„Prolog?“: Ein Epilog oder Abgesang von Elfriede Jelinek

„Der Lärm ist ja längst vorbei, hören Sie? … Sie erwarten von mir Lärm?“

Wie zu erwarten bei Texten von Elfriede Jelinek, so ist auch bei ihrem für den Stückemarkt des Theatertreffens entstandener Textfläche „Prolog?“ nichts wie erwartet und nichts so wie es scheint.

Allerdings schreibe ich hier nicht über den eigentlichen Text, sondern nur über den Auszug aus dem Text, der für die szenische Lesung im Rahmen des Stückemarkts ausgewählt wurde – oder genauer genommen über die Bearbeitung des Textes als Hörspiel in der Regie von Andrea Getto, vorgetragen von der Schauspielerin Hedi Kriegeskotte.

„Warten Sie gefälligst, jetzt rede ich! Und rede und rede und rede!“

Klingt nach Monolog, ist aber wie bei Jelinek zu erwarten mehrstimmig. In lapidarem Tonfall, gespielter Empörung oder gelegentlicher Schärfe scheint die prägnante Stimme von Hedi Kriegeskotte, die bereits bei der Hörspielfassung von „ULRIKE MARIA STUART“ mitgewirkt hat, im Zwie- oder Streitgespräch mit sich selbst oder den Zuhörern/Zuschauern zu stehen.

„Aber nichts ist, wie die Natur es sich gewünscht hat“

Angekündigt als „Szenario eines Verfalls und Untergangs der Welt“ vor dem Jelinek „das deiktische Moment, den subjektiven Gestus des Aufzeigens zur Disposition“ stellt, zeigt sich für mich wieder einmal mehr die Diskrepanz zwischen Texten von Jelinek und Texten über Jelinek: Worum es im „Prolog?“ eigentlich geht, kann ich gar nicht genau sagen. Denn bei Jelinek impliziert jedes „eigentlich“ reflexartig auch ein „aber…“. Das angekündigte Weltuntergangsszenario lässt sich erahnen, wenn zum Beispiel vom Sterben der Insekten wie dem „armen Schmetterling“ die Rede ist. Mit dem „deiktischen Moment“ ist wohl eines von Jelineks immer wieder kehrenden Themen gemeint, die menschliche Unfähigkeit oder Unmöglichkeit, zu hören/zu sprechen, die Absurdität der Sprache an sich oder auch die Diskrepanz zwischen Wort und Handlung. Der Standpunkt des Sprechers/des Sprechens bleibt unbestimmt und widersprüchlich, lediglich die Rolle des Publikums scheint klarer: Die des Nicht-Verstehens, des Unverständnisses, der Unfähigkeit.

„So viel zu der Freiheit, die Sie haben – nämlich gar keine.“

Anders als die meisten Stücke/Textflächen von Jelinek bleiben die nur knapp 20 Minuten des „Prolog?“ in der Hörspielfassung mit Hedi Kriegeskotte typischer lapidarer Tonalität sehr verdaulich/appetitlich, kurzweilig und unterhaltsam – ich habe das Hörspiel zum Beispiel während meinem Abwasch gehört. Bestätigt das meine Rolle als Hörer – die Unfähigkeit zu hören, was nicht gesagt werden kann?

„Es ist vorstellender Betrug, den Sie hier sehen – aber nicht meiner!“

 

„Prolog?“ von Elfriede Jelinek.
Ein Hörspiel in der Regie von Andrea Getto
Sprecherin: Hedi Kriegeskotte

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