Gefangen im Formalismus: „Die Jungfrau von Orleans“, inszeniert von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin

Schillers heilige Johanna dreht sich um große Themen: Kampf der Könige, der Nationen, der Religionen sowie der Klassen und Geschlechter.

Schillers für uns heute eher sperrige Sprache wird von Regisseur Michael Thalheimer in langen Monologen und komplexen Dialogen oft minutenlang ohne jegliche Bewegung inszeniert. Kathleen Morgeneyer als Johanna darf während der gesamten 125 Minuten lediglich einmal kurz die Rampe verlassen, alle Emotionen und Regungen muss sie alleine durch ihre Stimme und Mimik ausdrücken. Das ist hart, auch für das Publikum. Manchmal scheint es, als ob mehr Bewegung im Publikum herrscht als auf der Bühne.

„In einer ordnungslosen Welt, in der alle Hoffnung verloren scheint,
braucht es Lichtgestalten, nicht Zweifler.“

"Die Jungfrau von Orleans" Foto: Adrian Anton

Thalheimer lässt Johanna als reine Lichtgestalt erscheinen – aber so ausschließlich, dass alle Energie, Antriebskraft oder Handlungsfreude wie zur Eissäule erstarren. Diese Johanna ist so statisch, dass sie eher einem Hör- als einem Schauspiel gleicht. Das ist vielleicht radikal oder sogar monumental, aber leider eben auch sehr eindimensional.

Thalheimers kontroverse Inszenierungen von LILIOM oder Arthur Schnitzlers REIGEN hatten mich schwer beeindruckt und nachhaltig beschäftigt, seine JOHANNA war mir dafür zu sehr gefangen im Formalismus.

Die Jungfrau von Orleans
von Friedrich Schiller
Fassung von Sonja Anders und Michael Thalheimer
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Sonja Anders, Licht: Robert Grauel.
Mit: Michael Gerber, Kathleen Morgeneyer, Christoph Franken, Meike Droste, Andreas Döhler, Henning Vogt, Jürgen Huth, Almut Zilcher, Peter Moltzen, Markus Graf, Alexander Khuon.

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