Verwirrend + berührend: DER TAG DER WEISSEN BLUME im Deutschen Theater Berlin

Worum es in DER TAG DER WEISSEN BLUME von dem in Moskau lebenden Schriftsteller Farid Nagim geht? Das ist gar nicht so einfach zusammenzufassen und ohne die vorherige sehr gute Einführung von Dramaturg John von Düffel hätte ich das meiste wohl auch gar nicht verstanden. Es geht um zwei Geschwisterpaare, die auf den ersten Blick nichts verbindet: Die einen leben in den Wirren der Oktoberrevolution von 1917 in Angst vor der Roten Armee, die anderen leben im heutigen Moskau und werden von ihrer Vermieterin, der korrupten Polizei sowie von Geld- und Zukunftssorgen geplagt. Aber auch wenn ich die einzelnen Handlungsstränge und die unterschiedlichen Zeitebenen nicht immer verstehe, wird im Lauf des Stücks klar, worum es eigentlich geht: Übergeordnet geht es um Leben in lebensfeindlichen und gewalttätigen Systemen, aber auch um die Gewalt der einzelnen Menschen untereinander in ihrem direkten sozialen Umfeld.

Klingt bedrückend? Ist es auch, aber vor allem berührend und aufwühlend. Positive Lichtblicke oder kleine utopische Hoffnungsmomente erleben die verlorenen Figuren durch die Musik, die den Rahmen der Inszenierung bildet. Die erste Szene beginnt wie in einem Übungsraum und endet mit einem letzten Versuch der Verlorenen, an die enttäuschten Hoffnungen anzuknüpfen, mit WHERE IS MY MIND? von den Pixies.

Hintergründig: Hinter der Bühne von DER TAG DER WEISSEN BLUME in der Box im DT. Foto: Adrian Anton

Hintergründig: Hinter der Bühne von DER TAG DER WEISSEN BLUME in der Box im DT. Foto: Adrian Anton

Habe ich alles verstanden? Wohl kaum. Die Inszenierung von Regisseur Stephan Kimmig ist auch nicht auf eindeutiges Verstehen, klare Aussagen oder einfache Antworten ausgerichtet. Stattdessen verstören die ständigen Sprünge, die unklaren Szenenwechsel und die unvermittelten Gewaltausbrüche. Aber gerade die ständige Verunsicherung und Verstörung während des Stücks haben den Effekt, dass sie nicht nur aufwühlen, sondern die Zuschauer auch hellhörig werden lassen und für die Zwischentöne sensibilisieren. Die feinsinnigen Darsteller, vor allem Kathleen Morgeneyer und Benjamin Lillie, aber auch die weniger im Fokus agierende Heike Makatsch und Felix Goeser, schaffen es, den Inhalt und Gehalt von DER TAG DER WEISSEN BLUME spürbar zu machen, auch wenn die Handlungsstränge nicht immer klar verständlich sind.

Mein Fazit: Endlich mal wieder keine weichgespülte Unterhaltung, sonder sehr körperliches und im besten Sinne des Wortes sinnliches Theater, das Fragen und starke Eindrücke hinterlässt. Und einen Pixies-Ohrwurm…

Tag der weißen Blume von Farid Nagim, Übersetzung aus dem Russischen von Yvonne Griesel
Regie: Stephan Kimmig, Bühne und Kostüme: Merle Vierck, Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Kathleen Morgeneyer, Benjamin Lillie, Heike Makatsch, Felix Goeser

Deutsches Theater Berlin. Foto: Adrian Anton

Deutsches Theater Berlin. Foto: Adrian Anton

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