Christoph Marthaler: I will always love you

„Tessa Blomstedt gibt nicht auf – Ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler und Ensemble“ wird von der Volksbühne als Abend angekündigt, an dem es um Online-Dating, Partnervermittlung und -suche im Internet geht. Hätte ich das ohne diese Vorabinformation verstanden? Vielleicht nicht, aber neben diesem rationalen Verstehen gibt es ja noch mehr.

„Ich wünsch‘ dir Liebe ohne Leiden, und dass dir nie die Hoffnung fehlt“

Anstelle von digitaler Schnelllebigkeit empfangen den Zuschauer leise Klänge einer Laier, ganz analog live gespielt. Auch die Bühne von Anna Viebrock bietet das Gegenteil von modernem Hochglanz und ist wie immer vielschichtig und mehrdeutig: Zeichen für Armut oder Armseligkeit wie billige Plastikstühle stehen neben Markierungen eines verblichenen Bildungsbürgertums wie dem angeschrammelten Flügel vor einem Bücherregal.

„In dir muss brennen was du in anderen entfachen willst“

Es folgen zahlreiche schaurig-schön interpretierte Schnulzen, Gedichte, Arien und Sonette, die eine Vorstellung von Liebe glorifizieren, die für die meisten durch Abwesenheit und Unerreichbarkeit um so mehr glänzt. Dazwischen werden die ihre Unperfektheit perfektionierenden großartigen Darsteller mit unverständlichen AGBs und Handlungsanweisungen, die nicht von Menschen und nicht für Menschen gemacht sind, drangsaliert. Beispielsweise wird die wie immer wunderbare Irm Hermann beim Abstauben ihrer Topfpflanzen von Josef Ostendorfs markanter Stimme aus dem Off darüber belehrt, dass die Zeiten analoger Floristik vorbei sind und ein Update zur digitalen Floristik vorgenommen werden muss. Exkurse über Auquariumsschnecken und deren Paarungsverhalten kommen ebenso vor wie chauvinistische Tipps für Männer zum Online-Dating. Identifizierbare Charaktere oder Handlungen gibt es ebensowenig wie die namensgebende Tessa Blomstedt, die genau wie die Liebe durch Abwesenheit glänzt.

„Nein, wir wollen nicht hier weg – alles ist perfekt“

Wie zu erwarten widersetzt sich Marthaler der gängigen Erwartungshaltung, dass ein Abend über Liebe in digitalen Welten irgendwie modern, schnelllebig und hoch technisiert sein sollte. Marthaler zelebriert auch hier wieder stilvolle Stillosigkeit und angeschrammelten Retro-Charme, wie es ihn heute eigentlich nur noch im Theater gibt, während da draußen in der Realität so Schlagworte [oder Keywords] wie Partikularisierung, Mobilisierung und Flexilisierung toben, von denen Digitalisierung nur ein Teil ist. Könnte jetzt so klingen, als ob ich Marthaler oder dem Theater im Allgemeinen Musealisierung vorwerfen würde – tue ich aber nicht, ganz im Gegenteil. Denn auch wenn hier gerne mal nostaligische Sehnsüchte bedient werden, ist jedoch gleichzeitig klar, dass diese Sehnsüchte nach Vergangenheitsromantik absurd sind und keinerlei Rettung oder Glücksversprechen bereithalten. Aber auch wenn alle wissen, dass früher sicher nicht alles besser war, lassen Gegenwart und Zukunftsaussichten diese Vergangenheit auf einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Indem Marthaler seinen Zuschauern eine Art von Vergangenheitsutopie bietet, schafft er gleichzeitig einen Raum, von dem ein anderer Blick auf die Gegenwart und Zukunft möglich wird: Haben wir uns gestern vorgestellt, dass die Zukunft so wie heute werden würde?

Einen ähnlichen Effekt hatte auch Marthaler’s ENTERTAINER am SchauSpielHaus auf mich, wie hier nachgelesen werden kann. Und weil’s so schön war: Hier der Trailer vom SchauSpielHaus:

Tessa Blomstedt gibt nicht auf – Ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Henning Streck, Musikalische Leitung: Clemens Sienknecht, Regie-Mitarbeit: Gerhard Alt, Video: Konstantin Hapke, Ton: Klaus Dobbrick, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Tora Augestad (Kekke), Altea Garrido (Frauke), Olivia Grigolli (Heike), Lilith Stangenberg (Silke), N. N. (Tessa Blomstedt), Irm Hermann (N.N.), Clemens Sienknecht (Helfried), Ulrich Voß (Ein Retrovirus), Martin Zeller (Young Vallotti), Clara Andrees (Ein junges Paar), Luise Andrees (Ein junges Paar) und die Stimme von Josef Ostendorf

Verkauft? Volksbühne. Foto: Adrian Anton

Verkauft? Volksbühne. Foto: Adrian Anton

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