MY BODY IS A STAGE oder Körper-Inszenierungen auf der Bühne

In letzter Zeit habe ich mir nach Theaterbesuchen häufiger Gedanken darüber gemacht, wie Theater nicht nur Stücke, sondern Menschen inszeniert. Theater kommt nie ohne seine Schauspieler aus, die Schauspieler verwenden meist unglaublich viel Energie, Kraft und Zeit für ihren Beruf. Das hinterlässt natürlich seine Spuren. Und damit meine ich nicht eventuelle Mimik-Falten oder unreine Haut vom vielen Make-Up.

Gestern habe ich beispielsweise im Thalia Theater Antú Romero Nunes Inszenierung von MOBY DICK gesehen.

Die acht (männlichen) Darsteller sind hier 150 Minuten mit vollstem Körpereinsatz bei der Sache, wenn sie die schwere körperliche Arbeit auf einem Walfangschiff simulieren. In vielen Szenen agieren sie ohne oder mit wenig Kleidung, so dass ihre Körper sehr präsent sind. Und dabei fällt auf, dass sie mehrheitlich mehr als einfach nur fit sind. Eine Freundin von mir geht praktisch täglich zum Cardio-Training, sieht aber definitiv nicht so gestählt aus. Was für Training betreiben diese Schauspieler eigentlich? Und wie viel?

Mir ist auch klar, dass Schauspieler extrem sportlich sein müssen, um permanente Höchstleistungen auf der Bühne liefern zu können. Aber ich finde es beinahe gruselig, wie sehr [inzwischen?] viele Körper auf der Bühne den Körpern aus Hochglanz-, Mode- oder Porno-Industrie gleichen. Hier werden ganz klar keine Körper inszeniert, die irgendetwas mit der Durchschnittsbevölkerung oder dem Großteil des anwesenden Publikums zu tun haben: definierte Muskeln, kaum eine Spur von Fett oder sogar Körperbehaarung.

Dazu fällt mir noch ein Beispiel ein: Beim STURM im SchauSpielHaus waren zwei Darsteller nackt auf der Bühne – beide männlich, beide jung und sportlich, beide vollkommen haarlos. Warum? Ist das eine Regieanweisung? Bitte Ganzkörperrasur oder –waxing? Oder entscheiden so etwas die Schauspieler selbst?

Auffällig finde ich auch, dass in den letzten Jahren tendenziell weniger nackte Frauen auf der Bühne zu sehen sind als nackte Männer. Zumindest in dieser Hinsicht spiegelt Theater unsere Realität also eher seitenverkehrt.

THESE BOOTS ARE NOT MADE FOR WALKING

Dafür gibt es allerdings kaum noch ein Stück, in dem weibliche Darsteller nicht in unglaublich unmenschlichen High-Heels über die Bretter staksen müssen. Warum? Weil diese Schuhe so absurd sind, dass sie schon wieder Kunst sind? Oder weil High-Heels einfach zu heutigen gängigen Bildern von Weiblichkeit gehören? In einem Stück wie DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL nach Elfriede Jelinek an den Münchner Kammerspielen muss Sandra Hüller in Victoria-Beckham-gleichen Pumps durch ein Meer von Eiswürfeln schlittern – hier wird zumindest ironisch damit umgegangen, dass diese Art von Schuhen eher gefährlich als elegant ist.

Ein anderes gelungenes Beispiel für eine solche Brechung mit gängigen Geschlechterbildern ist die (neuerdings?) wie für einen 10-Kampf-gestählte Bibiana Beglau in Castorf’s REISE ANS ENDE DER NACHT, an der ein aufgemalter Schnurrbart weniger deplatziert wirkt als die hochhackigen Schuhe und der BH.

EVERYTHING IS DRAG

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass offensiv-subversive Spiele mit Geschlechterrollen nach wie vor eher selten auf deutschen Bühnen zu finden sind. Gerade männliche Darsteller werden meist nur dann in sogenannte Frauenklamotten gesteckt, wenn sie lächerlich, schwach, verrückt, verrucht oder ähnliches wirken sollen: also negativ- oder zumindest defizitär-konnotiert. Gibt es hier nicht mehr Möglichkeiten für abwegigere Spielarten? Oder spiegelt hier Theater einfach eine Realität wider, die als strukturell homophob und/oder hetero-normativ beschrieben werden kann?

Meinem Eindruck nach begegnen einem in der sogenannten freien Szene zumindest in dieser Hinsicht eine größere Variabilität sowohl an Körper- als auch an Gender- Inszenierungen. Gibt es hier mehr Bewusstsein? Oder weniger einschränkende Produktionsbedingungen? Oder ist hier der Hang zur „Perfektion“ einfach weniger tonangebend, so dass auch die Körper weniger „perfekt“ wirken können?

Ein gutes Beispiel aus der freien Szene: MIMOSA twenty looks or paris is burning at hudson church

Vielleicht haben Theater einen zu hohen Perfektionsanspruch? Oder will das Publikum tatsächlich nur perfekte Körper wie aus dem retuschierten Hochglanzmagazin sehen: fest, glatt, geruchlos? Dabei ist das auf der Bühne ja das Tolle – hier sieht man den Schweiß, die Spuckefäden, die vor Anstrengung hervortretenden Adern der Schauspieler. Für mich ist genau diese Unmittelbarkeit etwas, das Theater von den meisten anderen gängigen Unterhaltungsindustrien unterscheidet – also warum dieser Hang zur „perfekten“ Körper-Inszenierung? Oder spiegelt sich hier einfach ein Drang zur Konformität wider?

 

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