michael Weber, Kathrin Wehlisch, Michael Wittenborn, u.a., Musiker:Malte Witte

WINTERREISE von Elfriede Jelinek
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Silja Landsberg, Musik: Frieder Hepting, Dramaturgie: Natalie Lazar
Mit: Alicia Aumüller, Britta Hammelstein, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer, Patrycia Ziolkowska

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