Speziell: DISABLED THEATER von Jérôme Bel auf Kampnagel

»I have Trisomie21 – and I am sorry«

Ein Theaterstück von und mit elf Menschen mit Behinderung. Was nach einem gut gemeinten Sozialprojekt oder schlimmsten Falls nach voyeuristischer Freakshow klingt, ist bestes Konzept- oder Post-Dance-Theater – extrem direkt, reflektiert und berührend.

»My job in this piece is to be myself and not someone else«

Jérôme Bel nähert sich seinen elf Akteuren, die Schauspieler am Theater Hora in Zürich sind und Lernschwächen oder Trisomie 21 haben, mit der gleichen distanzierten Achtung und offenen Direktheit, die auch seine vorherigen Stücke wie „Cédric Andrieux“ oder „3Abschied“ so hervorheben. Auch DISABLED THEATER hinterfragt die narrativen Strukturen von gängigem Repräsentations- oder Identifikationstheater, hebt sich aber von vielen post-dramatischen Projekten durch kluge Dramaturgie und vor allem durchdachten Einsatz theatraler Mittel ab, die ihre Wirkung vor allem durch ihren unaufgeregten und reduzierten Einsatz erzielen.

»They don’t really care about us«

Was die Arbeiten von Jérôme Bel so besonders macht, ist seine Fähigkeit zur Zurückhaltung: Er versteht es, zurück zu treten und seinen Akteuren Raum zu bieten. Dieser Raum stellt sowohl eine Bühne als auch einen Schutzraum dar, was im Fall von DISABLED THEATER besonders deutlich wird: Die elf Akteure präsentieren sich dem Publikum mit entwaffnender Offenheit, ohne sich bloßzustellen, da sie nicht bloßgestellt werden, sondern sich selbst präsentieren. Sie stellen sich einzeln 1 Minute vor das Publikum, sie zeigen eine selbst einstudierte Choreografie zu selbst ausgewählter Musik und sie sagen, was sie selbst von dem Stück halten. Innerhalb dieser simplen Struktur entwickeln sich vielfältige und mehrdeutige Bedeutungsebenen:

DISABLED THEATER ist letztendlich ein Stück über Selbstermächtigung und vor allem über Achtung und Respekt, in dem normative gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Ästhetik hinterfragt werden. Dies geschieht völlig ohne vordergründigen moralischen Zeigefinger, sondern einzig und allein über die Präsenz der elf Akteure, die in ihren Tänzen und Aussagen eine äußerst komplexe Wirkung erzielen, die die Zuschauer berühren und mitreißen. Überhaupt sind die Reaktionen der Zuschauer Teil der Inszenierung: Auf die Aussage „Ich stottere viel…“ ertönt lachen, bis der Satz weiter geht: „Es tut mir weh.“

»Meine Mutter hat gesagt, dass es eine Art Freakshow ist«

Aber: »Ich finde es super!«

DISABLED THEATER von Jérôme Bel und Remo Beuggert, Gianni Blumer, Damian Bright, Matthias Brücker, Matthias Grandjean, Julia Häusermann, Sara Hess, Miranda Hossle, Peter Keller, Lorraine Meier und Tiziana Pagliaro vom Theater Hora ist zum Theatertreffen 2013 nach Berlin eingeladen worden, was die Chancen, dass diese wirklich bemerkenswerte Inszenierung von einer größeren Öffentlichkeit bemerkt wird, enorm vergrößern dürfte.

Disabled Theater? Foto: Adrian Anton

Disabled Theater
von Jérôme Bel und Theater Hora
Konzept: Jérôme Bel, Dramaturgie: Marcel Bugiel, Assistenz und Übersetzung: Simone Truong, Chris Weinheimer.
Mit: Remo Beuggert, Gianni Blumer, Damian Bright, Matthias Brücker, Matthias Grandjean, Julia Häusermann, Sara Hess, Miranda Hossle, Peter Keller, Lorraine Meier, Tiziana Pagliaro.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s