Wahnsinn + Methode: Nicolas Stemann inszeniert Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie.“ am Thalia Theater Hamburg.

WERTE+NICHTS: Capitalism will stay forever …

Stemann inszeniert sein fünftes Jelinek-Stück als großes, lautes, grelles Theater-Spektakel. Diesmal vielleicht noch lauter, mitreißender, aufwühlender als beispielsweise bei „Ulrike Maria Stuart“, trotz oder gerade durch seine Phasen der Längen, Unsicherheiten, Plattheiten und Verwirrungen. Denn:

In diesem Wahnsinn steckt Methode

…was mehr ist, als vom Thema des Stücks gesagt werden kann: der Wirtschaftskrise. Jelineks Stück liest sich zwar wie ein Kommentar zur Wirtschaftskrise, wurde aber bereits im August 2008, also vor dem Medien-Hype um Banken-Zusammenbrüche und ihre Folgen, geschrieben. Die Uraufführung fand bereits im April 2009 in Köln statt, doch wie Stemann zu Beginn ankündigt, handelt es sich um ein „offenes Konzept“ mit zu weiten Teilen frei und immer wieder neu improvisierten Passagen, so dass im Grunde jede Vorstellung eine Uraufführung darstelle. Was auch an der Autorin Elfriede Jelinek liegt, die anstelle von Figuren, Handlung oder Regieanweisungen einen gewaltigen, sich immer weiterspinnenden Text voller Anspielungen, Ambivalenzen, Redundanzen und Widersprüchlichkeiten von 240 Seiten produzierte. Für Köln kamen noch mal 30 Seiten dazu, für Hamburg weitere 40. Anders als bei Proben im herkömmlichen Sinn ging es laut Stemann eher um die Erarbeitung von Werkzeugen, um dem Text jeden Abend neu begegnen zu können. Schauspieler wie Zuschauer arbeiten sich somit bei jeder Aufführung zwischen 3 und 4 Stunden an einem auf 99 Seiten zusammengestrichenen Text ab, ein Teleprompter zählt bis Seite Null, dem endgültigen Ende, mit. Wer eine Pause brauche oder gehen will, könne dies gerne tun, Saaltüren blieben extra geöffnet, weist Conférencier Stemann noch hin und unterstreicht somit das „offene Konzept“ der Inszenierung.

„Das Schreckliche ist immer des Komischen Anfang“

Eingerahmt wird dieses „offene Konzept“ von nicht sehr vertrauenserweckenden Stahlträgern, auf denen Bauschutt über den Köpfen der Schauspieler wie das Schwert des Damokles zu schweben scheint. Die von Katrin Nottrodt gestaltete Bühne versucht nichts zu verstecken: Beamer, Schnittpult, Erfrischungsgetränke, alles sichtbar. Die Bühne spiegelt Stemanns Gesamt-Konzept wider: alle auf die Bühne, von der Souffleuse bis zum Kabelträger, nichts hinterm Vorhang, alles vermeintlich transparent und in seiner Künstlichkeit authentisch.

Auch Stemann selbst sowie Dramaturg Benjamin von Bloomberg fühlen sich auf der Bühne sichtlich wohl. Überhaupt ist unübersehbar, dass Stemann sich als Entertainer versteht, und er versteht sich darauf. Neben der persönlichen Einführung singt und spielt er, dirigiert das Publikum, auch mal im Samtkleid oder mit der unverzichtbaren und aus anderen Inszenierungen bekannten Jelinek-Perücke.

Er bedient sich in seiner Inszenierung bei einer bunten Palette aus Pop- und Medienkultur sowie dem gesamten Theater- und Musikfundus. Monologe, Dialoge, Chöre, Gesänge, Stimmen aus dem Off und vom Band. Dazu Projektionen, Filme, Standbilder, alle vor den Augen der Zuschauer live erstellt (Video: Claudia Lehmann). Jelinek selbst wird als Video-Botschaft eingeblendet. Es wird rezitiert, geschrieen, geflüstert, gesungen, getanzt, gekalauert, mit (Spiel-)Geld und Farbe um sich geschmissen, rumgelungert und rumgejammert. Manchmal scheinbar sinn- und zwecklos, aber so ist das mit dem Gejammer wohl auch, egal wie oft und laut „Oh weh!“ gesungen wird. In all dem geht es um Wut, Verzweiflung, Resignation, Unmacht und absurde Hilfe- und Hoffnungssuche bei Staat, Religion, in der Familie. Aber: es gibt keine Sicherheiten, das ist sicher. Unvereinbar prallen die Kleinanleger auf Kapitalisten. Allerdings nie in direkter Konfrontation, dafür sind sich die Welten zu fremd. Schafsköpfe, Opferlämmer und reißende Wölfe haben nur eines gemein: ihre Schuld. Alle Opfer, alle Täter.

Genau wie die globalisierten Kapitalmärkte spottet und entzieht sich die Inszenierung jeder Beschreibung oder sogar Analyse, denn:

„Zuviel Überblick würde nur Schaden!“

Was sich wie ein roter Faden durch den Abend zieht ist eine unglaubliche Musikalität: auf Ebene der Jelinekschen Sprachgewalt, aber vor allem im Zusammenspiel des Ensembles, das wie ein Orchester (oder eher wie eine avantgardistische Pop-Band) mit beeindruckendem Gespür für Rhythmus, Klang und Effekt die vielschichtigen Ambivalenzen der textlichen Bedeutungsebenen zum Schwingen und Klirren bringt. Die für die Musik verantwortlichen Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sind folgerichtig auch permanent präsent und Teil des großen, offenen Ganzen.

Dabei ist Stemanns vermeintlich offene und improvisierte Struktur mehr Geste oder Pose, denn die Inszenierung wird durch eine großzügige aber stabile Klammer gehalten und getragen, versinnbildlicht in den kalkuliert-unsicheren Stahlträgern des Bühnenbilds: gewollt wackelig, aber der Einsturz ist effektvoll-inszeniert.

Und auch wenn ab S. 64 der Eindruck entsteht, die gewollt-offene Struktur verliere sich in ungewollter Strukturlosigkeit (was ganze Scharen von Zuschauern zum Gehen bewegt), lohnt es sich bis zum Ende durchzuhalten und sich in den Sog dieses Chaos, dass die (Wirtschafts-)Welt nun einmal ist, mitreißen zu lassen. So kehrt der „Chor der Kleinanleger“ des Anfangs als „Engel der Gerechtigkeit“ am Ende zurück, auch wenn die Botschaft wie eine Persiflage des oft beschriebenen „Jelinek-Syndroms“ wirkt: zynisch-nihilistisch und hoffnungslos. Aber wo soll auch Hoffnung gesucht und gefunden werden? Jedenfalls nicht im Kapitalismus. Das zumindest ist sicher. An Volker-Lösch-erinnernde Chöre verkünden zwar: „Schon sehen wir vor diesem Haus Menschen sich zusammenrotten…“, doch daran glauben kann ohnehin niemand mehr. Denn:

„Capitalism will stay forever … in my heart.“

Der alles und jeden durchdringende und bestimmende globalisierte Kapitalismus wird hier nicht analytisch kritisiert. Jelinek beschrieb ihre Arbeitsweise einmal als ständiges Um- und Einkreisen eines nicht zu fassenden Themas, wie ein Hund, der dann in die Waden beißt. Ähnlich tanzt Stemanns Inszenierung immer auf Messersschneide zwischen Ernst und Infantilität, Genialität und Banalität, Brutalität und Sentimentalität – und umkreist somit das Unbeschreiblich-Unfassbare: die Realität.

Trailer vom Thalia Theater:

 

Die Kontrakte des Kaufmanns
Eine Wirtschaftskomödie von Elfriede Jelinek

Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marisol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann.

Mit: Therese Dürrenberger, Ralf Harster, Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Sebastian Rudolph, Maria Schrader, Patrycia Ziolkowska.

Eine Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln.

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