„HATE RADIO“ von Milo Rau und dem IIPM auf Kampnagel

„HATE RADIO“ von Milo Rau und dem International Institute of Political Murder setzt sich mit der Rolle des Radiosenders RTLM während des Genozids in Ruanda 1994 auseinander. Die Hintergründe und meine Eindrücke von der Inszenierung habe ich bereits im Mai auf dem Theatertreffen-Blog beschrieben.

Jetzt, fast fünf Monate später, gastiert „HATE RADIO“ auf Kampnagel. Eigentlich schreibe ich nur selten – bzw. bisher noch nie – mehrfach über eine Inszenierung. Im Falle von „HATE RADIO“ wollte ich aber meine ersten Eindrücke noch einmal überprüfen und hinterfragen. Zumal ich mir noch nicht ganz klar war, wie ich die Inszenierung – oder vielmehr die Herangehens- und Arbeitsweise von Milo Rau und dem IIPM, also die Form eines „Reenactments„, nun finde. Aber auch nach dem zweiten Blick kann ich das nicht wirklich sagen. Ich kann nur sagen, dass ich die Wahl des Themas sehr gut und die Umsetzung beeindruckend finde. Allerdings ist fraglich, ob das Theater eine adäquate Plattform für diese Form der Geschichtsschreibung bzw. -erzählung bietet, da im Theater politische Themen häufig Gefahr laufen, in einer scheinbar unausweichlichen „Ist-ja-alles-nur-Kunst“-Belanglosigkeit zu verpuffen.

„HATE RADIO“ ist daher auch einer der wenigen Fälle, in denen ich die Hörspiel-Fassung eines Theaterstücks beinahe gelungener finde als die Theater-Fassung. Die „Macht der Sprache“ wird in der Hörspiel-Fassung besonders deutlich, da alle Bilder im Kopf des Zuhörers entstehen, während der Theater-Zuschauer eher Bilder rezipiert als produziert. Andererseits kann die Theater-Fassung Details zeigen, die den Bildern im Kopf entgegenlaufen: die selbstverständliche Beiläufigkeit, mit der die Moderatoren Schusswaffen tragen, oder wie jemand in Nelson-Mandela-Shirt zum Mord aufruft.

Die Hörspielfassung liefert noch zusätzliche Hintergrundinformationen, z.B. zur Rezeption und zu Reaktionen, die die Aufführungen von „HATE RADIO“ in Ruanda ausgelöst haben und die extrem auseinander gehen können: Betroffene und Augenzeugen stehen hier Jugendlichen gegenüber, die die grausame Realität hinter dem Gezeigten kaum kennen.

Hier in Europa ist die Diskrepanz noch gravierender: hier stehen auf der Bühne Überlebende des Genozids einem Publikum gegenüber, das die Geschehnisse – wenn überhaupt – lediglich aus der Berichterstattung westlicher Medien kennt. Beim Theatertreffen 2012 in Berlin fanden daher nach jeder Aufführung Publikumsgespräche statt, die diese Diskrepanz in teilweise abstrusen Diskussionen verdeutlicht haben. Auf Kampnagel gab es nach der gestrigen Premiere leider kein Gespräch , aber dafür sind für die drei folgenden Aufführungen Publikumsgespräche mit eingeladenen Experten geplant. In Berlin habe ich das Publikumsgespräch als wichtigen Teil der Inszenierung empfunden, da hier der sehr geschlossene und formale Rahmen der Inszenierung erweitert und gebrochen wurde. Gerade im Gespräch mit den Beteiligten wurde das Angebot zur aktiven und konstruktiven Auseinandersetzung mit der Inszenierung gemacht. Ob dieses Angebot vom Theaterpublikum angenommen wird, ist eine andere Frage.

Am Mikrofon: Milo Rau. Publikumsgespräch zu „Hate Radio“ beim Theatertreffen 2012. Foto: Nadine Loes

 

BUCH/REGIE: Milo Rau
DRAMATURGIE/CONCEPTUAL MANAGEMENT: Jens Dietrich
MIT: Afazali Dewaele, Sébastien Foucault, Estelle Marion, Nancy Nkusi und Diogène Ntarindwa UND DEN STIMMEN VON Thomas Bading und Sven Tjaben
PRODUKTIONSLEITUNG: Milena Kipfmüller

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s