FURCHT + TADEL: Kafkas AMERIKA im Thalia in der Gaußstraße

Am 11. September hatte in der Garage des Thalia in der Gaußstraße „Amerika“ nach dem Romanfragment von Franz Kafka Premiere.

Kafkas AMERIKA – Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen…

Bastian Kraft inszenierte eine von ihm selbst und seinem Haupt-Darsteller Phillip Hochmair erarbeitete Textfassung des von Kafka unter dem Titel „Der Verschollene“ 1912 begonnenen und nie vollendeten Romans. Innerhalb von 75 Minuten machen die beiden die Zuschauer zu Beobachtern und Konsumenten der Erlebnisse des jungen Karl Roßmann (der Kafka-typische K.-Name), der sich ungefragt, ungewollt und unverhofft in die große weite Welt der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten gestoßen sieht. Und was er erlebt ist nicht angenehm, auch nicht für den Zuschauer, denn vor der beklemmenden Atmosphäre gibt es kein Entkommen.

Der Verschollene in der Zelle

Für Karl erweist sich die große weite Welt zunächst als klaustrophobisch-enge Plexiglas-Zelle (Ausstattung Peter Baur). Keine erkennbaren Ausgänge, Neonröhren an der Decke, metallische Spiegel auf dem Boden, endlose Widerspiegelungen im Glas. Der Zuschauer glotzt auf Karl wie auf ein Tier in einem Käfig, einen Goldfisch im Glas, ein Konsumgut im Schaukasten. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch den über der Zelle angebrachten Monitor, über den wie auf Werbe- und Hinweistafeln rote Digitalanzeigen Kapitelüberschriften einblenden – oder Aufnahmen von Karl, die sein einziger Begleiter, Gefährte, Kommunikationspartner von ihm macht: eine DigiCam. Der Terror und Schrecken, den normalerweise nur die ganze weite Welt voller trügerischer Versprechungen, Erwartungen und Möglichkeiten ausüben kann, versammelt sich an diesem Abend auf wenigen Kubikmetern, konzentriert auf eine Person.

Voller Spielwut zeichnet Phillip Hochmair die Erlebnisse des jungen Karl facettenreich nach: Die einsame aber erwartungsvolle Fahrt nach Amerika, die unerfreulichen Gründe dafür, die Suche nach Halt beim Heizer, die unverhoffte Begegnung mit seinem Onkel, das folgende harte Training um ein guter (ergo: erfolgreicher) Amerikaner zu werden, verbunden mit der Hoffnung auf Nähe zu seinem Onkel, das plötzliche Ende dieser Hoffnungen, die folgenden Irrungen und Wirrungen, Begegnungen und Versuche des Fuß-Fassens, des Halt-Gewinnens.

Erst nach einer Reihe von Enttäuschungen und Demütigungen, die bis an den Rand der körperlichen Zerstörung reichen, tritt Karl erniedrigt und fast nackt aus seiner Zelle, immer noch nach jedem Strohhalm der Hoffnung greifend, die AMERIKA verspricht. „Oh ja, niedere technische Arbeiten, das wollte ich schon immer machen!“ Ob die Versprechungen und Verheißungen (hier in Gestalt von Theater) diesmal von Bestand sind, bleibt offen – wie im „richtigen Leben“, was auch immer das im großen Falschen auch sein mag.

Auch die Musik folgt dem Spannungsbogen der recht harmlos beginnenden, zunehmend verstörenden und schließlich überzogen hoffnungsvollen und dadurch trügerischen Handlung und Stimmung des Stücks: anfängliche Ruhe weicht einer atonalen, beinahe schmerzhaften Geräuschkulisse, bis als Erlösung vom Lärm schließlich unglaublich hoffnungsvolle, sphärische Musik erklingt, die aber bereits auch auf die eventuelle Unwirklichkeit dieser Hoffnungen hinweist.

Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free

AMERIKA steht für eine befremdende Welt, die Karl nicht versteht und nicht verstehen kann. Denn die Spielregeln sind unbekannt, werden von anderen (wie dem Onkel, dem Hotelmanager, den „Freunden“) gemacht. Karl wird immer erst mit bereits gefällten Urteilen konfrontiert, deren Konsequenzen er zu tragen hat. Egal, ob er für die Ursprünge und Ursachen verantwortlich sein kann oder nicht – er wird dafür verantwortlich gemacht.

Amerika an sich wird in AMERIKA nicht demontiert, es wird auch kein platter „Anti-Amerikanismus“ bedient, was in Zeiten universeller Globalisierung ohnehin etwas deplaziert wäre. Demontiert wird der Mythos des Traums der unbegrenzten Möglichkeiten: Es mag ja sein, dass die Freiheitsstatue (auch das erste, was Karl von Amerika sieht) mit dem Spruch wirbt: „Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free, The wretched,(…) the homeless, (…)“, doch was genau mit diesen Massen geschehen wird, bleibt offen. In AMERIKA wird deutlich, dass zu den unbegrenzten Möglichkeiten eben auch die Möglichkeiten des Scheiterns, der Demütigung und Verletzung gehören. Und wie die Medien tagtäglich beweisen, gibt es immer genügend Zuschauer, die an der Zurschaustellung dieser Erniedrigungen und Verletzungen gierig teilhaben. So wird den Zuschauern von AMERIKA sowohl vor als auch nach der Vorstellung buchstäblich der Spiegel vorgehalten: sind die Neonröhren in der Plexiglas-Zelle aus, spiegelt sich das Publikum in den Scheiben. Denn an diesem Abend sind wir, das Publikum, die Konsumenten der Erniedrigungen von Karl, die Phillip Hochmair schmerzlich sicht- und erlebbar macht.

Trailer vom Thalia Theater:

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