SCHEIN+SEIN: „JACKIE“ von Elfriede Jelinek in der Zentrale / Thalia Theater

„Jackie – Ein Prinzessinnendrama“ von Elfriede Jelinek hatte am 07. September 2009 in der Theaterbar Zentrale, ehemals Nachtasyl, des Thalia Theaters in Hamburg Premiere.

„Alle tot, alle tot, das ist halt einfach meine Welt, der Tod.“

„The truth about THE KENNEDYS“ von Luc Perceval eröffnete am 04. September auf der großen Bühne des Thalia die laufende Spielzeit unter der neuen Intendanz von Joachim Lux – und führte mit seiner monumentalen Text- und Bildlastigkeit zu gespaltenen Meinungen.

Benedikt Haubrich hingegen wählt einen anderen Weg: den der absoluten Reduzierung. Er inszeniert Jelineks „Jackie“ als einstündigen Monolog mit minimalistischen Mitteln auf der ehemaligen kleinen Probebühne, der jetzigen Theaterbar Zentrale, mit Katharina Matz. Nach ihrer Rolle in Jelineks „Ulrike Maria Stuart“, inszeniert von Nicolas Stemann, spielt sie nun wieder eine (Un-)Tote. Diesmal keine Terroristin/Königin, sondern die „Queen of America“, die im „wirklichen Leben“ Jacqueline Lee Bouvier Kennedy Onassis (1929-1994) hieß – und somit thematisch an die „KENNEDYS“ von Perceval perfekt anknüpft. „Jackie“ zeigt eine Medienikone und Projektionsfläche für eine gierige Öffentlichkeit – allerdings ohne die Seh- und Konsumgewohnheiten einer über-medialisierten Welt zu bedienen und zu reproduzieren.

„Ich entstehe durch Betonung und Betonierung“

Ganz im Einklang mit Jelineks generellem Anliegen, Mythen rigoros zu demystifizieren, bricht auch Haubrich mit sämtlichen Erwartungshaltungen: die von Jelinek vorgeschlagenen Regieanweisungen werden komplett ignoriert – oder brav befolgt, schließlich endet Jelinek mit der lapidaren Bemerkung: „Aber sie werden ja sicher was ganz andres machen.“ Und so müht sich Jackie weder mit ihren Toten ab, noch trägt sie das berühmte rosa Chanel-Kostüm, Blutspritzer gibt es auch nicht. Stattdessen erklimmt Katharina Matz strahlend-glatt und natürlich-geschminkt die schlicht-helle Holzbühne in einem schlicht-eleganten Etuikleid. Ohne die zu erwartende Jackie-O-Sonnenbrille, dafür mit altersgerechter Brille, die zumindest eine ähnliche Form hat. Auch die Haare sind weder dunkel noch betoniert, sondern altersgrau und nur leicht toupiert. Katharina Matz bricht mit ihrer Erscheinung mit der generellen Erwartungshaltung an eine Jackie – und erfüllt sie durch ihr Spiel doch, da sie sowohl die Eleganz, Disziplin und Erhabenheit als auch die Widersprüchlichkeit, Zerrissenheit und Brüchigkeit dieser allzu perfekten Stepford-Fassade eindringlich sichtbar und erfahrbar macht.

„Sie sehen uns, aber sie sehen in Wirklichkeit sich selbst, in uns.“

Während Luc Perceval „The truth about THE KENNEDYS“ bildgewaltig präsentiert, gibt es von Jackie – einer der meist-fotografierten Medienikonen – überhaupt keine Bilder. Dafür rotiert ein lautstarker Dia-Projektor immer dann, wenn Jackie in ihrem Monolog innehält. Ihr wird keine Ruhe gelassen, wie ein Blitzlichtgewitter rattern die unbelichteten, teils vergilbten und unterschiedlich stark verschmutzten Dias weiter, werfen Flecken und Risse auf die ansonsten so elegante Erscheinung (Projektion: Julian Brinkmann) – bis Jackie sich erneut in Pose wirft und weiter spricht. Über die Fehl- und Totgeburten, wahrscheinlich aufgrund einer Chlamydien-Infektion, übertragen von ihrem promiskuitiven Ehemann John F. Kennedy, seinen Affären, unter anderem mit Marilyn Monroe, dessen Ermordung am 22. November 1963, während Jackie im rosa Chanel-Kostüm neben ihm sitzt. Mal in lakonisch-beiläufigem Ton, mal zynisch-bissig. Nur selten wird sie wirklich emotional, bevorzugt wenn sie über ihre Kleidung spricht, während das Attentat auf J.F.K. eher als Nebensache erscheint. Selbst die Diagnose Krebs ist kaum der Rede wert, lediglich die wegen Chemo-Therapie ausgehenden Haare machen ihr zu schaffen. Denn diese Jackie im Scheinwerferlicht ist nichts als schöner Schein, eine zerrissene Persönlichkeit, so leer wie die immer wieder erbarmungslos-rotierenden Bilder.

„Ich bin Kleidung“

Jackie ist eine Figur zwischen Scheinwerfern, Blitzlichtern, und Kleidern, die sich der Bedeutung des Urteils der Öffentlichkeit für ihren eigenen Status als Herrscherin überaus bewusst ist und somit ihren Objekt-Status als Ikone fleißig mitgestaltet. Bei Jelinek werden Frauen nie als passive Opfer dargestellt, vielmehr zeigt sie die beschränkten strukturellen Handlungsspielräume auf, in denen diese agieren und sich arrangieren – und dabei unweigerlich verstrickt sind in die Stabilisierung und Konstruktion des eigenen Käfigs. In einer Thalia-Ankündigung heißt es, Jackie werde „zum Beispiel dafür, wie Frauen an der Schere zwischen Träumen und realer Lebenswirklichkeit zerbrechen können bzw. was sie das Überleben im Kontext von Männern, Macht und Schönheit kostet.“

Dieser Aspekt wird auch in der Rivalität zwischen Jackie und Marilyn immer wieder thematisiert. Die Parallelen sind offensichtlich: beide sind stilisierte Ikonen, die eine als „Queen of America“, die andere als „Sexgöttin“. Beide sind abhängig von ihrer äußeren Gestalt, dem schönen Schein und aufgrund ihrer Popularität Objekte der Begierde, von Klatsch und Sensationsgier. Beide sind wie zwei Seiten derselben Medaille, wie Licht und Schatten. Marilyn ist vergänglich wie das Licht, sie stellt ihren Körper ins Licht, verschwendet sich, Kleidung soll sie nackt aussehen lassen, sie ist Fleisch. Jackie hingegen ist beständig wie der Schatten, spart sich auf und geizt mit sich bis sie hinter ihrer Kleidung verschwindet. Voller Genugtuung und Triumph vernichtet sie ihre Rivalin verbal: „Sie ist nichts, und ihr bleibt nichts.“

Doch auch wenn Jackie diszipliniert bemüht ist, ihre feste Pose zu halten und nur Hülle und ganz Bild zu sein, muss sie immer wieder innehalten, sackt in sich zusammen – und wird mit ihrer eigenen Leere, Substanz- und Formlosigkeit konfrontiert, gegen die sie so vehement anredet: „Am liebsten würde ich zu mir selber hingehen, um mich zu trösten, aber da ist niemand.“

Die leeren Dias verweisen auf diese „Leere des Todes“, und von den unzähligen Bildern aus ihrem Leben bleibt am Ende: Nichts. Nur wechselndes Licht und Dunkel und eine leere Projektionsfläche, vielleicht ein bisschen Schmutz, kleine Risse, Alterserscheinungen.

„Eine derartige Kostbarkeit wie ich kommt aber nur zur Geltung,indem sie abwesend ist.“

Regisseur Haubrichs Inszenierung von „Tommy“ an der Berliner Schaubühne wurde wegen ihrer sparsam-minimalistischen Zurückhaltung kritisiert, seine „Jackie“-Inszenierung erzielt gerade durch diese Reduzierung auf den sprachgewaltigen Jelinek-Text, der nur wenig gekürzt oder verändert wurde, seine Wirkung: die Worte geben der fantastischen Katharina Matz ihre Form – und umgekehrt. Selbst beim Applaus scheint sie noch an Form und Haltung der Jackie festzuhalten – oder halten nur das Kleid und die Frisur diese Form? Jedenfalls schafft es Katharina Matz, das schwere Schicksal des Mythos „Jackie“ auf ihren Etui-Kleid-gestärkten Schultern zu tragen.

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