Abseits zeitgeistiger Theaterpfade: Thomas Zürn und sein Marionettentheater im Jenisch Haus

Bei meinen Theaterbesuchen der letzten Zeit habe ich zunehmend den Eindruck, dass Theater immer häufiger eher auf große Effekte als auf Inhalt setzt: Immer schneller, lauter, bunter, witziger, krasser. Aber vielleicht werde ich auch nur langsam alt und vergräzt.

Zeit, um meine üblichen Theaterpfade mal zu verlassen – mit einem Besuch im Jenisch Haus im von mir innig geliebten Jenisch Park, um endlich mal wieder Marionettentheater zu sehen. Den Marionettenspieler und -bauer Thomas Zürn habe ich zuletzt an eher baufälligen Orten in der Schanze gesehen (den einen gibt es inzwischen nicht mehr, die Zukunft des anderen ist auch eher ungewiss…), was zur leicht düsteren Stimmung von KRABAT auch wunderbar passte. Mit seiner Inszenierung von Antoine de Saint-Exupéry’s „Der kleine Prinz“ ist Thomas Zürn nun bereits in der zweiten Spielzeit im sehr viel gediegeneren Jenisch Haus angekommen, also ganz oben – unterm Dach. Nach Hinweisen auf saubere Schuhe (gegebenenfalls gibt es auch Puschen) und einigen Treppen mit elfenbeinfarbener Auslegeware (wer denkt sich sowas eigentlich aus?) stelle ich mit Freuden fest, dass sich anscheinend mehr Puppenspielfreunde und zahlende Gäste ins Jenisch Haus als in die Schanze verirren: Der Raum ist bei Vorstellungsbeginn bis auf den letzten Platz gefüllt, vorne sitzen ca. 10 Kinder, der Rest des Publikums könnte auch im Thalia oder Schauspielhaus sitzen, aber nur schwer vorstellbar in den vorherigen Aufführungsorten, wo Perlenketten und edle Handtäschchen eher deplaziert gewirkt hätten.

Vom neuen Ort und anderem Publikum abgesehen ist die Stimmung genau so, wie sie mir bereits von den anderen Besuchen in guter Erinnerung geblieben ist: Ruhig, durchdacht, unaufgeregt, etwas entrückt und sehr berührend.

Der kleine Prinz. Foto: Marionettentheater Thomas Zürn.

Der kleine Prinz. Foto: Marionettentheater Thomas Zürn.

Thomas Zürn, stimmungsvoll und höchst passend in ihrer zurückhaltenden Reduziertheit begleitet von der Violoncellistin Susanne Hahn, nimmt sich Zeit – für genaue Beobachtungen und kleine Gesten, er hält immer wieder inne, gibt Raum für Pausen und Stille. Seine selbst angefertigten Puppen behandelt er mit großem Respekt, tritt hinter sie zurück und lässt sie im Vordergrund agieren, während er selbst als Erzähler Teil der Handlung ist. Er erzählt die Geschichte vom kleinen Prinzen, der einem in der Wüste verunglückten Flieger begegnet. Er bleibt immer nahe an der Vorlage, aber konzentriert sie auf die Episoden, die der kleine Prinz auf anderen Planeten erlebt hat: Begegnungen mit einem König, einem Eitlen, einem Geschäftsmann, einem Trinker, einem Arbeiter, einer Schlange und einem weisen Fuchs, alle geprägt von kleinen Erkenntnissen und einer gewissen Absurdität. Eigentlich hat mich die Geschichte bisher immer etwas zu sehr an den Ethik-Unterricht eines humanistischen Gymnasiums erinnert, aber in der Fassung von Thomas Zürn und seinen Mitspielern konnte auch ich mich dieser besonderen Atmosphäre nicht entziehen.

Der kleine Prinz. Foto: Marionettentheater Thomas Zürn.

Der kleine Prinz. Foto: Marionettentheater Thomas Zürn.

Wer Kasperle-Gealber will, ist im Marionettentheater von Thomas Zürn falsch – wer stimmungsvolles Puppentheater jenseits von zeitgeistiger Unterhaltung sucht, wird es hoffentlich zu schätzen wissen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s