Nichts NEUES VOM DAUERZUSTAND, Herr Pollesch?

„Warum sagt Dir das denn nichts? Das müsste Dir doch jetzt etwas sagen!“

…fragt die Heilige Johanna – und bringt damit die einzige Frage auf den Punkt, die NEUES VOM DAUERZUSTAND von René Pollesch am Schauspielhaus Hamburg bei mir aufwirft.

Dabei beginnt alles ganz verheißungsvoll: Weiterlesen

VINGE IST VISCONTI: „John Gabriel Borkman“ im Prater der Volksbühne

John Gabriel Borkman“, inszeniert von Vegard Vinge/Ida Müller und ihren Lieben, dürfte die wohl meist diskutierte Nominierung des diesjährigen Theatertreffens sein.

Hinkel als Graf Zahl… 598, 599… Foto: Nadine Loes

Selbst eher theaterferne Menschen wissen bereits, was sie in diesem Stück erwartet: der Regisseur pinkelt sich in den Mund, scheißt Farbe auf Bilder, bedroht das Publikum. Das stimmt auch alles, aber das ist nicht das, was diese Inszenierung eigentlich auszeichnet: Sie ist ein Gesamtkunstwerk voller Emotionen, Energie, Poesie und Musik. Weiterlesen

HYSTERIE! bei Herbert Fritsch: Die [s]panische Fliege

Die [s]panische Fliege“, inszeniert von Herbert Fritsch an der Volksbühne, ist ein Schwank, also vor allem kurzweilige Unterhaltung. Klingt banal, ist aber eine schwierige Kunst, an der zahlreiche Theatermacher schon gescheitert sind, da sie auf einem schmalen Grat tanzen müssen. Fritsch und sein Ensemble springen und schreien anscheinend ganz mühelos darauf. Weiterlesen

POLLESCH IST POLLESCH IST POLLESCH

Heute Abend feiert René Polleschs „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ TT-Premiere. Pollesch macht Theater, vielleicht Kunst, auf jeden Fall Unterhaltung. Und irgendwie auch immer etwas mit Politik. Zumindest werden Versatzstücke politischer Diskurse zusammengeworfen mit Pop- und Unterhaltungskulturzitaten.

Ist das jetzt politisches Theater oder einfach Popkultur? So oder ähnlich wird häufig über Stücke von Pollesch diskutiert. Meist wird sich darauf geeinigt, dass es irgendwie keins von beidem ist, aber irgendwie doch beides beinhaltet: Politik und Unterhaltung. Anscheinend besteht das Bedürfnis, eine Differenz zwischen diesen beiden Polen aufzumachen und aufrecht zu erhalten. Diejenigen, die zu der Aussage tendieren, Pollesch mache politisches Theater, stehen daher in Opposition zu denen, die behaupten, Pollesch sei einfach Unterhaltung. Die einen versuchen, ihn aufzuwerten über die politische Dimension, die anderen versuchen, ihn abzuwerten, indem sie ihm pure Unterhaltung vorwerfen. Beide Positionen versuchen, Pollesch-Inszenierungen zu etwas zu machen, was sie nicht sind: lesbar. Pollesch-Inszenierungen bleiben immer mehrdeutig, sie sind nie eindeutig lesbar.

Pollesch selbst zu diesem Thema: „Dem Repräsentationstheater, damit meine ich das klassische Dialogtheater, geht es um universelle Lesbarkeit. Aber wenn in einer Szenenanweisung von Samuel Beckett steht: »Ein Mensch betritt die Bühne«, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen. Das ist das Problem.

Für diejenigen, die dennoch Bedürfnisse nach Lesbarkeit verspüren, empfiehlt Pollesch als Lektüre Donna Haraway, Foucault, Derrida, Giorgio Agamben oder Wolfgang Pohrt. Wer das zu theorielastig findet, kann leider nicht auf Belletristik ausweichen. „Ich kann es nicht ertragen, wenn mich ein Erzähler an die Hand nimmt.“ Aber anscheinend mag Pollesch „Harold and Maude“, zumindest könnte seine folgende Äußerung auch von Maude zitiert sein: „Die Idee, dass man ein Auto nicht besitzt, sondern damit fährt und es irgendwo stehen lässt, damit der Nächste es nehmen kann, leuchtet mir sehr ein. Man muss sein wirkliches Leben schon so organisieren, dass man mit dem, was man denkt, mithalten kann, alles andere ist Selbstbetrug.

Demnach sollten ja eigentlich diejenigen, die weniger oder langsamer denken, auch geringere Probleme mit Selbstbetrug haben. Oder ist diese Lesart wieder zu eindeutig? Stellt sich ja außerdem die Frage, was Pollesch mit „sein wirkliches Leben“ eigentlich meint… aber das sind andere Themen.

Ist Pollesch jetzt also politische Kunst oder nicht? Hierzu zur Abwechslung mal kein Zitat von Pollesch, sondern noch mehr Theorie. Diesmal von Jacques Rancière aus „Der emanzipierte Zuschauer“: „Das Kino, die Fotografie, das Video, die Installationen und alle Performances des Körpers, der Stimme und Töne tragen dazu bei, den Rahmen unserer Wahrnehmungen und die Dynamik unserer Affekte neu zu schmieden. Dadurch eröffnen sie mögliche Übergänge zu neuen Formen politischer Subjektivierung. Aber keine Kunstform kann den ästhetischen Einschnitt vermeiden, der die Wirkungen von den Absichten trennt und jeden Königsweg zu einer Wirklichkeit verbietet, die die andere Seite der Wörter und Bilder wäre. Es gibt keine andere Seite. Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht. Sie weiß, dass diese Wirkung nicht garantiert werden kann, dass sie immer einen Teil Unentscheidbares mit sich führt.“

Wer will, kann „Kill your Darlings!“ ja auf diese Theorie politischer Kunst hin untersuchen – wer nicht will, kann sich auch einfach von Fabian Hinrichs und dem Chor der Athleten unterhalten lassen.

Veröffentlicht am 9. Mai 2012 auf Theatertreffen-Blog

Abgeschminkt: René Pollesch

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René Pollesch DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART

René Pollesch „DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART“ im Schauspielhaus Hamburg

René Pollesch wird in Kritiken ja gerne vorgeworfen, dass seine „politische Analyse“ oberflächlich sei… dabei ist es doch offensichtlich, dass Pollesch gar keine politische Analyse vornimmt. Was er in seinen Arbeiten auf die Bühne bringt, ist vielmehr ein Sammelsurium von Hinweisen auf Sollbruchstellen, Befindlichkeitskrisen und Widersprüche – und diese Hinweise finden sich eben manchmal in Oberflächlichkeiten, Skurilitäten oder Banalitäten.

Das Problem ist hierbei nicht die Oberflächlichkeit der politischen Analyse, sondern die Lesbarkeit: Oberflächlichkeiten können oberflächlich gelesen einfach oberflächlich sein, sie können aber auch als soziale, politische oder gesellschaftliche Kodierung gelesen werden. Dabei finden sich dann Zitate wie „Du hast eine Nahwelt? Die hätte ich auch gerne!“ oder „Unter dem Druck ganz man selbst zu sein brechen sie zusammen.“

Wenn jemand aber z.B. unter seinem „Arbeitskittel der Attraktivität“ gar nicht leidet und es auch ganz toll findet, dass es nicht mehr um erlerntes Wissen oder Fähigkeiten, sondern um einen Lifestyle umfassender Attraktivität und deren Vermarktung und Verwertung geht, werden solche Zitate gar nicht lesbar sein. Darin entsteht eine Diskrepanz zwischen denen, die in Pollesch-Stücken verzweifelt über die Bühne rennen und Probleme problematisieren – und denen, die vor der Bühne sitzen und sich fragen, warum da auf der Bühne eigentlich welche und vor allem wessen Probleme problematisiert werden. Gerade diese Diskrepanz ist für mich das spannende Moment an Pollesch-Inszenierungen.

Ein weiterer Vorwurf vieler Kritiker lautet, dass Pollesch sich nur noch wiederhole: alles schon da gewesen, alles schon gesehen, alles nix neues. Und dann wird gerne das eigene Überlegenheitswissen dargestellt, indem aufgezählt wird, was wo und von wem geklaut wurde: Foucault oder Agamben, Marx-Brothers oder die Nackte Kanone. Oder aus welchen Pollesch-Stücken Pollesch sich selbst zitiert: Die Identifikation des Netzwerks als modernes Gesicht des Kapitalismus erfolgte z.B. bereits u.a. in KILL YOUR DARLINGS!, die Kehrseiten der Medaille kreativer und künstlerischer Arbeit wie Selbstausbeutung und –zurichtung wurde u.a. in MÄDCHEN IN UNIFORM durchgespielt.

Und daraus resultiert dann der Vorwurf, dass Pollesch nichts Neues mehr einfällt. Pollesch zu diesem Vorwurf: „Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.“

Pollesch macht immer wieder genau das, wofür er gehypt wurde, als es noch als neu galt: Diskursfetzen mit Film- und Musikfetzen vermischen, also moderne Popkultur. Und Teil dieser Popkultur ist eben das Diktat: immer mehr, immer schneller, immer heftiger, immer anders, immer neu. Und dem kann und sollte man sich ohnehin entziehen und widersetzen.

Auch wenn der Vorwurf mangelnder Innovation also generell fragwürdig ist, kann Pollesch aber durchaus vorgeworfen werden, dass einigen seiner Inszenierungen ihre Eindringlichkeit fehlt. Während Stücke wie STADT ALS BEUTE oder FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS! sehr packend sind, wirkt DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART! vergleichsweise irgendwie kraft- und herzloser.

Aber bei Pollesch spüre ich zumindest [mal mehr, mal weniger] das Bedürfnis oder wenigstens den Versuch, „gesellschaftliche Verblendungszusammenhänge“ zu thematisieren. Dazu Zitat Pollesch: „Unsere Arbeit im Theater ist, Probleme zu markieren, wo scheinbar keine sind. Also mehr als Aufklärung würde ich sagen: erstmal da hinzeigen!“

Und solange der Großteil der Arbeiten im Theater einfach nirgendwo hinzeigt und erst gar keine Probleme zum Markieren findet, sehe ich weiterhin gerne Pollesch und seinen Leuten bei der immer gleichen Sisyphus-Arbeit zu: Probleme finden, Probleme markieren.

 

Trailer vom Schauspielhaus:

 

Durch die Nacht mit René Pollesch:

 

Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Torsten König / Frank Novak
Dramaturgie: Aenne Quiñones

 

 

Theater bis zur Schmerzgrenze. Wie Castorf Kriegenburg ruiniert.

Sonntag musste ich tatsächlich ein Stück frühzeitig verlassen. Unfreiwillig. Nein, ich wurde nicht rausgeschmissen. Viel empörender: ich war erkältet, meine Begleitung hatte eine Augenentzündung und vergrub den Kopf zwischen den Knien, um die Augen vor dem Scheinwerferlicht zu schützen. Unter diesen Bedingungen sah selbst ich ein, dass alle Versuche aus- bzw. durchzuhalten sinnlos waren.

Dabei war das Stück, soweit ich es verfolgen konnte, ganz großartig: Andreas Kriegenburg's Käthchen von Heilbronn am DT. Das Stück an sich mag ich eigentlich gar nicht. Alle Inszenierungen, die ich vom Käthchen bisher gesehen habe, fand ich nur schwer erträglich, da mir dieses Käthchen schon immer höchst suspekt war: sich selbst für eine Vorstellung der großen Liebe vollkommen aufgeben? Für mich schwer nachvollziehbar und eher abschreckend. Selbst die Inszenierung von Roger Vontobel blieb mir trotz aller Gender-Spiele fern, lediglich Jana Schulz machte das Käthchen irgendwie erträglich. Daher war ich auch an diesem Abend sehr skeptisch.

Aber Kriegenburg's Zugang war sehr clever: anstatt sich auf den Charakter des Käthchens zu konzentrieren, setzte er das Stück in Beziehung zu seinem Entstehungskontext, indem Heinrich von Kleist's Leben und Leiden, seine Zweifel, seine permanente Geldnot, seine emotionalen Hoch- und Tiefphasen den Ausgangspunkt bildeten. Die Geschichte des Käthchens konnte so in Fragmenten, mit wechselnden Rollen, nach und nach erzählt werden. Das war für alle, die das Stück nicht kennen, vielleicht etwas schwierig zu verfolgen, da keine lineare Handlung erzählt wurde. Aber dadurch, dass alle Szenen extrem stimmungsvoll und experimentierfreudig, häufig mit Hilfe von Puppen, gespielt wurden, rückte die eigentliche Handlung ohnehin in den Hintergrund – und lies etwas völlig neues entstehen, wie bei einem Kaleidoskop. Durch dieses immer wiederkehrende Spiel-im-Spiel entstanden wie die Puppe-in-der-Puppe immer neue Ebenen und vor allem Stimmungen, die meinen Widerwillen und meine Vorbehalte einfach übergingen. Oder besser gesagt: Die Inszenierung formulierte eben diese Vorbehalte einfach selbst und setzte sie in Verbindung mit der Entstehungsgeschichte des Stückes und Kleists Zerrrissenheit. Der tragisch-komische und melancholische Blick auf Kleist's Käthchen erinnerte mich immer wieder an Stimmungen aus Kafka-Erzählungen, die Kriegenburg ja bereits im Prozess auf die Bühne brachte. Aber so sehr mich die Skurilitäten und Puppenspielereien auch begeisterten, verstanden habe ich nicht viel. Und da wurde mir klar: Im Theater muss manchmal auch gar nicht alles verstanden werden und rational greifbar sein, da Theater viel komplexer und vielschichtiger als Rationalität ist. Oder sein kann.

Aber: ich kann hier lediglich von den ersten 95 Minuten berichten, da wir uns in der Pause geschlagen gaben und uns mit hängenden Köpfen nach Hause schleppten.

Die Schuld gebe ich Frank Castorf. Was der damit zu tun hat? Am Abend vorher war ich in der Volksbühne und habe mir den Spieler angesehen: fünf Stunden, von denen mir die erste Stunde mit aller Hysterie und Absurdität noch sehr kurzweilig erschien, während sich die restlichen vier Stunden nach üblichem Castorf-Prinzip unglaublich unerträglich lange hingezogen haben. Hysterie ist eben nicht automatisch abendfüllend, sondern nutzt sich ab, da diese permanente Beschallung zum Abstumpfen und Abschalten führt, so wie zu laute Musik oder Fernsehen. Zumindest bei mir.

Leider habe ich an diesem Abend bis zum Schluss durchgehalten, mit dem Ergebnis, am nächsten Tag körperlich und geistig völlig fertig und überreizt, wie mit einem Kater, zu Kriegenburgs Käthchen zu gehen. Daher gebe ich Frank Castorf die Schuld, mir meinem Abend mit Kriegenburg's Käthchen ruiniert zu haben.

 

Ein kurzer Eindruck von Kriegenburg's Prozess:

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