Nature Theater of Oklahoma’s LIFE + TIMES auf Kampnagel

Das Nature Theater of Oklahoma präsentiert beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel die Episoden 3 + 4 von LIFE + TIMES.

LIFE + TIMES ist ein auf insgesamt 10 Episoden ausgelegtes Großprojekt, in dem die exakte Transkription von 10 Telefonaten inklusive aller Ähs und Brechungen die Lebenserzählung von Kristin Worrall auf die Bühne bringt.

Die Episoden 3 + 4 erzählen vom Eintritt in die Pubertät bis zum Ende der Highschool-Zeit. Also eine Zeit, die von großen Gefühlen, Dramen und vor allem großen Hoffnungen geprägt ist. Eine Zeit, in der die erste Zigarette, die erste Party, der erste Kuss, die erste Reise nach London, der erste Joint, die erste Schwärmerei noch Erwartungen auf eine verheißungsvolle Zukunft schüren und in der Bands wie The Doors, The Police oder The Smiths den Soundtrack liefern. Zumindest im Text.

Denn während Episode 1 und Episode 2 mit ihren Musical- und Show-Elementen sowie poppigen Trainingsanzügen eine Entsprechung zur textlichen Ebene lieferten, verfolgen die Episoden 3 + 4 ein entgegengesetztes Konzept: auf der Bühne finden sich keine Hinweise auf Punkrock oder Rebellion, sondern eine gemalte Pappkulisse im englischen Landhausstil passend für einen Agatha Christie-Klassiker. Auch die Kostüme verweigern jegliche jugendlich-subkulturellen Bezüge und persiflieren stattdessen klassische Krimi-Kuriositäten in Tweed und Strick.

Nature Theatre of Oklahoma: Life and Times – Episodes 3&4. Foto: Anna Stöcher

In dieser zeit- und ortsentrückten Szenerie englischer Krimi-Romantik wird nun die Zeit der Pubertät einer in den 1970er Jahren in einer amerikanischen Vorstadt geborenen Frau erzählt: Prosaische Alltäglichkeiten bzw. Großereignisse der Adoleszenz wie das Wachsen von Schamhaaren oder der erste Kuss werden dramatisch überhöht vorgetragen – eben wie in einem etwas peinlichen Kriminalstück. Das könnte eine Entsprechung zu der Dramatik sein, die diese Ereignisse in der Wahrnehmung Heranwachsender einnehmen und an die sich wohl auch jeder Zuschauer erinnern kann. Allerdings spielt das Nature Theater of Oklahoma dieses Mal weniger mit Entsprechungen, sondern vielmehr mit Diskrepanzen zwischen Inhalt, Sprache, Gestik und Mimik. Dieses Spiel wird noch weiter getrieben, indem den Darstellern – während sie spielen – immer wieder kleine Kärtchen mit Regieanweisungen wie „scared“ oder „all look at Bobby“ hochgehalten werden. Pavol Liska und Kelly Copper, die für Konzept und Regie verantwortlich sind, sagen hierzu:

„Wir streben danach, eine verunsichernde Situation zu schaffen, die allen Anwesenden absolute Präsenz abverlangt.“ Das gelingt allen Beteiligten auch extrem gut, was dieses Theater positiv von sehr vielen anderen abhebt: die absolute Präsenz aller Anwesenden. Allerdings führt in Episode 3 + 4 die streng konzeptionelle Inszenierung zu einer zu großen Statik auf der Bühne, auf der außer ein paar plötzlichen Auf- oder Abtritten und Gesten des Erstaunens nicht viel passiert. Text und Darstellung gehen hier so weit auseinander, dass sie beinahe den Kontakt zueinander verlieren.

Während die Episoden 1 + 2 maßgeblich geprägt waren von Bewegung, Tanz, Musik und Gesang, werden diese Elemente dieses Mal – wenn überhaupt – nur extrem reduziert eingesetzt: lediglich der erste Kuss auf einer Klassenfahrt nach London und ein paar Jahre später der erste große College-Prom inklusive erster großen Schwärmerei werden in Liedform vorgetragen. Tanz fehlt leider vollständig. Die ersten beiden Episoden von LIFE + TIMES haben durch dieses Zusammenspiel von Text, Tanz, Gesang und Musik eine enorme Energie entfaltet – das strenge und statische Konzept der Episoden 3 + 4 beschränkt die Darsteller aber leider so sehr, dass deren Potentiale und Energie nicht wirklich genutzt werden.

Davon abgesehen gelingt es dem Nature Theater of Oklahoma aber auch mit den Episoden 3 + 4 wieder, den schmalen Grad zwischen ironischer Distanz und respektvoller Empathie im Erzählen einer Lebensgeschichte zu verfolgen. Gerade gegen Ende der Episode 4 wird dies deutlich, wenn Kristin Worrall ihre eigenen Zweifel am eigenen Erzählen und Inszenieren ihrer Biografie äußert, sinngemäß: „It’s just a mess of nothing. Like it was not my life-story.“

LIFE + TIMES ist viel mehr als die Lebenserzählung einer Person – auf jeden Fall immer wieder extrem sehenswertes großes Theater! Gut zu wissen, dass noch 6 Teile folgen werden!

Konzept + Regie:
Text nach einem Telefongespräch mit Kristin Worrall
Originalmusik: Robert M. Johanson, Daniel Gower
Design: Peter Nigrini
Mit: Ilan Bachrach, Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Matthew Korahais, Julie Lamendola, Alison Weisgall, Kristin Worrall
Musiker: Daniel Gower, Robert M. Johanson, Kristin Worrall
Prompter: Elisabeth Conner
Dramaturgie: Florian Malzacher
Tontechnik: Daniel Gower, Kristin Worrall
Produktionsmanager: Dany Naierman

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