Kafkaesque? ICH, DAS UNGEZIEFER im MalerSaal SchauSpielHaus

Erster Eindruck beim Betreten des sonst eher weitläufig und kühl wirkenden MalerSaals: düstere Enge. Das Bühnenbild von ICH, DAS UNGEZIEFER nach Kafkas Erzählung DIE VERWANDLUNG ragt bis in die Zuschauerreihen hinein: Weiterlesen

Herbert Fritsch + SCHULE DER FRAUEN am SchauSpielHaus Hamburg, Teil II

Anders als bei Filmen kommt es bei Theaterstücken eher selten vor, dass ich mir eine Inszenierung mehrfach ansehe. Mit Ausnahme der zwölfstündigen Wahnsinnsvision BORKMAN von Vegard Vinge + Ida Müller im Prater der Volksbühne, die ich dreimal überlebt habe und deren Folgeschäden ich jetzt noch spüre.

Gestern habe ich die SCHULE DER FRAUEN nach Molière in der Inszenierung von Herbert Fritsch am SchauSpielHaus Hamburg zum zweiten Mal gesehen. Warum? Weiterlesen

SCHULE DER FRAUEN von Herbert Fritsch am SchauSpielHaus Hamburg

Wahnsinn mit Methode

SCHULE DER FRAUEN von Herbert Fritsch am SchauSpielHaus Hamburg. Foto: Adrian Anton

SCHULE DER FRAUEN von Herbert Fritsch am SchauSpielHaus Hamburg. Foto: Adrian Anton

Während DER RAUB DER SABINERINNEN am Thalia Theater wie eine etwas fade Kopie von der [S]PANISCHEN FLIEGE an der Volksbühne wirkte, ist die SCHULE DER FRAUEN tatsächlich extrem gut gelungen: Albern und witzig, aber spitzzüngig und hintergründig. Fritsch verlässt sich dieses Mal weniger auf Slapstick und Hysterie, sondern mehr auf Wortwitz und Absurdität, was der inhaltlichen Ebene Weiterlesen

HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am SchauSpielHaus Hamburg

HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Adrian Anton.

HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Adrian Anton.

Zum ersten Mal seit Jahren hat Christoph Marthaler wieder in Hamburg inszeniert – und zum ersten Mal seit… keine Ahnung wann… war ich wieder richtig begeistert von einer Inszenierung. Immer wieder ein guter Indikator für gutes Theater: Wenn während der Vorstellung entrüstete Zuschauer den Saal verlassen und wenn beim Schlußapplaus die verbleibende Menge jubelt. Weiterlesen

1000 Fragen: Fabian Hinrichs in der Ich-Arena

„Wir haben uns totgedacht!“

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN – so lautet der Titel des Solo-Abends von Fabian Hinrichs am Schauspielhaus Hamburg. Sehr treffend gewählt, denn sowohl während der einstündigen Vorstellung als auch jetzt noch zischeln mir 1000 Fragen durch den Kopf Weiterlesen

Nichts NEUES VOM DAUERZUSTAND, Herr Pollesch?

„Warum sagt Dir das denn nichts? Das müsste Dir doch jetzt etwas sagen!“

…fragt die Heilige Johanna – und bringt damit die einzige Frage auf den Punkt, die NEUES VOM DAUERZUSTAND von René Pollesch am Schauspielhaus Hamburg bei mir aufwirft.

Dabei beginnt alles ganz verheißungsvoll: Weiterlesen

René Pollesch DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART

René Pollesch „DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART“ im Schauspielhaus Hamburg

René Pollesch wird in Kritiken ja gerne vorgeworfen, dass seine „politische Analyse“ oberflächlich sei… dabei ist es doch offensichtlich, dass Pollesch gar keine politische Analyse vornimmt. Was er in seinen Arbeiten auf die Bühne bringt, ist vielmehr ein Sammelsurium von Hinweisen auf Sollbruchstellen, Befindlichkeitskrisen und Widersprüche – und diese Hinweise finden sich eben manchmal in Oberflächlichkeiten, Skurilitäten oder Banalitäten.

Das Problem ist hierbei nicht die Oberflächlichkeit der politischen Analyse, sondern die Lesbarkeit: Oberflächlichkeiten können oberflächlich gelesen einfach oberflächlich sein, sie können aber auch als soziale, politische oder gesellschaftliche Kodierung gelesen werden. Dabei finden sich dann Zitate wie „Du hast eine Nahwelt? Die hätte ich auch gerne!“ oder „Unter dem Druck ganz man selbst zu sein brechen sie zusammen.“

Wenn jemand aber z.B. unter seinem „Arbeitskittel der Attraktivität“ gar nicht leidet und es auch ganz toll findet, dass es nicht mehr um erlerntes Wissen oder Fähigkeiten, sondern um einen Lifestyle umfassender Attraktivität und deren Vermarktung und Verwertung geht, werden solche Zitate gar nicht lesbar sein. Darin entsteht eine Diskrepanz zwischen denen, die in Pollesch-Stücken verzweifelt über die Bühne rennen und Probleme problematisieren – und denen, die vor der Bühne sitzen und sich fragen, warum da auf der Bühne eigentlich welche und vor allem wessen Probleme problematisiert werden. Gerade diese Diskrepanz ist für mich das spannende Moment an Pollesch-Inszenierungen.

Ein weiterer Vorwurf vieler Kritiker lautet, dass Pollesch sich nur noch wiederhole: alles schon da gewesen, alles schon gesehen, alles nix neues. Und dann wird gerne das eigene Überlegenheitswissen dargestellt, indem aufgezählt wird, was wo und von wem geklaut wurde: Foucault oder Agamben, Marx-Brothers oder die Nackte Kanone. Oder aus welchen Pollesch-Stücken Pollesch sich selbst zitiert: Die Identifikation des Netzwerks als modernes Gesicht des Kapitalismus erfolgte z.B. bereits u.a. in KILL YOUR DARLINGS!, die Kehrseiten der Medaille kreativer und künstlerischer Arbeit wie Selbstausbeutung und –zurichtung wurde u.a. in MÄDCHEN IN UNIFORM durchgespielt.

Und daraus resultiert dann der Vorwurf, dass Pollesch nichts Neues mehr einfällt. Pollesch zu diesem Vorwurf: „Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.“

Pollesch macht immer wieder genau das, wofür er gehypt wurde, als es noch als neu galt: Diskursfetzen mit Film- und Musikfetzen vermischen, also moderne Popkultur. Und Teil dieser Popkultur ist eben das Diktat: immer mehr, immer schneller, immer heftiger, immer anders, immer neu. Und dem kann und sollte man sich ohnehin entziehen und widersetzen.

Auch wenn der Vorwurf mangelnder Innovation also generell fragwürdig ist, kann Pollesch aber durchaus vorgeworfen werden, dass einigen seiner Inszenierungen ihre Eindringlichkeit fehlt. Während Stücke wie STADT ALS BEUTE oder FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS! sehr packend sind, wirkt DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART! vergleichsweise irgendwie kraft- und herzloser.

Aber bei Pollesch spüre ich zumindest [mal mehr, mal weniger] das Bedürfnis oder wenigstens den Versuch, „gesellschaftliche Verblendungszusammenhänge“ zu thematisieren. Dazu Zitat Pollesch: „Unsere Arbeit im Theater ist, Probleme zu markieren, wo scheinbar keine sind. Also mehr als Aufklärung würde ich sagen: erstmal da hinzeigen!“

Und solange der Großteil der Arbeiten im Theater einfach nirgendwo hinzeigt und erst gar keine Probleme zum Markieren findet, sehe ich weiterhin gerne Pollesch und seinen Leuten bei der immer gleichen Sisyphus-Arbeit zu: Probleme finden, Probleme markieren.

 

Trailer vom Schauspielhaus:

 

Durch die Nacht mit René Pollesch:

 

Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Torsten König / Frank Novak
Dramaturgie: Aenne Quiñones