Dem NORDWIND gefolgt: STALKER im HAU in Berlin

Da in Hamburgs Theatern zur Zeit ein eher lauer Wind weht, bin ich dem NORDWIND gefolgt und nach Berlin gefahren, wo im HAU das „NORDWIND – Festival and Platform for the Arts from the Nordic and Baltic Countries“ vom 27.11. bis 8.12.2013 stattfindet. Auch wenn das NORDWIND ab dem 5.12. auch auf Kampnagel in Hamburg Station macht, sind in Berlin dennoch einige Stücke zu sehen, die in Hamburg nicht dabei sind.

Der Höhepunkt meiner Berlin-Reise war für mich eindeutig „STALKER“ nach Idee und Konzept der norwegischen Gruppe Verk Produksjoner mit Anders Mossling, Saila Hyttinen, Solveig Laland Mohn, Håkon Vassvik und Signe Becker.

Verkproduksjoner's Stalker. Foto: Kaja Bruskeland

Verkproduksjoner’s Stalker. Foto: Kaja Bruskeland

Die vier Performer nehmen sich Zeit, blicken in die Ferne, alle wirken etwas entrückt bis verrückt, wie Harlekine oder Gaukler, aber auch ein wenig 80s- oder 90s-trash mit ihrem Make-Up und in ihren Leggings, Glitzergürteln, Leopardenstrumpfhosen oder Tütüs. Um sie herum ein Sammelsurium ähnlicher Skurilitäten: Mobilées aus Lametta und Puppenköpfen knarren an der Decke, im Hintergrund ist ein großer glitzernder Vorhang drapiert, über der kleinen Bühne schwebt eine Girlande aus buntem Flitterkram. (Bühne und Kostüm: Signe Becker)

Diese glitzernde Oberfläche könnte schnell zu dem Schluss verleiten, dass es in STALKER um nicht viel mehr geht als um billige Glamour-Effekte – aber in dieser Performance schimmert bald durch, dass hier der Inhalt die Form bestimmt.

form follows function

Die Frage nach dem Inhalt gestaltet sich paradoxerweise allerdings als eher schwierig: irgendwie geht es um einen Film, oder genau darum, wie dieser Film auf Menschen gewirkt hat. Oder wie es in der Ankündigung heißt:

Eine Geschichte über einen Film über eine Reise in einen Raum.“

Aber irgendwie geht es auch um mehr: STALKER versucht entscheidende prägende Momente einer – was auch immer: Generation, Zeit, Epoche, Gesellschaft – zu benennen oder zumindest einzukreisen: das Ende des Real-Sozialismus in den 90ern, die futuristischen Utopien der 70er, die Nachwehen von Punk, den hedonistischen kalten Wind der 80er („Cappuccino!“)… oder konkreter zu benennende Einflüsse wie David Lynch, Bourgess oder eben der namensgebende Kultfilm „STALKER“ von Andrei Tarkovski von 1979.

poetic + beautiful / sens + reason

STALKER bleibt dabei immer eher dezent als penetrant, eher implizit als explizit, gibt Raum für Assoziationen und Illusionen. Ruhige Momente wechseln mit Monologen und sehr stimmungs- und effektvollen theatralen Momenten: Wenn die Stille durchbrochen wird von lautem Getose (Ton: Per Platou), das Licht ausgeht und der Vorhang ein Eigenleben entwickelt oder eine Ziegenkopfmaskierte mit einem einfachen Ring mit Glitzerfäden und einem Scheinwerfer verzaubert (Licht: Tilo Hahn). In STALKER werden einfache Mittel und Gesten sehr gekonnt genutzt um beeindruckende Stimmungen und bedeutungsschwangere Atmosphären zu erzeugen. Die Performer verlassen nie die poetische Künstlichkeit der Inszenierung, gaukeln nie so etwas wie „Authentizität“ vor – und sind dabei aber viel unmittelbarer als so manche Kollegen, die sich krampfhaft um „ authentische Natürlichkeit“ bemühen. Für mich war STALKER definitiv das Beste, was ich in letzter Zeit überhaupt gesehen habe… und auch wenn ich eigentlich auf Auszeichnungen und Preise nicht viel gebe, kann ich hier sehr gut nachvollziehen, dass STALKER als „Beste Performance 2013“ mit dem norwegischen Hedda-Preis ausgezeichnet worden ist.

Es sind nicht die bewusst formulierten Wünsche,
sondern die im Verborgenen liegenden.“

Nordwind: STALKER im HAU2. Foto: Adrian Anton

Nordwind: STALKER im HAU2. Foto: Adrian Anton

STALKER

Englisch, ca. 90 min
Idee / Konzept: Verk Produksjoner
Mit: Anders Mossling, Saila Hyttinen, Solveig Laland Mohn, Håkon Vassvik, Signe Becker
Regie: Fredrik Hannestad
Bühne / Kostüm: Signe Becker
Ton: Per Platou
Licht: Tilo Hahn
Text: Hannestad, Hyttinen, Laland Mohn, Mossling, Vassvik
Künstlerische Beratung: Anders Paulin
Dramaturgie: Jon Refsdal Moe
Assistenz: Vera Krohn Svaleng
Produktion: Pernille Mogensen / Produsentbyrået

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