Nichts NEUES VOM DAUERZUSTAND, Herr Pollesch?

„Warum sagt Dir das denn nichts? Das müsste Dir doch jetzt etwas sagen!“

…fragt die Heilige Johanna – und bringt damit die einzige Frage auf den Punkt, die NEUES VOM DAUERZUSTAND von René Pollesch am Schauspielhaus Hamburg bei mir aufwirft.

Dabei beginnt alles ganz verheißungsvoll: Pappkulissen wie vom Winde verweht, überhöht-dramatische Klaviermusik, Sophie Rois und Christine Groß, ein Chor junger Revolverheldinnen, Margit Carstensen als klapprige Johanna von Orleons. Zitate aus Filmen sollen durch eingestreute Schlagwörter wie Dumpinglöhne, Kulturimperialismus oder die gescheiterte proletarische Revolution aufgewertet werden. Das Gegenteil ist leider der Fall, da die inhaltliche Klammer fehlt. Irgendwie geht es zwar auch wieder einmal um die Verwirrungen, Verwicklungen und die Chancenlosigkeit des Subjekts im Kapitalismus – diesmal um Themen wie „Es gibt keine Liebe nach der Liebe“; „Und aus diesem Elend bastel ich mir jetzt dieses riesige Ego“ oder ein Bedauern um „das ungelebte Leben“ – aber diese Themen werden dieses Mal lediglich auf einer Ebene persönlicher Betroffenheit verhandelt und wirken dadurch wie etwas peinliche Tagebuchauszüge.

Während die Kollagen aus gesellschaftspolitischen Theorien und Popkultur in den stärkeren Stücken von Pollesch, wie FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS, sich gegenseitig ergänzen, konterkarieren oder zumindest eine sehr unterhaltsame Verbindung eingehen, fehlt NEUES VOM DAUERZUSTAND die inhaltliche Klammer. Ohne diesen Kit aber zerfällt das Pollesch-Kaleidoskop zu einem sinn- und belanglosen Puzzel, dem die entscheidenden Teile fehlen.

Selbst eine Sophie Rois kann diese Leere nicht mit Ihrer Präsenz füllen. Und irgendwie ist es ja auch fast unverschämt von Herrn Pollesch, so vollkommen auf die Wirkung von großartigen Schauspielerinnen wie Sophie Rois oder Christine Groß zu bauen.

Bleibt die Frage: Warum sagt mir das denn nichts, lieber René? Müsste mir das jetzt etwas sagen – oder sagt dieses Stück einfach nichts?

Umso mehr freue ich mich auf ein Wiedersehen mit KILL YOUR DARLINGS als Gastspiel am Thalia Theater – denn das Stück sagt mir etwas.

Neues vom Dauerzustand? Foto: Adrian Anton

Neues vom Dauerzustand
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Mit: Margit Carstensen, Christine Groß, Leonie Hahn, Sophie Rois
Chor: Stefanie Bruckner, Laura Louise Brunner, Johanna Hartenberg, Lisa Melina Paulun, Laura Schuller.

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