„ICH WILL KEIN THEATER!“ Das Theater mit der Jelinek

In diesem Jahr ist die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zweimal beim Theatertreffen vertreten: Mit der Inszenierung durch Johan Simons von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, die heute Abend Premiere feiert, sowie beim Stückemarkt mit ihrem von Hedi Kriegeskotte vorgetragenen „Prolog?“, der ebenso heute auf dem Programm steht. Wer sich auf eine Spurensuche begibt, stößt auf ganze zehn Stücke der Autorin – allein in den letzten neun Jahren.*

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Inszenierungen von Texten dieser österreichischen „Nestbeschmutzerin“ in den vergangenen Jahren so häufig zu den bemerkenswertesten gewählt wurden und werden? Sie wird, was lebende zeitgenössische Autoren angeht, nur von Botho Strauß (12 TT Einladungen) übertroffen, dieser war zuletzt 1999 eingeladen.

Bemerkenswert gestaltet sich auch eine Erklärungssuche im Netz: Selbst das lediglich bis 2009 zurückreichende Archiv von nachtkritik.de zählt alleine 221 Einträge zu Elfriede Jelinek. Ihre eigene Website www.elfriedejelinek.com umfasst ganze elf Sparten, von Theater und Prosa bis zu Politik & Gesellschaft – und wäre beinahe dafür verantwortlich gewesen, dass dieser Text hier nicht mehr pünktlich zustande kommt, da ich mich immer wieder in den ausufernden Textflächen von Elfriede Jelinek zu verlieren drohte.

Nicht nur das von Elfriede Jelinek Geschriebene ist überwältigend, auch das über Elfriede Jelinek Geschriebene ist Zeit und Raum füllend und beschäftigt ein ganzes Forschungszentrum inklusive fleißiger Praktikanten. Bei all den Primär- und Sekundärquellen, -texten und -stücken ist mir die enorme Diskrepanz meiner eigenen Empfindungen und Gedanken aufgefallen, die sich beim Lesen von Texten von Jelinek und den Texten über Jelinek aufgetan hat: Erstere haben mich aufgewühlt, beschäftigt und verwirrt – und zwar auf emotionaler und rationaler Ebene gleichermaßen.

Beim Lesen von „Lust“, „Neid“ oder „Über Tiere“ stellt sich permanent die Frage, wer oder was ist gut oder böse, wer Opfer, wer Täter, wer klagt an, wer wird angeklagt? Ein permanentes Unwohlsein anstelle von moralischen oder intellektuellen Überlegenheitsphantasmen. Entweder darauf einlassen und sich auseinandersetzen – oder ablehnen. Jelinek spaltet.

Die Texte über Jelinek haben mich zwar manchmal auch verwirrt, meistens aber gelangweilt und bestenfalls ein wenig zu Hintergründen informiert. Meist haben sie ein eher schales Gefühl hinterlassen, da sie Tendenzen haben…

– Jelinek auf ihre Biografie zu reduzieren (Mutter! Vater! Ödipussy!)

– Jelinek politisch zuordnen und so diskreditieren/vereinnahmen zu wollen (Kommunismus! Oder schlimmer: Feminismus!)

– Jelinek zu etwas zu machen, was sie definitiv nicht ist: einfach erklärbar/verstehbar/kategorisierbar/konsumierbar

Meine Erkenntnis aus der Sekundärliteratur: Über Jelinek zu schreiben ist ein absurdes und zum Scheitern verdammtes Unterfangen (was das Schreiben dieses Textes leider ebenfalls ad absurdum führt und nicht gerade erleichtert …). Eigentlich sollte über Jelinek nichts geschrieben werden – Jelinek sollte gelesen werden … oder am Theater inszeniert. Und darum soll es jetzt auch endlich gehen: Jelinek und das Theater.

„Ich will ein anderes Theater!“ – Jelinek mischt sich gerne ein: Stiftet Aufruhr!

Das Verhältnis von Jelinek und Theater ist ambivalent:

„Das Was ist es eben, das dazukommen muß, und es muß immer von einem andren kommen als von mir, von jemand, der dem, was ich hergestellt habe, unvoreingenommen begegnet und es mit etwas ganz anderem, als ich je gedacht hätte, einnehmen kann, damit die Sprache meiner Figuren entweder gezügelt oder angespornt wird, damit die Figuren auf der Bühne lernen, und zwar am liebsten das Nichtgelingen, sonst müßten sie ja überhaupt nicht lernen.“

Dann wiederum finden sich in ihren Regieanweisungen so legendäre Sätze wie „Machen Sie, was Sie wollen“ oder auch: „Das ist mir mittlerweile sowas von egal.“ Aber Jelinek ist eben eindeutig mehrdeutig. Regisseure wie Nicolas Stemann inszenieren dennoch oder gerade deshalb immer wieder ihre Stücke: „Wahrscheinlich fordern Jelinek-Texte das Theater noch einmal auf eine ganz andere Art heraus, sich neu zu erfinden oder zumindest zu definieren.“ Derzeit sollen Stemann und Jelinek an einer Inszenierung in Anlehnung an Wagner für die Staatsoper Berlin arbeiten: „Rein Gold“. Einen sehr musikalischen und nicht sehr ehrfürchtigen Regisseur mit einer noch musikalischeren und noch weniger autoritäts- oder ehrfürchtigen Autorin gemeinsam auf Wagner loszulassen scheint sinnig. Musikalität durchzieht sowieso alle Arbeiten von Jelinek, von der „Winterreise“ über die „Klavierspielerin“ bis zur generellen Musikalität ihrer Sprache.

Vielleicht ist es eben das, was das Werk von Elfriede Jelinek – gerade für das Theater – so bemerkenswert macht: Es ist bei aller offensichtlichen Kapitalismus-, Nationalismus- und Patriachatskritik, die sich von „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ über „Rechnitz“ bis zur aktuellen Wirtschaftskrise wie in „Kontrakte des Kaufmanns“ zieht, immer ambivalent und vielschichtig. Ihre Texte lassen einerseits enorm viel Raum für Interpretationen und öffnen dabei immer neue Räume – und sind dennoch sehr präzise und messerscharf. Bei aller Musikalität und Poesie sind sie vertrackt, verquer und nicht leicht zu erschließen. Oder wie Stemann betont: „Sie nerven!“ Besonders deutlich wird die Ambivalenz von Jelinek-Texten an ihren assoziativen Wortspielen und ihrem Humor, für den der Begriff „schwarzer Humor“ nicht fies genug ist, da einem bei Jelineks Kalauern das Lachen immer auch im Halse stecken bleibt.

„Wen interessierts, wer spricht und wo? Sie glauben, ich bin es, hier?“

Bei Jelineks Theaterstücken stellt sich permanent die Frage: Wer spricht hier eigentlich? Und von wo wird gesprochen? Es gibt meist weder klare Rollen noch feste Charaktere oder Standpunkte – Identität und Identifikation werden als fragile und trügerische Konstrukte voller Brüche, Risse und Widersprüche unfassbar. Gibt es einmal konkrete Figuren, so widersprechen sich diese eben selbst, verwickeln sich in ihre eigenen Widersprüche und (Selbst-)Betrügereien, wie zum Beispiel die RAF-Königinnen in „Ulrike Maria Stuart“ oder „Jackie“ aus den Prinzessinnendramen. Jelinek, eigentlich wenig begeistert von Post-Something-Bewegungen, spricht von einem „Post-Ich‘-Zustand“. Viele Regisseure greifen bei Inszenierungen von Jelinek-Texten auf Chöre zurück: Miteinander oder gegeneinander skandieren, flüstern, schreien oder singen sie Jelineks Textflächen, wie in Stemanns Inszenierung von „Kontrakte des Kaufmanns“.

„…dann verlassen Sie sofort dieses Theater und tun etwas Sinnvolleres,

ja, Sie!“

Jede Form von Zu- oder Beschreibung kann an Elfriede Jelinek nur scheitern – was ich mir und diesem Text über Jelinek hiermit auch ein- und zugestehe. Aber Scheitern ist ohnehin ein gerne gesehenes Thema bei Jelineks Theater.

Wer, wo, wie und warum in der Inszenierung von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ von Johan Simons scheitert – oder lernt – werden die Vorstellungen am Donnerstag und Freitag (vielleicht) zeigen. Zumindest den Privilegierten, die Karten bekommen haben. Alle anderen können den fast 60.000 Wörter umfassenden Text auf www.elfriedejelinek.com selbst lesen – oder genervt daran scheitern. Der „Prolog?“ wird am Donnerstag, 9.05.2013, ab 18:30 Uhr als Hörspiel auf Deutschlandradio Kultur urgesendet. Thema: Die von Menschen verursachte Apokalypse – sozusagen das absolute Scheitern.

Trailer der Münchner Kammerspiele:

 

*2013: Johan Simons: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.”
2011: Karin Beier: „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”
2010: Nicolas Stemann: „Die Kontrakte des Kaufmanns”
2007: Nicolas Stemann: „Ulrike Maria Stuart”
2004: Nicolas Stemann: „Das Werk”
1998: Einar Schleef: „Ein Sportstück”
1998: Kazuko Watanabe: „Stecken, Stab und Stangl”
1997: Thirza Bruncken: „Stecken, Stab und Stangl”
1995: Frank Castorf: „Raststätte oder Sie machens alle”
1994: Jossi Wieler: „Wolken. Heim”

Literatur:

Jelinek, Elfriede: Ich will kein Theater. Ich will ein anderes Theater. In: Anke Roeder (Hg.): Herausforderungen an das Theater. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989, S. 143-161.

Stemann, Nicolas: Das ist mir sowas von egal! Wie kann man machen sollen, was man will? – Über die Paradoxie, Elfriede Jelineks Theatertexte zu inszenieren. In: Brigitte Landes (Hg.): Stets das Ihre. Elfriede Jelinek. Theater der Zeit Arbeitsbuch 2006. Berlin: Theater der Zeit 2006, S. 62-68.

Ursprünglich veröffentlicht auf Theatertreffen-Blog am 9.05.2013

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