Theater + Politik: DIE SCHUTZBEFOHLENEN von Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek hat „Die Schutzbefohlenen“ ursprünglich im Zusammenhang mit der Inszenierung „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ von Nicolas Stemann als direkte Reaktion auf die Ereignisse der im Mittelmeer harvarierten oder in Italien und später auch in Österreich und Deutschland gelandeten Lampedusa-Flüchtlinge geschrieben. Ihr Text ist entsprechend wütend, aber auch Ausdruck einer Hilflosigkeit: Wie kann Flüchtlingen, die zur Hilflosigkeit im undurchschaubaren und häufig auf reiner Auslegung beruhenden europäischen Asylsystem verdammt sind, eine Stimme gegeben werden? Die Inszenierung thematisiert diese Problematik sehr anschaulich und verdeutlicht, dass Theater hier nur die Funktion von „Stellvertretern, die für Stellvertreter sprechen“ erfüllen kann.

„What you see here is illegal“

DIE SCHUTZBEFOHLENEN von Elfriede Jelinek. Foto: Adrian Anton

DIE SCHUTZBEFOHLENEN von Elfriede Jelinek. Foto: Adrian Anton

Am stärksten ist die Inszenierung an den Stellen, an denen sie den Jelinek-Text mit Kommentaren zur aktuellen Situation verschränkt, wenn zum Beispiel die Namen derer verlesen werden, die inzwischen ausgewiesen wurden. Oder wenn eine Journalistin aus dem Iran von ihrer Verfolgung, Flucht und den Schwierigkeiten bei ihrer Ankunft in Deutschland berichtet, da sie weder ein Konto einrichten noch Leistungen erhalten konnte. Oder wenn ein Flüchtling aus Afghanistan von seiner Kindheit im Iran und der ständigen Bedrohung erzählt. Oder wenn die Gruppe Lampedusa konstatiert: „We didn’t choose this, We didn’t write this, Someone else wrote this, Someone like you“

„Wir können euch nicht helfen,
wir müssen euch doch spielen!“

Die SCHUTZBEFOHLENEN werfen auch die Frage auf, wie politisch Theater eigentlich sein kann. Was ist politisch, wann beginnt eine reine Ästhetisierung des Politischen? Kann Theater überhaupt politisch sein? Und wenn ja, wie? Denn die Inszenierung der SCHUTZBEFOHLENEN bewegt sich völlig im Rahmen der üblichen Theaterkonventionen: Die Zuschauer können hier bequem und distanziert hinter der vierten Wand einem postdramatisch-inszenierten Flüchtlingsdrama inklusive poppiger Songs und vieler Lacher beiwohnen, ohne ihre sichere Komfortzone verlassen zu müssen. Die Flüchtlinge, die dem Stück erst so etwas wie „Authentizität“ und Schlagkraft verleihen, können das nicht.

„This situation is killing us“

Die Flüchtlinge, die bei den SCHUTZBEFOHLENEN mitwirken, haben zwar alle eine Beschäftigungserlaubnis erhalten, aber ihr Aufenthaltsstatus ist dadurch nicht gesichert, so dass sie weiterhin in völlig unsicheren Situationen leben müssen. Hier sind die Grenzen zwischen Theater und Realität und Politik nicht mehr klar, denn diese SCHUTZBEFOHLENEN können nach der Vorstellung nicht sagen: „So, Feierabend, ich geh‘ jetzt nach Hause.“ Allerdings ist davon auszugehen, dass hier das Theater und die öffentliche Aufmerksamkeit zumindest einen temporären Schutz darstellen sollten. Zumindest für die Mitwirkenden hat hier Theater also tatsächlich eine politische Wirkung, wenn auch sehr begrenzt und temporär.

Nachtrag Dezember 2014: Die AfD will Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard verklagen, da auf Kampnagel sechs Flüchtlinge temporäre Unterkunft erhalten haben…

MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle @Kampnagel

MakeLoveNotFlüchtlingskontrolle @Kampnagel

Nachtrag Februar 2015: DIE SCHUTZBEFOHLENEN wurde zum Theatertreffen 2015 nach Berlin eingeladen. Hier die Begründung der Theatertreffen-Juri von Barbara Burckhardt:

Bereits am 21.09.2013 wurden Teile der SCHUTZBEFOHLENEN in einer Art Urlesung   von Mitgliedern des Thalia-Ensembles und Lampedusa-Flüchtlingen in der St. Pauli Kirche aufgeführt:

DIE SCHUTZBEFOHLENEN nach Elfriede Jelinek
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Nicolas Stemann, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Nicolas Stemann, Live-Musik: Daniel Regenberg, Video: Claudia Lehmann, Dramaturgie: Stefanie Carp
Mit: Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph und ein „Flüchtlingschor“

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