Philippe Quesne/Vivarium Studio lassen viel Raum im SWAMP CLUB auf Kampnagel

Auch auf die Gefahr hin, dass es pathetisch und abgedroschen klingt: Es gibt ganz selten diese Momente, in denen Theater einen Zauber entfaltet – der allerdings nicht gut in Worte zu fassen ist.

Bei SWAMP CLUB von Philippe Quesne/Vivarium Studio ist dieser Zauber zu spüren, zumindest für mich. Für viele andere anscheinend nicht: Ein paar verlassen die Vorstellung, in der Reihe hinter mir prusten Zuschauer vor Lachen, als würden sie eine Didi-Hallervorden-Vorstellung sehen, die Frau neben mir sieht auf die Uhr – um 20:52 Uhr, um 21:11, um 21:18, um 21:22… und geht beim ersten Applaus. Aber anscheinend sind es immer wieder besonders streitbare oder mehrdeutige Inszenierungen, die für mich den Reiz von Theater ausmachen. Inszenierungen, die nicht einfach zu fassen, zu begreifen oder zu kategorisieren sind.

So wie bei SWAMP CLUB: Quesne und sein Vivarium Studio erschaffen mit dem SWAMP CLUB ein vieldeutiges Paralleluniversum, dass sich sowohl sehr genau auf unsere Realität bezieht und gleichzeitig entrückt und fern wirkt.

Das von Quesne entworfene atmosphärische Bühne spiegelt diesen scheinbaren Widerspruch wunderbar wider: Aus einer künstlichen Sumpflandschaft, in deren Gräsern und Pflanzen ausgestopfte Reiher, Füchse, Eulen und Eichhörnchen friedlich vereint sind, erhebt sich der SWAMP CLUB wie ein auf Stelzen ruhendes überdimensionales Terrarium, das multifunktional als Musikstudio, Besprechungsraum oder auch Sauna dient. Aus einer nahe liegenden Grotte steigen Nebelschwaden, aus einem Rohr plätschert Wasser.

Auf einem LED-Teleprompter über der Grotte wird in diversen Sprachen das noch diversere Tagesprogramm des SWAMP CLUB verkündet: Ein Streicherquartett spielt Schostakowitsch, Beethoven oder Mahler, eine Filmreihe zu „Kino + Widerstand“ soll gezeigt werden, es gibt eine Fotoinstallation, Sauna + Schwimmbad oder Verteidigungsübungen mit Kostümen + Stöcken. Vor dem topmodernen Teleprompter steht SWAMP CLUB – aus alten Stöcken zusammen gebastelt.

Diese gleichzeitig naturalistische wie betont künstliche Szenerie wird von ebenso seltsamen Wesen bevölkert: Langsam und äußerst behutsam wandeln sie in modernen BoHo-Hipster-Klamotten und archaischen Kapuzen umher, entwerfen dreidimensionale Modelle am Laptop oder überreichen ihren Gästen selbstgebastelte Bögen für die Jagd sowie Insektenspray, Saunatücher und den WIFI-Code. Diese Verbindung aus scheinbar unvereinbaren oder widersprüchlichen Elementen macht SWAMP CLUB aus, auf allen Ebenen. Das und eine besondere Betonung von Langsamkeit.

Denn wirklich viel passiert nicht im SWAMP CLUB: Drei Residenten empfangen drei Gäste, führen sie übers Gelände, sie saunieren gemeinsam, absolvieren eine fragwürdige und äußerst hilflos wirkende Verteidigungsübung und evakuieren alle Pflanzen und Tiere. Denn der SWAMP CLUB ist anscheinend bedroht – von wem oder warum bleibt unausgesprochen. Nur so viel ist klar: Die Finanzierung ist nicht das Problem, da in der Grotte brockenweise Gold vorhanden ist, das großzügig verteilt wird. Ebenfalls klar: Eine effektive Verteidigung des SWAMP CLUB werden diese sechs Gestalten wohl nicht leisten können… gegen welche Bedrohung auch immer.

Die spärlichen Handlungen erfolgen wie in Zeitlupe, alle Gespräche finden mit gesenkter Stimme statt. Im Hintergrund streichen die Streicher, der Nebel wabert, das Wasser plätschert vor sich. Viel Zeit, Ruhe und Raum, um die Szenerie auf sich wirken zu lassen und sich seine eigenen Gedanken zu machen – die offenbar sehr unterschiedlich ausfallen können, wie ich in Gesprächen nach der Vorstellung festgestellt habe. Aber genau das macht den Reiz von SWAMP CLUB oder den anderen Arbeiten von Quesne/Vivarium aus: Raum für Interpretationen, alles ist vielschichtig, mehrdeutig, achtsam-respektvoll und gleichzeitig ironisch-kritisch. Was die Handlung letztes Jahr von BIG BANG war? Keine Ahnung, irgendetwas mit Evolution – aber ich erinnere mich noch genau an eine besondere Stimmung… und daran, dass ich nichts über BIG BANG geschrieben habe, weil ich es nicht gut in Worte fassen konnte. So wie jetzt bei SWAMP CLUB.

Ein Einblick in BIG BANG:

Idee / Regie / Ausstattung: Philippe Quesne
Künstlerische Mitarbeit: Yvan Clédat, Cyril Gomez-Mathieu
Technische Leitung: Nicolas Barrot
Kostüme: Corine Petitpierre
Assistenzt: Marie Urban
Mit: Isabelle Angotti, Snæbjörn Brynjarsson, Ola Maciejewska, Émilien Tessier, Gaëtan Vourc’h
 und einem Streichquartett
Produktion: Vivarium Studio

Internationales Sommerfestival 2013 auf Kampnagel

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