Über anton

...eigentlich Adrian Anton, aber einfach Anton ist mir lieber. "Freier" Kulturwissenschaftler und Autor in Hamburg. Habe eine Zeit lang das "frei" weggelassen und für die Presseabteilung im Thalia Theater gearbeitet. Hat das meine Sicht auf Theater verändert? Wahrscheinlich. Zumindest habe ich danach beschlossen, dass ich zukünftig nicht mehr nur über die Bretter, die nicht die Welt bedeuten sollten/können, schreiben werde. Sondern? Alles, was unter #TheBestThingsInLifeArentThings oder #AllThatGlittersIsNotGold zusammengefasst werden kann. FLÜSTERN+SCHREIE ist 2009 daraus entstanden, dass Theater bei mir immer etwas auslöst - manchmal Begeisterung, manchmal Ablehnung. Aber bestenfalls wirft Theater Fragen auf, mit denen ich irgendwohin muss - hierhin. Der Name FLÜSTERN + SCHREIE geht auf Ingmar Bergman zurück, da ich vor meiner Theaterbegeisterung vor allem Film- und Buch-Konsument war/bin. Außerdem hat die Inszenierung von Bergmans "Leben der Marionetten" von Andreas Kriegenburg etwas in mir angestoßen und war einer der Auslöser für meine exzessive Auseinandersetzung mit Theater. 2012 habe ich über/für das Theatertreffen in Berlin schreiben können - wer Interesse hat: http://www.theatertreffen-blog.de/tt12/author/adrian-anton/ 2015 war ich als Blogger bei der von nachtkritik ausgerichteten Konferenz Theater + Netz bei der Heinrich-Böll-Stiftung und habe für das LiveBlog geschrieben: https://liveblogtheaterundnetz15.wordpress.com/

Sweet Memories: René Pollesch’s ROCCO DARSOW

„Du kannst mir doch nicht so unerwartet deine leidenschaftliche Liebe erklären!
Sowas macht man nicht.“

Eigentlich fällt es bei Stücken von René Pollesch oft schwer zu sagen, worum es eigentlich geht: Kapitalismuskritik? Neurobiologie? Bei Rocco Darsow hat sich Pollesch dieses Mal eher beschränkt, oder sagen wir: konzentriert. Auf die Liebe, oder deren Unmöglichkeit. Weiterlesen

Nachlese Konferenz Theater + Netz #tn15 @nachtkritik.de

Theater + Netz 2015 ist also schon wieder vorbei. Aber das Netz vergisst ja zum Glück nichts, im Gegensatz zu uns unzuverlässigen Menschen, die aus Überforderung, Unkonzentriertheit oder dank Alkohol vieles schnell vergessen. Da aber schnelllebige Medien wie Twitter nicht wirklich als Archiv oder Gedächtnisstütze dienen, hier ein paar kleine Erinnerungstrigger: Weiterlesen

Christoph Marthaler: I will always love you

„Tessa Blomstedt gibt nicht auf – Ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler und Ensemble“ wird von der Volksbühne als Abend angekündigt, an dem es um Online-Dating, Partnervermittlung und -suche im Internet geht. Hätte ich das ohne diese Vorabinformation verstanden? Vielleicht nicht, aber neben diesem rationalen Verstehen gibt es ja noch mehr. Weiterlesen

DIE STUNDE DA WIR ZU VIEL VONEINANDER WUSSTEN auf Kampnagel

Die Performer von „Nico and the Navigators“ beweisen in ihrer Inszenierung „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“ auf Kampnagel bei vielen Szenen ein gutes Gespür für Alltagsbeobachtungen und Stimmungen: Menschen, die hektisch durcheinander und aneinander vorbei laufen, stoßen immer wieder abrupt zusammen, so dass es zu kurzen Momenten der Nähe kommt, bevor alle wieder weiter hetzen. Es ist ein Spiel mit Gegensätzen und Kontrasten: Weiterlesen

Marthaler’s ENTERTAINER am SchauSpielHaus

„Der Enter­tainer“ von John Osborne handelt nicht nur vom Nieder­gang der engli­schen Varietés in den 1950er Jahren und vom vergäng­li­chen Ruhm von Stars des Enter­tain­ments, sondern überge­ordnet auch von der Verzweif­lung von Menschen, die keinen Platz auf der Bühne der Gesell­schaft finden und gegen sozialen Abstieg und Perspek­tiv­lo­sig­keit einen tragi­schen Kampf führen.

„Nobody loves you when you’re down and out“

Großartiger ENTERTAINER dank Christoph Marthaler am SchauSpielHaus. Foto: Adrian Anton

Großartiger ENTERTAINER dank Christoph Marthaler am SchauSpielHaus. Foto: Adrian Anton

Regis­seur Chris­toph Marthaler bringt mit seinem „Enter­tainer“ die faszi­nie­rende Schön­heit des Schei­terns und der Geschei­terten auf die Bühne des Schau­spiel­hauses, die von Duri Bischoff entspre­chend als herun­ter­ge­kom­mener Thea­ter­saal mit viel morbidem Charme gestaltet ist.

„Wir sind Figuren in einem Stück, das keiner mehr sehen will“

„Der Enter­tainer“ erweist sich als erstaun­lich zeit­loses Stück: Der perma­nente Wunsch Aufmerk­sam­keit zu erhalten, zu gefallen und zu unter­halten ist heute präsenter denn je. Die Bühne oder auch das Fern­sehen sind längst nicht mehr die einzigen Orte pene­tranter Unter­hal­tung, schließ­lich bietet das Internet sehr viel leichter zugäng­liche Platt­formen zur unver­fro­renen und unzen­sierten Selbst­dar­stel­lung, die nicht selten tragisch-komische bis geschmack­lose Formen annimmt. Marthaler nimmt auf diese digi­talen Formen der Selbst­in­sze­nie­rung aller­dings keinen expli­ziten Bezug und vermeidet somit eine krampf­hafte Aktua­li­sie­rung des Dramas.

„Wir spielen hier ja immerhin ein Sozial-Drama“

Martha­lers „Enter­tainer“ wirkt wie aus Zeit und Raum gefallen: Die poli­ti­schen und sozialen Krisen, die in Osbornes Stück mit der briti­schen Suez-Krise sehr konkret sind, werden nicht weiter benannt, aber Namen und Orte von Krisen sind ohnehin austauschbar. Marthaler erschafft für seinen „Enter­tainer“ einen Raum voller nost­al­gi­scher Anachro­nismen, von der wunderbar swin­genden Tanz-Kapelle „The Archie-Rice-Allstars“ (Musiker: Andreas Böther, Volker Grie­pen­stroh, Hartmut Kayser, Mickie Stick­dorn) bis zu den tragisch-komischen Tänze­rinnen (Altea Garrido, Vero­nica Garzón, Begoña Quinones), die diverse Stürze und Ernied­ri­gungen ertragen müssen. Glei­ches gilt für das durchweg hervor­ra­gende Ensemble (Jean-Pierre Cornu, Rose­mary Hardy, Irm Hermann, Jan-Peter Kampwirth, Josef Osten­dorf, Sasha Rau, Bastian Reiber, Bettina Stucky, Michael Witten­born), das sich von einer schlechten Nummer zum nächsten rassis­ti­schen oder sexis­ti­schen Witz hangeln muss, begleitet und getragen von viel Gin und Vergan­gen­heits­ro­mantik. Eine mögliche Erkenntnis des Abends: Früher muss alles ganz schlimm gewesen sein, wie die schrecklich-schönen Lieder (Musi­ka­li­sche Leitung: Andreas Böther) und die polyester-knisternden Kleider (Kostüme: Anja Rabes) zeigen. Aber die unzäh­ligen Kalauer, die größ­ten­teils heutigen Unter­hal­tungs­shows entlehnt sind, verdeut­li­chen schmerz­lich, dass es immer noch schlimmer geht.

„So let’s all drink to the death of a clown“

Wie so oft bei Marthaler muss das Publikum während der gut 160-minütigen Insze­nie­rung einiges ertragen, vor allem an zermür­bender Mono­tonie, denn Marthaler lotet auch gerne die Schmerz­grenzen aus. Aber dem „Enter­tainer“ gelingt es bei allen Höhen und Tiefen des Show-Business, auf dem schmalen Grat zwischen Sinn und Sinn­lo­sig­keit und zwischen Respekt und Respekt­lo­sig­keit zu tanzen. Große, aber auch schmerz­liche Unterhaltung!

Erstveröffentlicht auf GODOT – Theatermagazin

Der Entertainer von John Osborne
Musik von John Addison u.a., Deutsch von Helmar Harald Fischer. In einer Spielfassung für das Deutsche SchauSpielHaus Hamburg
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Anja Rabes, Musikalische Leitung: Andreas Böther, Choreografie: Altea Garrido, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Stefanie Carp
Mit: Jean-Pierre Cornu, Rosemary Hardy, Irm Hermann, Jan-Peter Kampwirth, Josef Ostendorf, Sasha Rau, Bastian Reiber, Bettina Stucky, Michael Wittenborn, Tänzerinnen: Altea Garrido, Veronica Garzón, Begoña Quinones, Musiker: Andreas Böther, Volker Griepenstroh, Hartmut Kayser, Mickie Stickdorn

KRABAT vom Marionetten-Theater Thomas Zürn im Jenisch Haus

KRABAT. Copyright: Marionettentheater Thomas Zürn

KRABAT. Copyright: Marionettentheater Thomas Zürn

Wer kennt sie nicht: die fantas­ti­sche Geschichte des Waisen­jungen Krabat, der als Lehr­ling in der unheim­li­chen Mühle am Kosel­bruch nicht nur das Müller­hand­werk erlernt, sondern vom schwarzen Müller auch in die Kunst der Magie einge­führt wird. Die ursprüng­lich sorbi­sche Sage um den Zauberer Krabat wurde durch Otfried Preußler zu einem Klas­siker der Jugendbuch-Literatur und hat offen­sicht­lich nicht nur bei jungen Lesern zahl­reiche Freunde gefunden: Weiterlesen

Terror + Angst: ICH RUFE MEINE BRÜDER von Jonas Hassen Khemiri

„Schweiß, Rucksack, Bohrkopf und das Messer in der Hosentasche“

…viel braucht es nicht, um Terrorangst zu schüren. Vor allem im Kopf von Armor, einem jungen, fantasievollen und etwas wirren jungen Menschen, den die überall präsente Angst vor Terror terrorisiert. Armor, der offensichtlich einen sogenannten „migrantischen Hintergrund“ hat, steigert sich immer mehr in die Panik hinein, als Terrorist verdächtigt werden zu können und bemüht sich Weiterlesen

Frauenliebe + Männerwerk: Eirik Stubø inszeniert GERTRUD von Hjalmar Söderberg

Liebe ist ein großes Wort„, sagt Gertrud, eine gebildete Frau, ehemalige Sängerin, mit einem aufstrebenden Politiker verheiratet, dennoch unabhängig aber auch unglücklich, im ersten Akt. Liebe ist in dieser Inszenierung nicht das einzige große Wort, denn der norwegische Regisseur Eirik Stubø inszeniert das bereits 1906 geschriebene Stück GERTRUD von dem schwedischen Autor Hjalmar Söderberg als sehr reduziertes Erzähltheater, das dem Gesagten genügend Raum lässt. Weiterlesen

Im Osten nichts Neues? GO OST beim KRASS-Festival auf Kampnagel

Die Lesung von Alexander Pehlemann aus seinem Buch GO OST! über Subkulturen in Osteuropa, musikalisch unterstützt von FELIX KUBIN, im Rahmen vom KRASS – KULTUR CLASH FESTIVAL auf KAMPNAGEL,  hat erstaunlich wenig Neues über Subkulturen östlich von der west-eurozentristischen Perspektive gebracht. Im Mittelpunkt standen eher eine persönliche Verortung und Geschichtsschreibung von Pehlemann und Kubin, was ja auch o.k. und ganz interessant ist, aber nicht unbedingt den Horizont erweitert. Weiterlesen