HYSTERIE! bei Herbert Fritsch: Die [s]panische Fliege

Die [s]panische Fliege“, inszeniert von Herbert Fritsch an der Volksbühne, ist ein Schwank, also vor allem kurzweilige Unterhaltung. Klingt banal, ist aber eine schwierige Kunst, an der zahlreiche Theatermacher schon gescheitert sind, da sie auf einem schmalen Grat tanzen müssen. Fritsch und sein Ensemble springen und schreien anscheinend ganz mühelos darauf. Weiterlesen

POLLESCH IST POLLESCH IST POLLESCH

Heute Abend feiert René Polleschs „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ TT-Premiere. Pollesch macht Theater, vielleicht Kunst, auf jeden Fall Unterhaltung. Und irgendwie auch immer etwas mit Politik. Zumindest werden Versatzstücke politischer Diskurse zusammengeworfen mit Pop- und Unterhaltungskulturzitaten.

Ist das jetzt politisches Theater oder einfach Popkultur? So oder ähnlich wird häufig über Stücke von Pollesch diskutiert. Meist wird sich darauf geeinigt, dass es irgendwie keins von beidem ist, aber irgendwie doch beides beinhaltet: Politik und Unterhaltung. Anscheinend besteht das Bedürfnis, eine Differenz zwischen diesen beiden Polen aufzumachen und aufrecht zu erhalten. Diejenigen, die zu der Aussage tendieren, Pollesch mache politisches Theater, stehen daher in Opposition zu denen, die behaupten, Pollesch sei einfach Unterhaltung. Die einen versuchen, ihn aufzuwerten über die politische Dimension, die anderen versuchen, ihn abzuwerten, indem sie ihm pure Unterhaltung vorwerfen. Beide Positionen versuchen, Pollesch-Inszenierungen zu etwas zu machen, was sie nicht sind: lesbar. Pollesch-Inszenierungen bleiben immer mehrdeutig, sie sind nie eindeutig lesbar.

Pollesch selbst zu diesem Thema: „Dem Repräsentationstheater, damit meine ich das klassische Dialogtheater, geht es um universelle Lesbarkeit. Aber wenn in einer Szenenanweisung von Samuel Beckett steht: »Ein Mensch betritt die Bühne«, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen. Das ist das Problem.

Für diejenigen, die dennoch Bedürfnisse nach Lesbarkeit verspüren, empfiehlt Pollesch als Lektüre Donna Haraway, Foucault, Derrida, Giorgio Agamben oder Wolfgang Pohrt. Wer das zu theorielastig findet, kann leider nicht auf Belletristik ausweichen. „Ich kann es nicht ertragen, wenn mich ein Erzähler an die Hand nimmt.“ Aber anscheinend mag Pollesch „Harold and Maude“, zumindest könnte seine folgende Äußerung auch von Maude zitiert sein: „Die Idee, dass man ein Auto nicht besitzt, sondern damit fährt und es irgendwo stehen lässt, damit der Nächste es nehmen kann, leuchtet mir sehr ein. Man muss sein wirkliches Leben schon so organisieren, dass man mit dem, was man denkt, mithalten kann, alles andere ist Selbstbetrug.

Demnach sollten ja eigentlich diejenigen, die weniger oder langsamer denken, auch geringere Probleme mit Selbstbetrug haben. Oder ist diese Lesart wieder zu eindeutig? Stellt sich ja außerdem die Frage, was Pollesch mit „sein wirkliches Leben“ eigentlich meint… aber das sind andere Themen.

Ist Pollesch jetzt also politische Kunst oder nicht? Hierzu zur Abwechslung mal kein Zitat von Pollesch, sondern noch mehr Theorie. Diesmal von Jacques Rancière aus „Der emanzipierte Zuschauer“: „Das Kino, die Fotografie, das Video, die Installationen und alle Performances des Körpers, der Stimme und Töne tragen dazu bei, den Rahmen unserer Wahrnehmungen und die Dynamik unserer Affekte neu zu schmieden. Dadurch eröffnen sie mögliche Übergänge zu neuen Formen politischer Subjektivierung. Aber keine Kunstform kann den ästhetischen Einschnitt vermeiden, der die Wirkungen von den Absichten trennt und jeden Königsweg zu einer Wirklichkeit verbietet, die die andere Seite der Wörter und Bilder wäre. Es gibt keine andere Seite. Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht. Sie weiß, dass diese Wirkung nicht garantiert werden kann, dass sie immer einen Teil Unentscheidbares mit sich führt.“

Wer will, kann „Kill your Darlings!“ ja auf diese Theorie politischer Kunst hin untersuchen – wer nicht will, kann sich auch einfach von Fabian Hinrichs und dem Chor der Athleten unterhalten lassen.

Veröffentlicht am 9. Mai 2012 auf Theatertreffen-Blog

Abgeschminkt: René Pollesch

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THIS IS NOT A LOVE SONG: „Conte d’Amour“

Conte d’Amour“ zählt nicht zu den zehn nominierten TT-Inszenierungen, sondern wurde 2011 beim Theaterfestival „Impulse“ als beste Off-Theater-Produktion ausgezeichnet und ist nun als Gastspiel nach Berlin eingeladen. Die Ko-Produktion der Kollektive Institutet aus Schweden und Nya Rampen aus Finnland mit Markus Öhrn, verantwortlich für Regie, Bühne, Video und Foto, bildet also nicht nur ein Beispiel für kollektive Arbeitsweisen, sondern auch für internationale Vernetzung – und für ein körperlich-sinnliches Theater ohne Sprachbarrieren und mit großer verstörender Wirkung. Weiterlesen

THEATER + KOLLEKTIVITÄT – schöne Utopie oder schöner Schein?

Beim Theatertreffen 2012 sind mit Gob Squad und dem International Institute of Political Murder gleich zwei Theater-Kollektive geladen. Auch Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen arbeiten als Regie-Team, Nicolas Stemann oder René Pollesch betonen immer wieder die Bedeutung von kollektiven Aushandlungsprozessen in der Gruppe. Und beim Stückemarkt ist in diesem Jahr mit „Polis3000: respondemus“ von Markus&Markus erstmalig auch ein Projekt ausgewählt worden.

Ein Blick auf die zehn Nominierungen zeigt, dass die meisten mit dem Begriff „Kollektivität“ – mehr oder weniger direkt – in Verbindung gebracht werden können… Weiterlesen

TT12-Blog: Bemerkenswert? Kritik an Kritiklosigkeit

„Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten,“ sagte Sophie Rois einmal in den „Diktatorinnengattinnen“, einem Stück von René Pollesch. Tobt der Konsens jetzt auch in Bezug auf die TT Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“? Seit sie bekanntgegeben wurde, herrscht überall viel Zustimmung, viele Übereinstimmungen mit dem nachtkritik-Theatertreffen, nur vereinzelte „Ich vermisse aber…“-Kommentare sind zu lesen, verhältnismäßig wenig Kritik wird laut.

Mich beschleicht beim Lesen der meisten Kommentare im Internet ohnehin häufig der Verdacht, dass es vielen Kritikern vor allem darum geht, den eigenen Standpunkt als überlegen zu markieren. Und meist sind diese Diskussionen eher belustigend, manchmal nervend, aber selten produktiv oder irgendwie erhellend. Oder? Denn genauer betrachtet ist die allem zugrunde liegende Ausgangsfrage doch mehr als berechtigt und spannend:

Wer definiert hier was wie und warum?

Und auch alle daran anschließenden Fragen finde ich durchaus stellenswert: Ist das Theatertreffen nicht normativ oder zumindest normierend und ausgrenzend? Ist das nicht elitäres Getue und unnötige Hierarchisierung? Ist das Theatertreffen nicht völlig überbewertet? Ist das Theatertreffen überhaupt zu irgendetwas nutze?

Und vom Theatertreffen ist es auch nicht weit zu Diskussionen über Theater an sich: Welche Tendenzen gibt es im gegenwärtigen Theater? Wie sind diese zu bewerten und sind sie überhaupt zu bewerten? Ist Theater politisch? Ist das wichtig? Sollte Theater politisch sein? Repräsentiert Theater Realität? Lässt sich Realität repräsentieren? Von welcher beziehungsweise wessen Realität ist hier eigentlich die Rede? Oder etwas weniger theorielastig aber umso schwieriger zu beantworten: Was macht gutes Theater eigentlich aus?

Nun, alleine dass das Theatertreffen eben solche Fragen aufwirft, ist doch schon Legitimierung genug, finde ich. Aber ich bin ja auch parteiisch. Gar nicht deshalb, weil ich jetzt selbst dabei sein darf und hier darüber schreiben kann. Naja, doch. Aber ich war auch schon in den letzten Jahren parteiisch. [Obwohl ich nie dabei sein konnte, was mich wieder auf das Stichwort „ausgrenzend“ bringt…] Aber auch wenn ich nie dabei sein konnte, hatte ich etwas davon: Ich konnte viele Debatten vom und über das Treffen und somit über Theater an sich in den Medien verfolgen. Und die meisten Stücke, die zum Theatertreffen eingeladen werden, touren früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit auch mal als Gastspiel durch die Welt. Und alle, die in Gegenden mit einer eher bescheidenen Theater-Szene leben, wissen das durchaus zu schätzen.

Außerdem stellt das Theatertreffen für viele Theaterschaffende ja vor allem ein wichtiges Sprungbrett dar. Die Stücke von Oliver Kluck oder Phillip Löhle hätte ich wohl nie zu sehen bekommen, wenn sie nicht durch das Theatertreffen und den Stückemarkt bekannt geworden wären, genauso wie das beeindruckende Nature Theatre of Oklahoma. Manche Sachen werden manchmal erst bemerkt, wenn sie als „bemerkenswert“ bezeichnet werden. Neuentdeckungen, die mir ansonsten vielleicht nicht über den Weg gelaufen wären, sind für mich das Tollste am Theatertreffen. Deshalb finde ich persönlich es ja auch ein wenig schade, dass manche Namen alle Jahre wieder zum Theatertreffen eingeladen werden. Dabei freue ich mich ja durchaus zum Beispiel für Nicolas Stemann oder René Pollesch. Auch aus ganz egoistischen Gründen, da ich mir deren Stücke immer wieder gerne ansehe, auch mehrfach. Aber sind die ausgewählten Inszenierungen jetzt „bemerkenswert“?

„Bemerkenswert“ ist eben ein höchst subjektiver Begriff. Was der eine bemerkenswert findet, findet ein anderer vielleicht höchst unbedeutend. Genauso wie die Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ ist Theater generell eine extrem subjektive Angelegenheit: Theaterschaffende arbeiten nach ihrem subjektiven Gutdünken, alle Zuschauer wählen die Stücke, die sie sich ansehen [oder eben nicht] subjektiv aus und beurteilen sie subjektiv. Und alle Inszenierungen wirken subjektiv. Eine Objektivität ist in Bezug auf Theater [oder generell?] also gar nicht möglich. Und sollte Objektivität überhaupt angestrebt werden? Meiner Meinung nach: nein! Davon abgesehen, dass ich Objektivität für eine Illusion, ein Konstrukt unserer Sprache und unseres Denkens halte, finde ich es gut, dass sich hier die subjektive Auswahl einer leicht angreifbaren Jury einer kritischen Öffentlichkeit stellen muss. Gerade weil sie kritisierbar, angreifbar, fragwürdig ist. Diese Subjektivität ist ja gerade das Grandiose am Theater: Zuschauen ist hier kein passiver Konsum, sondern aktive Auseinandersetzung – Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten und auch Reibungen inbegriffen. Zumindest besteht die Möglichkeit dazu.

Luk Perceval, Regisseur, sagte mal zum Theatertreffen: „Es ist wie die Olympiade: nur die Auserkorenen können teilnehmen. You love it, or you hate it.” Und Joachim Lux, Intendant am Thalia Theater, bringt es auf den Punkt: „Davon abgesehen ist jede Theatertreffen-Auswahl – wie wir alle wissen – hemmungslos ungerecht und angreifbar. Da das ohnehin klar ist, macht es auch so viel Spaß […].“

Eben.

 

erschienen am 23. Februar 2012, http://www.theatertreffen-blog.de/tt12/

Bemerkenswert? Wie das Theatertreffen 2012 mein Leben verändert

Mein erster Beitrag für das Theatertreffen-Blog ist veröffentlicht, eine Kritik an Kritiklosigkeit und Gedanken zum Begriff „bemerkenswert“, der ja Auswahlkriterium und Legitimierung der zehn nominierten Inszenierungen bildet. Jetzt stellt sich mir natürlich nicht nur die Frage, ob nun diese zehn Nominierungen bemerkenswert oder eher angreifbar sind, sondern auch, ob meine Gedanken dazu tatsächlich bemerkt werden sollten – und angegriffen. FLÜSTERN + SCHREIE ist ja sozusagen meine Plattform, Weiterlesen