Begeisterte KLEINBÜRGER: Nostalgie oder Konservatismus?

„Man kann beobachten, wie die Menschen versuchen zu leben.“

Jette Steckels KLEINBÜRGER nach Maxim Gorki habe ich bereits am DT gesehen – warum also jetzt nochmal das Gastspiel am Thalia Theater ansehen? Vor allem der Nostalgie wegen: Die Schauspieler der Khuon-Ära wieder einmal sehen, mit denen ich viele großartige Theatermomente verbinde: Natalie Selig als glatzköpfiger Mephisto in Kriegenburgs URFAUST, Ole Lagerpusch, der in der Gaußstraße so poetisch HIKIKOMORI beging oder mit Katrin Wichmann als LEONCE UND LENA so schön nervte oder im SCHIMMELREITER so schön scheiterte… usw. Die Anekdoten aus der „Ach-waren-das-früher-noch-Zeiten“-Schublade könnten ewig weitergeführt werden, aber ich übe mich in Zurückhaltung. Beim überbordenden Schlussapplaus wird mir klar, dass die Mehrheit der Zuschauer heute Abend aus gleichem Grund hier sein dürften. Stellt sich mir die Frage:

Ist das jetzt Nostalgie oder Konservatismus?

Sinnigerweise spiegelt sich diese Frage auch in den KLEINBÜRGERN wider: Gorki präsentiert seine Ansichten und Moral ja nicht sonderlich diskret, Steckel in den Kleinbürgern auch nicht: Die Entschlossen und mit dem Willen zum Glück und zum Leben stehen in starkem Kontrast zu den unglücklichen und unentschlossenen Kleinbürgern. Die sind überspannte Karikaturen, wechselhaft und uneins mit sich und ihrem Leben. „Wie wollt ihr denn leben?“ ist dem entsprechend auch die immer wieder gestellte Frage, die sich durch den Abend zieht.

„Sie haben gar keinen Charakter, gar kein Gesicht.“

Nur dass die Kleinbürger bei Steckel eben heutige Kleinbürger sind: Sie hören und singen Indie-Musik ihrer Jugend wie „Strangers“ von Portishead oder spielen „Dear Darkness“ von PJ Harvey auf dem Klavier, die Elterngeneration entsprechend Bob Dylan oder Frank Zappa – Nostalgie oder Konservatismus?

Steckel stellt den Generationskonflikt in den Vordergrund, aber auch die Frage nach der politischen Haltung. Im Bühnenzentrum steht ein großes Denkmal im sozialistischen Stil, das den Kleinbürgern den Rücken zukehrt. Später wird es in Streetart-Style mit dem Bild eines Mädchens ergänzt, das sich an das Bein der Statue klammert, mit dem Slogan „Save me from what I want“.

„Was glauben Sie denn, was Sie da finden, wenn Sie sich suchen?“

Interessant finde ich bei diesen KLEINBÜRGERN den Effekt, dass die verkorksten und unfähigen kleinen Bürger mit ihren Macken und Zuckungen prima unterhalten und Sympathien wecken, während die zum-Glücklichsein-Entschlossenen wie Nils mit ihrem übertrieben-naturalistischen Spiel und ihren politisch-korrekt-überzogenen Überzeugungen viel lächerlicher und nerviger wirken als die Karikaturen der Kleinbürger. Steckel treibt dieses Paradox auf die Spitze und lässt Nils in peinlichster Agitprop-Mitmach-Manier von der Rampe aus das Publikum zu mehr Empörung aufrufen – was im Publikum zu einem Moment der belustigt-pikierten Verunsicherung führt… und sogar zu ein paar peinlich-empörten Mitmachern.

„Oh what a world it seems we live in“

Die immer wieder eingeflochtene poetisch-dekadente Weltschmerz-Musik à la Rufus Wainwright spiegelt die melancholisch-verkorkste Handlungs- und Haltungsunfähigkeit der KLEINBÜRGER wunderbar wider – und wird als Frage an das Publikum zurück geworfen: Romantischer Weltschmerz oder aktives Handeln? Das mit bequemem Wohlstandskonsum verwöhnte Publikum dürfte die Romantik jeder Form von Aktion vorziehen. Die Anfangs von mir gestellte Frage sollte wahrscheinlich nicht „Nostalgie oder Konservatismus?“ lauten – es ist vielleicht gar keine Frage, sondern einfach nostalgischer Konservatismus, der das Publikum dieser KLEINBÜRGER berührt und bewegt… und ich mittendrin – oder zumindest auf einem der hinteren Randplätze…

Kleinbürger von Maxim Gorki,

Gastspiel Deutsches Theater Berlin am 24. Mai 2013 im Thalia Theater

Regie Jette Steckel Bühne Rufus Didwiszus Kostüme Pauline Hüners Musik Rainer Küng Video Bernadette Knoller-Buck, Anja Läufer, Claudia Trost
Es spielen Helmut Mooshammer (Wassilij Wassiljew Bessemjonow), Barbara Schnitzler (Akulina Iwanowna), Ole Lagerpusch (Pjotr), Natali Seelig (Tatjana), Felix Goeser (Nil), Markus Graf (Pertschichin), Olivia Gräser (Polja), Katrin Wichmann (Jelena Nikolajewna Kriwzowa), Peter Jordan (Teterew), Thomas Schumacher (Schischkin), Mark Badur (Live-Musik)

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