1000 Fragen: Fabian Hinrichs in der Ich-Arena

„Wir haben uns totgedacht!“

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN – so lautet der Titel des Solo-Abends von Fabian Hinrichs am Schauspielhaus Hamburg. Sehr treffend gewählt, denn sowohl während der einstündigen Vorstellung als auch jetzt noch zischeln mir 1000 Fragen durch den Kopf – was ja ein sehr gutes Zeichen ist, schließlich gibt es kein vernichtenderes Urteil über ein Stück, als am Ende mit einem „war nett“ wieder nach Hause zu gehen, ohne weitere Fragen.

Hinrichs, inzwischen auch über Volksbühnen-Kreise hinaus bekannt aus „Film & Fernsehen“ oder seinen Arbeiten mit René Pollesch wie das zum Theatertreffen 2012 eingeladene „KILL YOUR DARLINGS!“, treiben viele Fragen um, die sich um dieses seltsame Konstrukt namens ICH und die unerklärliche WELT, in der WIR alle mehr oder weniger gemeinsam bzw. isoliert leben. Er hinterfragt die Sehnsucht nach Mystik ebenso wie die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und Regeln, er hinterfragt „Männlichkeitsdressuren“ und stellt klar: „Ich möchte keine Heldengeschichten mehr erzählen.“ Stattdessen kommt er auf so prägnante Aussagen wie: „Du kannst nicht weg aus dieser Welt, also ist es besser, wenn du auch nicht weg willst.“ Oder: „Dies ist kein niedliches Spielfeld, sondern ein Kriegsschauplatz.“ Aber Hinrichs gibt keine einfachen Antworten, sondern stellt lieber Fragen, wie zum Beispiel: „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ – frei nach Wolf Biermann, wie Hinrichs seine Quellen immer brav benennt und nicht als seine eigene Urheberschaft ausgibt.

„Seid nicht so clever, ihr wisst was ich meine!“

Aber auch wenn ich nicht alle Passagen verstanden oder alle Zitate aus Philosophie und Geistesgeschichte erkannt habe, hat mich der Abend zumindest berührt. Wie bereits vor Stückbeginn die prägnante Stimme von Fabian Hinrichs zu sehnsuchtsvollen Sitar-Klängen (gespielt von Florian Pittner) mit einem verloren klingenden „Haaallo“ und einem bittenden und vereinsamt klingenden „Kommt rein“ die Zuschauer empfängt, wie er dann in seiner langen Unterwäsche durch den Nebel tapst, auf der Suche nach dem Sinn und mit Fragen zu diesem seltsamen Selbst, gefangen in der „Ich-Arena“ im „Zeitalter der Individuation“.

„ICH, ICH, ICH, ICH – Ich kann es nicht mehr hören!“

Vor einem psychedelisch-mystischen Bühnenbild mit Planeten, einem glühenden Auge und einem Vogel berührt Hinrichs philosophische Themen und existenzielle Fragen, die jeder kennt und die jeden betreffen – aber er tut das auf so undogmatische und dafür umso charismatischere Art und Weise, dass keinerlei Klugscheissergefahr besteht und sich vermutlich auch kaum ein Zuschauer seinem (kleinen Bühnen-)Zauber entziehen kann. Die vielen Lacher und die (für Hamburg ziemlich überraschende) Bereitschaft mitzusingen und aufzustehen lassen zumindest vermuten, dass Hinrichs, ein „Dichter des Körpers“, mit seinen gezischelten und sehr musikalisch inszenierten Fragen zum Ich und der Welt und dem Wir nicht nur mich berührt hat.

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN

Konzeption: Fabian Hinrichs, Jürgen Lehmann
Raum: Jürgen Lehmann
Dramaturgische Mitarbeit: Nele Stuhler
Kostüm: Amelie Groezinger, Jürgen Lehmann
Licht: Wolfgang Schünemann
Sounds: Vredeber Albrecht
Prospektentwurf: Dirk Bell
Es spielen: Florian Pittner (Sitar), Fabian Hinrichs.

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