Politik als Accessoire: Schorsch Kamerun inszeniert „Vor uns die Sintflut“ im Thalia im Zelt

Theater wird an den Stellen hochbrisant (oder eben hochpolitisch), an denen Zuschauer sich einem Thema oder einem Konflikt nicht mehr so einfach entziehen können, sondern wo zwischenmenschliche oder gesellschaftliche Reibungen, Spannungen und Widersprüche offen gelegt werden, die ansonsten verdeckt, gedeckelt, verschönt werden.

Ein Stück wird aber nicht dadurch politischer und schon gar nicht radikaler, dass möglichst häufig Schlagwörter wie „Flüchtling“ oder „Grenze“ eingeworfen werden.

Großgeschriebene oder geschrieene Phrasen entfalten im Theater weder Schlagkraft noch Überzeugungskraft, sondern tragen besten Falls zum Amüsement bei. Und amüsant ist die Inszenierung ja durchaus: phantastische Schauspieler, absurde traumähnliche theatralische Szenen, ein wirklich sehr effektvoller und mitreißender Einsatz musikalischer Mittel.

Aber mehr ist es eben nicht. Und darin liegt die Tragik: die Inszenierung will eben viel mehr sein als nur amüsant. Aber so gewollt, so offensichtlich und so unausgegoren, dass dadurch auch die phantastischen Ideen und Stimmungen einen schalen Nachgeschmack bekommen.

Politische Botschaften lassen sich (im Theater wie im Rest der Welt) zwar als einfache Phrasen auf Button-Größe oder T-Shirt-Slogans reduzieren, bleiben dann aber eben in ihrer Wirkungskraft auch nichts anderes als nette identitätsgestaltende Accessoires, die eine widerspenstige oder rebellische Attitüde fassadenhaft inszenieren. Mehr als Fassade bleibt da aber meist nicht.

„Vor uns die Sintflut“ hätte tollstes und gelungenes Dada-Absurditäten-Musik-Theater sein können, aber um als politisches Stück funktionieren zu können wäre eindeutig mehr nötig gewesen – mehr Analyse der Problematik, mehr Tiefgang, mehr Zuspitzung, mehr Inhalt eben – und weniger Fassade. Aber die Zitronen & Co. – Lieder waren definitiv noch eine Steigerung der Originale!

Besetzung

Regie: Schorsch Kamerun; Bühne: Christoph Rufer; Kostüme (sehr klasse!): Inga Timm
Musik: Die Vögel feat. Thomas Wenzel; Musiker: Mense Reents, Jakobus Siebels, Thomas Wenzel (lasst doch den armen Hund zu Hause!) und der Kammerchor Altona und Gäste.

Dramaturgie: Beate Heine, Tarun Kade.

Darsteller: Pola Fendel, Sandra Flubacher, Marina Galic, Lisa Hagmeister, Felix Knopp, Thomas Niehaus, Paul Pötsch, Nadja Schönfeldt, Alexander Simon (allein für seine Interpretation von „Wenn ich ein Turnschuh wär’“ hat sich der Abend gelohnt), Nadja Tiller (toll inszeniert!).

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