HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am SchauSpielHaus Hamburg

HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Adrian Anton.

HEIMWEH + VERBRECHEN von Christoph Marthaler am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Adrian Anton.

Zum ersten Mal seit Jahren hat Christoph Marthaler wieder in Hamburg inszeniert – und zum ersten Mal seit… keine Ahnung wann… war ich wieder richtig begeistert von einer Inszenierung. Immer wieder ein guter Indikator für gutes Theater: Wenn während der Vorstellung entrüstete Zuschauer den Saal verlassen und wenn beim Schlußapplaus die verbleibende Menge jubelt. Weiterlesen

1000 Fragen: Fabian Hinrichs in der Ich-Arena

„Wir haben uns totgedacht!“

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN – so lautet der Titel des Solo-Abends von Fabian Hinrichs am Schauspielhaus Hamburg. Sehr treffend gewählt, denn sowohl während der einstündigen Vorstellung als auch jetzt noch zischeln mir 1000 Fragen durch den Kopf Weiterlesen

Nichts NEUES VOM DAUERZUSTAND, Herr Pollesch?

„Warum sagt Dir das denn nichts? Das müsste Dir doch jetzt etwas sagen!“

…fragt die Heilige Johanna – und bringt damit die einzige Frage auf den Punkt, die NEUES VOM DAUERZUSTAND von René Pollesch am Schauspielhaus Hamburg bei mir aufwirft.

Dabei beginnt alles ganz verheißungsvoll: Weiterlesen

René Pollesch DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART

René Pollesch „DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART“ im Schauspielhaus Hamburg

René Pollesch wird in Kritiken ja gerne vorgeworfen, dass seine „politische Analyse“ oberflächlich sei… dabei ist es doch offensichtlich, dass Pollesch gar keine politische Analyse vornimmt. Was er in seinen Arbeiten auf die Bühne bringt, ist vielmehr ein Sammelsurium von Hinweisen auf Sollbruchstellen, Befindlichkeitskrisen und Widersprüche – und diese Hinweise finden sich eben manchmal in Oberflächlichkeiten, Skurilitäten oder Banalitäten.

Das Problem ist hierbei nicht die Oberflächlichkeit der politischen Analyse, sondern die Lesbarkeit: Oberflächlichkeiten können oberflächlich gelesen einfach oberflächlich sein, sie können aber auch als soziale, politische oder gesellschaftliche Kodierung gelesen werden. Dabei finden sich dann Zitate wie „Du hast eine Nahwelt? Die hätte ich auch gerne!“ oder „Unter dem Druck ganz man selbst zu sein brechen sie zusammen.“

Wenn jemand aber z.B. unter seinem „Arbeitskittel der Attraktivität“ gar nicht leidet und es auch ganz toll findet, dass es nicht mehr um erlerntes Wissen oder Fähigkeiten, sondern um einen Lifestyle umfassender Attraktivität und deren Vermarktung und Verwertung geht, werden solche Zitate gar nicht lesbar sein. Darin entsteht eine Diskrepanz zwischen denen, die in Pollesch-Stücken verzweifelt über die Bühne rennen und Probleme problematisieren – und denen, die vor der Bühne sitzen und sich fragen, warum da auf der Bühne eigentlich welche und vor allem wessen Probleme problematisiert werden. Gerade diese Diskrepanz ist für mich das spannende Moment an Pollesch-Inszenierungen.

Ein weiterer Vorwurf vieler Kritiker lautet, dass Pollesch sich nur noch wiederhole: alles schon da gewesen, alles schon gesehen, alles nix neues. Und dann wird gerne das eigene Überlegenheitswissen dargestellt, indem aufgezählt wird, was wo und von wem geklaut wurde: Foucault oder Agamben, Marx-Brothers oder die Nackte Kanone. Oder aus welchen Pollesch-Stücken Pollesch sich selbst zitiert: Die Identifikation des Netzwerks als modernes Gesicht des Kapitalismus erfolgte z.B. bereits u.a. in KILL YOUR DARLINGS!, die Kehrseiten der Medaille kreativer und künstlerischer Arbeit wie Selbstausbeutung und –zurichtung wurde u.a. in MÄDCHEN IN UNIFORM durchgespielt.

Und daraus resultiert dann der Vorwurf, dass Pollesch nichts Neues mehr einfällt. Pollesch zu diesem Vorwurf: „Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.“

Pollesch macht immer wieder genau das, wofür er gehypt wurde, als es noch als neu galt: Diskursfetzen mit Film- und Musikfetzen vermischen, also moderne Popkultur. Und Teil dieser Popkultur ist eben das Diktat: immer mehr, immer schneller, immer heftiger, immer anders, immer neu. Und dem kann und sollte man sich ohnehin entziehen und widersetzen.

Auch wenn der Vorwurf mangelnder Innovation also generell fragwürdig ist, kann Pollesch aber durchaus vorgeworfen werden, dass einigen seiner Inszenierungen ihre Eindringlichkeit fehlt. Während Stücke wie STADT ALS BEUTE oder FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS! sehr packend sind, wirkt DIE KUNST WAR VIEL POPULÄRER ALS IHR NOCH KEINE KÜNSTLER WART! vergleichsweise irgendwie kraft- und herzloser.

Aber bei Pollesch spüre ich zumindest [mal mehr, mal weniger] das Bedürfnis oder wenigstens den Versuch, „gesellschaftliche Verblendungszusammenhänge“ zu thematisieren. Dazu Zitat Pollesch: „Unsere Arbeit im Theater ist, Probleme zu markieren, wo scheinbar keine sind. Also mehr als Aufklärung würde ich sagen: erstmal da hinzeigen!“

Und solange der Großteil der Arbeiten im Theater einfach nirgendwo hinzeigt und erst gar keine Probleme zum Markieren findet, sehe ich weiterhin gerne Pollesch und seinen Leuten bei der immer gleichen Sisyphus-Arbeit zu: Probleme finden, Probleme markieren.

 

Trailer vom Schauspielhaus:

 

Durch die Nacht mit René Pollesch:

 

Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Torsten König / Frank Novak
Dramaturgie: Aenne Quiñones

 

 

Kreative Disziplinierung: René Pollesch inszeniert „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Schauspielhaus Hamburg

„Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten.“

… zitierte Sophie Rois einmal in einem Interview eine ihrer Lieblingsstellen aus einem Pollesch-Stück.

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ folgt dem gleichen Auftrag:

den allgemeinen Konsens und unhinterfragte Deutungshoheiten hinterfragen: vor allem den weißen, männlichen, heterosexuellen und eurozentristischen Blick. Aber auch Rollen- und Bedeutungszuweisungen, in die Pollesch selbst und seine Truppe (bei „Mädchen in Uniform“ Brigitte Cuvelier, Christine Groß und Sophie Rois sowie ein sehr beeindruckender Chor aus 10 jungen Frauen, das „Frauenbataillon“) verstrickt sind: Weiterlesen

Wege aus der Selbstverwirklichung – René Pollesch

Komme gerade von einer Diskussionsveranstaltung im Schauspielhaus Hamburg zu René Polleschs nächstem Stück „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“.

Ein Gespräch mit dem Verlesen der Liste erhaltener Preise zu beginnen, ist ja schon ein fragwürdiger Start. Aber Fragen nach dem „idealen Zuschauer“ oder „idealen Schauspieler“ gehen dann doch dermaßen am Inhalt von Pollesch-Stücken vorbei, dass es ganz erstaunlich war, dass Pollesch das Ganze dennoch mit Inhalt füllen konnte. Stellt sich eher die Frage nach einer „idealen Moderation“. Weiterlesen

Liebe + Tod: Karin Henkel inszeniert „Glaube Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth“ am Schauspielhaus Hamburg

…but death is not the end…

Horváths kleiner Totentanz beginnt mit der jungen Elisabeth, die aus Verzweiflung über ihre ausweglose Situation ins Wasser geht. Elisabeths persönlicher Kampf um ein besseres Leben bzw. ums Überleben ist vergeblich angesichts einer durch und durch kommerzialisierten, hierarchisierten und bürokratisierten Gesellschaft. Wie eine Figur von Kafka oder aus einer griechischen Tragödie bemüht sie sich, einen ungleichen Kampf nicht zu verlieren, dessen verworrene Regeln von anderen aufgestellt werden. Weiterlesen