Elsewhere in Berlin: Theater ist nicht gleich Theater, eine Vierte Wand ist nicht immer eine Vierte Wand und bemerkenswert ist nicht immer bemerkenswert.

Vier Tage Berlin: Viermal Theater, dreimal Theatertreffen, dreimal Berghain, einmal Kleingarten, einmal Museum. Ein Marathon.

Freitag: Der Marathon startet erst einmal ganz gediegen: Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele. Eingeladen als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall von Elfriede Jelinek, Regie Johann Simons. Für meinen Geschmack definitiv zu seicht, zu nett, zu bekömmlich. Nette Witze, nette Lieder, nette Inszenierung. Jelineks Textflächen in eine Dialog- und in Ansätzen sogar Rollenstruktur zu zwängen, kann meiner Ansicht nach nur Scheitern, da es dem komplexen und mehrschichtigen Text nicht gerecht werden kann. Wo einem in gelungeneren Jelinek-Inszenierungen wie KONTRAKTE DES KAUFMANNS von Nicolas Stemann oder RECHNITZ von Jossi Wieler das Lachen im Halse stecken bleibt, kann man bei Simons ganz wohlig schmunzeln. Aber will ich das? Wie Fabian Hinrichs bei KILL YOUR DARLINGS gerne konstatierte:

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Hier fehlen mir die Spitzen, Ecken und Kanten. Jelinek sollte nicht zum Dahinschmelzen sein – wie das Eis auf dem Bühnenboden.

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Im Anschluss: Eine Premiere der anderen Art – mein erster Besuch in einer schwulen Sexbar, dem Laboratory im Berghain. Das Setting gefällt mir erst einmal spontan überraschend gut: heruntergekommener Industrie- und Endzeitcharme, alte unverputzte Backsteinwände, kalte Metallgerüste, dunkle Nischen und Höhlen, Kerzen. Erinnert mich ein wenig an eine Hardcore-Version von Ida Müller’s unglaublichem Allover-Bühnenbild für BORKMANN letztes Jahr im Prater der Volksbühne. BORKMANN ist sowieso der Anlass, warum ich überhaupt vom Theatertreffen direkt im Lab lande: Nachdem ich dem Freund, bei dem ich die paar Tage in Berlin verbringe (und der im Berghain arbeitet), begeistert von BORKMANN berichtet habe, meinte er nur: Klingt wie bei mir auf der Arbeit: Scheiße, Pisse, Sex. Ein guter Grund, meine Abwehrhaltung und Schwellenängste über Bord zu werfen und einen Blick jenseits von Stern-Reportagen zu riskieren. Ist auch interessant, vor allem, da ich mich weniger unwohl, unsicher und überfordert fühle als erwartet – obwohl ich bereits durch meine vollständige Garderobe und meine Rolle als reiner Zuschauer sofort als Outsider auffalle. Ansonsten ist es hier irgendwie auch wie im Theater, und der BORKMANN-Vergleich ist gar nicht so abwegig. Allerdings wünsche ich mir manchmal doch eine Vierte Wand, hinter der man sich so schön sicher, geschützt und versteckt verstecken kann. Die Vierte Wand gab es beim BORKMANN allerdings auch nicht. Wobei ich bei BORKMANN mehr Angst hatte als im Lab: Hier kann man wenigstens unbesorgt Nein zum Mitmachen sagen – ob Vinge ein Nein akzeptiert halte ich für fraglicher. Aber das Lab wird es im Gegensatz zum BORKMANN wohl nicht auf die Liste meiner liebsten Schauspiele schaffen, die ich mir immer wieder ansehen würde – da fehlt mir dann doch die inhaltliche Substanz. Als recht kopflastiger Mensch ist Sex für mich zwar ein ergiebiges Thema, erfordert meiner Meinung nach aber auch Auseinandersetzung, Sensibilität und politisches Bewusstsein. Aber eine Sexbar ist eben auch eine andere Art von Theater.

Den Samstag lassen wir dafür ganz ruhig angehen: Kleingartenanlage, Unkraut jäten, Setzlinge setzen, unterm Kirschbaum liegen – ist dann irgendwie doch mehr meine Welt. Meine Bullerbü- oder Kinder-von-Uhlenbusch-Sozialisation hat mich wohl für immer für Exzesse verdorben. Zumindest ist mir diese Gartenidylle hier näher als das „glamourösere“ Theatertreffen, wegen dem ich mich schweren Herzens vom paradiesischen Garten verabschieden muss, damit ich gerade noch pünktlich zur FAHRT komme, die anlässlich des 50jährigen Theatertreffens stattfindet. Das Szenario weckt Assoziationen zu Kaffeefahrten vom gehobeneren Seniorenheimen: Fresspaket mit Brezel und Sekt, Busfahrt mit allzu witzigem Reiseführer. Leider führt die Tour lediglich an bekannten Spielstätten vorbei, vom DT und Berliner Ensemble über Volksbühne und HAU – außer dem Tempelhof-Hangar leider ohne Überraschungen oder Neuentdeckungen. Immerhin weiß ich jetzt, woher das Volksbühnen-Zeichen aus Rad mit Beinen kommt: Eine früher in Bäume geritzte Warnung für Wanderer und Reisende, dass in diesem Wald Räuber sind – ursprünglich nur als Werbung für Castorf’s Räuber gedacht, heute allgegenwärtig. Ich verschenke bei Fahrtende meinen Sekt und verabschiede mich schnell, im Kopf wieder die Stimme von Fabian Hinrichs: „Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

„Don’t sell your you!“

Im direkten Anschluss: Das Musical BLACK RIDER an der Schaubühne – vor allem aus nostalgischen Gründen, da besagter Freund und ich vor einer Ewigkeit bei den Bad Hersfelder Festspielen als Statisten bei BLACK RIDER den schweren roten Samtvorhang halten durften – näher war ich der Vierten Wand nie wieder, denn hier musste ich sie praktisch verkörpern. Die Inszenierung hat Schwächen, aber die Schauspielerin Jule Böwe und ihre Version vom November-Song sowie die sehr gelungene musikalische Umsetzung der Band Kante entschädigen.

Danach schauen wir in Hoffnung auf Reste vom Buffet noch bei der FEIER im Festspielhaus vorbei. Das Buffet übertrifft alle Erwartungen, die FEIER auch – allerdings im Gegensatz zum Essen nicht im positiven Sinne. DJ und Everybody’s Darling Lars Eidinger geht auf Nummer super-sicher und spielt alte Singalong-Hits, bekannt aus Kindheit, Jugend, Film und Fernsehen. Wir gehen weiter ins Berghain – da werden wir wenigstens nicht zum Mitsingen von Nena-Hits animiert. Dennoch, in meinem Kopf halt es trotz der Bässe immer noch: „Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

„Die Gesellschaft muss grundlegend gereinigt werden!“

Sonntag: 16 Uhr warten wir schon ganz aufgeregt und voller ängstlicher Vorfreude vorm Prater auf die Parallelwelt 12-SPARTENHAUS von Vegard Vinge/Ida Müller & Co. Die Berichte der Premiere vom letzten Wochenende haben unsere Erwartungshaltung in die Höhe geschraubt, da wir nicht einschätzen können, was wir wohl zu sehen bekommen – falls wir überhaupt etwas zu sehen bekommen. Zu sehen bekamen wir eine ganze Menge: 10 Stunden voller Vinge-Wahnsinn. Poppige Sieg-Heil-Hymnen, Menstruationsblut-Teezeremonie, Geburt, Tod, Gewalt und Gemetzel, dazu Musik von Wagner, Bach, Aha, Triesto, Celine Dion – alles da. Irgendwann dämmern mir auch die Bezüge zu Ibsen’s VOLKSFEIND. Allerdings: Im Vergleich zu Vinge’s BORKMANN, wo man förmlich in die Wahnsinnswelt von Vinge & Co hineingezogen wurde, ist mir das 12-SPARTENHAUS dann leider doch zu sehr hinter der Vierten Wand verborgen: Im Foyer des Praters betrachtet man die immer noch wahnsinnig beeindruckenden Szenarien auf Leinwänden oder durch kleine Fenster – unheimlich geschützt und sicher, alles ganz locker und entspannt. Im Foyer macht sich so auch nach kürzester Zeit eine Stimmung wie bei einer Klassenfahrt breit: Chips oder Schokolade, Bier, Wein, Kaffee, Mate – alles was irgendwie zum Durchhalten geeignet ist. Immer wieder pennen einige weg, andere gehen raus in die sogenannte Wirklichkeit, die einem im Vergleich zu Vinge’s Parallelwelt extrem unwirklich erscheint, um Vorräte aufzufüllen oder um zu Rauchen. Ständig werden Smartphones gezückt, Bilder und Filme gemacht und im gleichen Atemzug online gestellt. Vielleicht haben Vinge & Co in diesem Jahr eine so massive Vierte Wand um sich errichtet, weil sie einfach keinen Bock auf dieses Publikum mehr haben? Wäre nachvollziehbar, denke ich beschämt… Das Publikum, das Publikum, das Publikum…

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„Wie einen Hund haben sie mich rausgeschmissen“

Um 2 Uhr sehen wir im debilen Dämmerzustand seit einer gefühlten Ewigkeit Ida Müller & Co zu, wie sie in Schiffskajüten pennen. Irgendwann bittet uns das arme Prater-Personal, jetzt doch endlich zu gehen. Wir haben nach anfänglichem Mosern Verständnis und Mitleid und packen unser Lager aus Müll und Vorräten wieder zusammen. Von Vinge’s Wunderwelt so abrupt entlassen, nutzen wir die praktischerweise noch nicht abgewaschenen Berghain-Stempel und gehen wieder tanzen. Eigentlich eine sehr stimmige Weiterführung des Programms. Und ich muss zugeben, dass ich selten bzw. noch nie eine solche Stimmung an einem frühen Montagmorgen erlebt habe – unwirklich passt als Beschreibung für das Szenario wohl am besten. Auch wenn ich diesen kurzen Einblick in diese kuriose Parallelwelt sehr zu schätzen weiß und für kurze Zeit auch beim Tanzen genießen kann, lässt sich meine grundlegende Ablehnung von hedonistischem Konsum und kapitalistischem Freiheitsbegriff nicht völlig ausblenden. Außerdem macht sich wieder meine Bullerbü-Kindheit bemerkbar, da ich das queere und feministische Szenario von The Knife ihrer SHAKING THE HABITUAL-Show dem Berghain dann doch vorziehe – da gibt es wenigstens eine Vierte Wand.

THE KNIFE - SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

THE KNIFE – SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

Es bleibt der Ohrwurm:

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Montagabend erwartet mich völlig unerwartet noch ein kleines Theater-Highlight: Besagter Freund schlägt vor, ins Garn Theater, einem 1-Personen-Theater von Adolfo Assor in Kreuzberg zu gehen – wie ich hat er eine große Vorliebe für abwegige Kunst. In einem abgelegenen Hinterhof, tief in Kellergewölben versteckt, es ist kalt und feucht, modriger Kellergeruch schlägt einem entgegen. Schwarz-getünchter Raum. Schlichtes Bühnenbild, dennoch mit Liebe zu Details und Zeugnis von Fantasie. Schauspieler und Text berühren mich sehr viel direkter als die meisten pompösen Großproduktionen, die einen die großen Stadttheater so bieten. Der Text BERUHIGUNGSMITTEL von Samuel Becket ist großartig, wunderbar abwegig, auf eine Art und Weise vorgetragen, die verdeutlicht, dass jemand mit diesem Text etwas anfangen kann und etwas aussagen will – was etwas ist, was mir immer häufiger im Theater schmerzlich fehlt.

Die Treppen hinab zum GARN THEATER in Kreuzberg. Foto: Adrian Anton

Die Treppen hinab zum GARN THEATER in Kreuzberg. Foto: Adrian Anton

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Mein Fazit nach diesem Berlin-Marathon: Vierte Wand ist nicht gleich Vierte Wand, sie kann ganz unterschiedliche Auswüchse annehmen. Manchmal wünscht man sie sich mehr, manchmal weniger präsent. Im Lab hätte ich gerne eine Vierte Wand gehabt, bei Vinge nicht. Die bemerkenswerteste Inszenierung meines Theatermarathons habe ich mal wieder nicht beim Theatertreffen, sondern im Prater und im Garn Theater gefunden. Wobei ich mir sicher bin, dass Vinge im nächsten Jahr garantiert wieder zum Theatertreffen geladen wird – das Garn Theater mit höchster Wahrscheinlichkeit wohl nicht. So ist die Welt: Absurd. Aber das macht es ja auch interessanter.

Ein Epilog aus KILL YOUR DARLINGS:

„Wenn man es krachen lässt, kommt man schon gar nicht an sein Leben ran. Wenn man es krachen lässt, das ist der totale Tod.“

 

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