KUNST + KOMMERZ: Kann ich mir das leisten?

„…zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“

Dieser leicht verquere Spruch könnte wahrscheinlich ziemlich viele Künstler- und Projektverträge – oder ganze Existenzen – knapp zusammenfassen. In diesem Fall lautet so die Begründung im Gutachten zur Neuvergabe der Berliner Konzeptförderung 2013, warum der Theaterdiscounter Berlin die jährlichen Zuschüsse von bisher 150.000 Euro nicht mehr erhalten soll. Was so kurz heruntergebrochen zynisch klingt, beschreiben die Gutachter selbst als Dilemma. Auf Nachtkritik findet sich für Interessierte eine gute Zusammenfassung, das ganze Gutachten findet sich hier.

Dem Theaterdiscounter sind im Gutachten ganze vier Seiten gewidmet, auf denen erstaunlich detailliert auf die höchst prekären Verhältnisse der Spielstätte eingegangen wird – und die wohl so oder auch noch krasser auf zahlreiche Projekte der freien Szene übertragbar sein dürften:

„Die Programmgestaltung funktioniert nur durch radikale Selbstausbeutung –
meilenweit entfernt von den so genannten Honoraruntergrenzen […]“

Von der Arbeit für den Theaterdiscounter kann wohl kaum einer der Beteiligten leben, sie finanzieren sich über Nebenjobs. Die Gutachter attestieren:

„Keiner bekommt, was er für seine Leistung verdient.“

Die Frage, was Künstler verdienen, wird häufig gar nicht gestellt – nicht einmal von vielen Künstlern selbst. Rein monetär in diesem Wirtschaftssystem und in dieser wirtschaftlichen Lage offenbar nicht viel bis gar nichts. Die KSK hat dazu mal ein paar traurige Zahlen herausgegeben, in denen aber diejenigen, die nicht von ihrer Kunst, sondern von einem sozialversicherungspflichtigen Broterwerb oder Hartz IV leben, gar nicht vorkommen. Demnach verdienen im Bereich darstellende Kunst 30 bis 40 jährige Männer durchschnittlich 14.372 Euro – Frauen im Durchschnitt magere 9.576 Euro…

Wenn keiner bekommt, was sie verdienen, warum machen dann eigentlich so viele weiter? Und wie viele machen nicht weiter, mehr oder weniger freiwillig? Und wie viele gehen unter oder vor die Hunde?

Der Staat, der Bund, die Länder, die Kommunen etc. fragen sich, ob und wie viel und welche Kunst sie sich leisten können und wollen oder sollen, während sich viele Künstler fragen, ob und wie sie sich ihre Kunst eigentlich leisten sollen. In Stücken von z.B. René Pollesch oder in den auf der Facebook-Seite „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ der Initiative „Art but fair“ gesammelten Anekdoten ist das ganz unterhaltsam, in der Realität meist weniger: Für den Theaterdiscounter bedeutet das wohl unterm Strich, dass es zukünftig nicht mal mehr „zu viel zum Sterben“ ist…

 

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