Machtspiele: „Oleanna“ von David Mamet an den Hamburger Kammerspielen

Ralph Bridle inszeniert an den Hamburger Kammerspielen mit „Oleanna“ von David Mamet ein Stück, das von einer Studentin erzählt, die ihren Professor der Vergewaltigung anklagt. Das ist natürlich eine extrem verkürzte Zusammenfassung, aber bereits das Schlagwort „Vergewaltigung“ verdeutlicht die inhaltliche Brisanz der Inszenierung.

Dem komplexen Thema „Theater + Vergewaltigungsinszenierungen“ könnte ich eigentlich eine eigene Kolumne widmen, entsprechend aufmerksam und gespannt habe ich daher die Inszenierung von „Oleanna“ verfolgt.

"Oleanna": Ulrich Gebauer und Elisa Schlott. Foto: Hamburger Kammerspiele

„Oleanna“: Ulrich Gebauer und Elisa Schlott. Foto: Hamburger Kammerspiele

Im I. Akt ist das Hauptthema noch das Nicht-Gelingen von Kommunikation zwischen dem Professor John und seiner Studentin Carol. Hier besticht das Stück durch aufmerksame Beobachtungen zu den hierarchischen Verhältnissen, wie sie auch in vorgeblich liberalen Bildungssystemen Gang und Gebe sind, nicht nur in amerikanischen Colleges.

Der Professor John, von Ulrich Gebauer gespielt, zeigt sich als das, was allgemein als „gemischter Charakter“ bezeichnet wird: Irgendwie engagiert, aber irgendwie auch eher überheblich und patronistisch als emphatisch. Seine sozial-politischen Ideale sind noch zu erahnen, aber die Aussicht auf eine lebenslange Professur und alle damit verbundenen Annehmlichkeiten haben auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen: Hin und hergerissen zwischen Anrufen seiner nörgelnden Ehefrau, Sorgen um einen anstehenden Immobilienkauf und seinem Pflichtgefühl gegenüber seiner hilfesuchenden Studentin strauchelt er durch die Handlung. Ulrich Gebauer gelingt es, die Figur des Professors in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit darzustellen, indem sie immer wieder sympathische Züge aufleuchten lässt, die aber gleich darauf ins windig-fragwürdige kippen.

Die Studentin Carol, gespielt von Elisa Schlott, wirkt im I. Akt vor allem unsicher und überfordert, da sie nach eigener Aussage aus einem eher „bildungsfernen“ Hintergrund kommt und den umständlich-blasierten Fachjargon des Professors nicht versteht. Mit ihrem vehementen Willen zum Lernen und ihren beharrlichen Nachfragen weckt die Figur von Carol einerseits Mitleid, grenzt durch ihre bedingungslose Unterwürfigkeit („Ich tue alles was man mir sagt!“) aber bereits an nervend bis hysterisch.

Doch bereits im II. Akt erscheint Carol wie verwandelt: Nicht mehr in Kapuzenjacke und Strickmütze (anscheinend gängige Markierungen sozialer Unterschichten?), sondern in weißer Bluse und Rock steht nun der Vorwurf sexistischen Verhaltens gegen John im Raum, der ihn seine Professur und alle damit verbundenen Annehmlichkeiten kosten könnte. Carols Unsicherheit aus dem I. Akt ist nun einer schnippischen Überheblichkeit gewichen, die sich bis zu hysterischen Wutausbrüchen steigert, bei der zunächst Sahnetorte, später Einrichtung oder Sekt fliegen.

Im III. Akt tritt Carol schließlich in Abendkleid und hochhackigen Schuhen auf, in der Hand eine Champagnerflasche, sie trinkt und tanzt zu Punkmusik – selbstverständlich mit weiblichem Gesang – wie berauscht von ihrer neu gewonnen Macht und mit kindlicher Freude an Zerstörung und Sadismus. Der Vorwurf gegen John lautet nun Vergewaltigung.

Die Figur der Carol wird hier gezeichnet als eine junge Frau, die zunächst unter ihrer auf zahlreichen Ebenen defizitären Situation leidet und durch den von ihr erhobenen Vorwurf der sexualisierten Gewalt Macht und Überlegenheit verspürt – und diese Macht in vollen Zügen auskostet. Sie wandelt sich von unsicher und unterwürfig über hysterisch-aggressiv hin zu zynisch-berechnend. Das sind alles keine Eigenschaften, die Carol irgendwie zu einer Sympathieträgerin machen könnten, aber das alleine wäre nicht problematisch: Problematisch finde ich, dass Ralph Bridle „Oleanna“ wie einen Präzedenzfall inszeniert, der die Gefahren individueller Auslegungen von Anti-Diskreminierungsgesetzen und Vergewaltigungsdefinitionen vorführt – und somit gängige bürgerliche Ressentiments und Ängste bedient: Wenn Frauen selbst definieren könnten, wann eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat, dann könnten sie diese Macht auch missbrauchen, um z.B. Rache, Aufmerksamkeit oder Sadismus ausleben zu können – wie es in diesem Fall Carol vorführt. Gibt es Frauen wie Carol? Bestimmt. Stellen sie die Regel dar? Mit Sicherheit nicht, wie selbst ein Blick in offizielle Statistiken zeigt:

„Entgegen bestehender Stereotype sind Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung eher selten (Anteil von 3% in Deutschland).“

Aber was sagt eine Inszenierung wie die von Bridle’s „Oleanna“ über die Thematik sexualisierter Gewalt aus? Und welchen Beitrag leistet das Stück zu diesem Diskurs?

In „Oleanna“ sieht sich der Professor plötzlich alleine und in seiner Existenz bedroht: Karriere, Haus, Familie, alles steht auf dem Spiel. Carol hingegen blüht auf, fühlt sich auf einmal stark und mächtig. Hier findet eine Umkehrung der eigentlichen Verhältnisse statt, da Männer häufig nicht als Täter, sondern als Opfer stilisiert werden, während Frauen nach einem Vergewaltigungsvorwurf auf allen Ebenen in Frage gestellt werden und häufig als unglaubwürdig diskreditiert werden: Will sie lediglich Rache oder Aufmerksamkeit? Übertreibt sie? Ist sie hysterisch? Auf Carol mag das zutreffen – aber was sagt das über die Realität aus? Rechtliche Konsequenzen haben Männer übrigens nur selten zu fürchten:

„Die Verurteilungsquote ist ab dem Jahr 2000 von durchschnittlich 20% auf 13% gefallen. Die deutsche Verurteilungsquote ist damit im europäischen Ländervergleich unterdurchschnittlich.“

Die wenigen Frauen, die tatsächlich eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen, haben in den Verfahren meistens nichts zu Lachen und nur wenig Anlass die Sektkorken knallen zu lassen, da sie sich nun nicht nur dem Täter, sondern außerdem einem misstrauischen Gericht sowie einer mehr als neugierigen Öffentlichkeit gegenüber sehen. Die Folge:

„Nur wenige Täter werden angezeigt. Die Meldequote liegt in Deutschland bei 9,85 Vergewaltigungen auf 100.000 EinwohnerInnen.“

In der Realität werden Frauen immer wieder, mal mehr, mal weniger offensichtlich, herabwürdigend, beleidigend, verletzend und sexualisiert bis hin zu gewalttätig behandelt – aber nur in den seltensten Fällen wird dies thematisiert, da diese Hierarchisierungen so strukturalisiert, institutionalisiert und somit auch verinnerlicht sind, dass sie von der Mehrheit häufig nicht einmal als Ungleichheiten oder Ungerechtigkeiten wahrgenommen werden, von biologistischen Rollenvorstellungen bis hin zu Definitionen von Grenzüberschreitungen.

Das Programmheft der Hamburger Kammerspiele zu „Oleanna“ zitiert auf der ersten Seite den Autoren David Mamet wie folgt: „Denn die wahre Natur der Dinge zwischen Männern und Frauen basiert auf Sex, und jeder Versuch einer anderen Beziehung zwischen ihnen ist entweder konstruiert oder Ablenkung vom eigentlichen Problem.“ Das ist sicher provokativ gemeint, so wie das Stück „Oleanna“ wohl auch. Aber was und wen will es wozu provozieren?

Übrigens finde ich das Programmheft sehr viel informativer und vielschichtiger als die Inszenierung von Ralph Bridle, die aufgeklärt oder aufklärerisch daherkommen mag, in meinen Augen aber in ihrer Eindimensionalität und stereotypen Figurenzeichnung (Er: intellektuell-überlegen, vielleicht etwas überheblich, aber redlicher Absicht. Sie: erst unsicher-hysterisch, dann überheblich-hysterisch, aber immer hysterisch) der brisanten Komplexität der Thematik sexualisierter Gewalt nicht nur nicht gewachsen ist, sondern in ihrer Aussage hoch fragwürdig bis fatal: Der Vorwurf der Vergewaltigung wird als böswilliges und absurdes Machtspielchen abgetan.

Und die Moral von der Geschicht? Unterm Strick und platt verkürzt: Anti-Diskreminierungsbestrebungen oder gar feministische Forderungen werden als übertriebene Political-Correctness-Diktatur imaginiert und somit als überzogen und willkürlich diffamiert, da individuelle Definitionen von Grenzüberschreitungen dem Machtmissbrauch Tor und Türen öffnen – so wie im Falle Carol in „Oleanna“…

„Laut einer Studie, die bei einer Fachtagung des Europarates vorgelegt wurde, wird jede vierte Frau mindestens einmal im Leben Opfer von Gewalt, jede zehnte Frau wird Opfer sexueller Übergriffe. (Quelle: AFP, 2008)“

Vor einem solchen Hintergrund ist eine Inszenierung wie die von Bridle nicht nur fragwürdig, sondern zynisch. Interessanterweise habe ich bisher in keiner anderen Rezension ähnliche Einschätzungen gefunden, sondern fast nur positive Äußerungen – stellt sich natürlich die Frage: Warum? Bin ich zu voreingenommen/vorbelastet an die Inszenierung herangegangen? Oder ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sexistische Strukturen als Normalzustand akzeptiert und unhinterfragt bleiben?

Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen von http://www.frauennotruf-hamburg.de

Ein Gedanke zu „Machtspiele: „Oleanna“ von David Mamet an den Hamburger Kammerspielen

  1. Nun ja, die Hamburger Inszenierung kenne ich nicht, aber an Oleanna arbeite ich zur Zeit sehr intensiv und kann etwas zum Stück sagen. Tatsächlich scheiden sich an dem Stück die Geister. Mamet hat die Figuren so geschickt angelegt, dass dem Publikum keine eindeutige Sympathiebekundung gelingen soll – nach der MeToo-Debatte schon gar nicht. Jede der beiden Figuren ist auf ihre Weise im Recht. Und wenn das Stück und die Inszenierung es schafft, die Zuschauer zu verunsichern, sie/ihn ratlos zurückzulassen und damit die Diskussion zu entfachen, dann haben Mamet und das Ensemble alles richtig gemacht.

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