[M]IMOSA – Twenty Looks or Paris is Burning at The Judsons Church [M] auf KAMPNAGEL

Cecilia Bengolea, Trajal Harrell, Marlene Monteiro Freitas: MIMOSA

Eine karge Bühne, die von grellen Scheinwerfern umstellt ist, vier Personen, die im Wechsel tanzen, singen, sprechen. Episodenhafte Choreografien und fragmentarische Monologe, in denen es irgendwie immer um Konzepte von Identität und/oder Authentizität geht.

Klingt erst einmal nach allen Klischées von Contempourary Dance. Aber [M]IMOSA hebt sich von den angestrengten Authentizitätsbemühungen vieler post-something Produktionen nicht nur dadurch ab, dass hier die Künstlichkeit und Inszenierung präsent ist und immer wieder dramaturgisch-geschickt gebrochen wird. Das können andere wie De Keersmaeker oder Jérôme Bel auch und vielleicht handwerklich ausgefeilter.

[M]IMOSA beeindruckt durch die Präsenz und Konsequenz der vier Darsteller_innen: Cecilia Bengolea, François Chaignaud, Trajal Harrell und Marlene Monteiro Freitas repräsentieren eine Form von Stärke, die nicht aus Selbstbewusstseinskult, sondern aus einer kompromisslosen Ehrlichkeit entsteht.

Cecilia Bengolea: MIMOSA

Denn hier stehen offensichtlich vier Personen auf der Bühne, die mit gängigen Schönheits- und Identitätsbemühungen oder Geschlechterrollen gebrochen haben, die sich entblößen ohne Bloßstellung, sondern voller Selbstachtung. Stärke und Schwäche sind hier nicht mehr zu trennen, da die Stärke der Vier gerade darin besteht, offensiv gesellschaftlich-stigmatisierte und -sanktionierte Schwächen zu thematisieren und dadurch anzugreifen. Und zwar nicht über kostruiert-intellektuelle Rationalität, sondern über körperliche und atmosphärische Intensität. Heftige Tanz-Performances wechseln mit ruhigen Monologen und emotionalen Liedern, Solo-Nummern wechseln mit Gruppenperformances.

Cecilia Bengolea, Marlene Monteiro Freitas: MIMOSA

Während den Solo-Performances laufen immer wieder die anderen Performer über die Bühne oder durchs Publikum, trinken Wasser, schminken sich, ziehen sich um oder applaudieren einander. Diese vermeintlichen Störungen wirken aber eher so, als ob sich die Darsteller gegenseitig [und somit auch dem Publikum] ein Gefühl von Selbstverständlichkeit und Sicherheit bei gleichzeitiger Verunsicherung vermitteln. Überhaupt wirkt das Zusammenspiel der Vier wie ein gemeinsamer Schutzraum. Was vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass alle Vier kollektive Arbeitsformen verfolgen. So haben z.B. François Chaignaud und Cecilia Bengolea schon mehrfach zusammengearbeitet und gastierten u.a. beim Image- und bei ImPulsTanz-Festival oder mit „Castor & Pollux“ am BRUT in Wien. Zur explizit feministischen bzw. queeren Ausrichtung passt auch, dass François Chaignaud 2009 ein Buch mit dem Titel „L’Affaire Berger-Levrault – les féminismes à l’épreuve“ zur frühen feministischen Bewegung in Frankreich veröffentlicht hat. Marlene Monteiro Freitas ist Mitgründerin der Tanzgruppe COMPASS und Mitglied des Lissabonner Kollektivs BOMBA SUICIDA. Und Trajal Harrell liefert die Klammern, von denen das Stück zusammengehalten wird: die Figur MIMOSA, von der alle Beteiligten behaupten, MIMOSA zu sein, sowie das Format M, das auf die Reihe verweist, deren einzelne Arbeiten nach den Kleidergrößen von XS bis XL benannt sind. Der Vorgänger von M, also „Twenty Looks or Paris is Burning at The Judsons Church [S]“ wurde vom TimeOut-NY Magazine zu den “best dances of 2009” gewählt. Außerdem verweist der Titel auf den semidokumentarischen Film „Paris is Burning“ über die queere DIY-Ball-Szene von New York. Diese inhaltlichen Klammern geben [M]IMOSA eine zusätzliche Tiefe, die Performance an sich hat aber bereits genug eigene Substanz und Heftigkeit, so dass dieses Hintergrundwissen wörtlich lediglich den Background liefert. Aber es verweist auf die hohe Qualität von [M]IMOSA, da das Stück sowohl auf intellektueller als auch auf einer eher körperlich-sinnlichen Ebene funktioniert: die einzelnen Elemente von Gesang, Monolog und Tanz sind heftig genug, um für sich zu stehen, werden durch den hohen inhaltlichen und thematischen Gehalt aber noch verstärkt.

Francois Chaignaud, Trajal Harrell: MIMOSA

Bleibt zu hoffen, dass die Arbeiten L bis XL oder die CREATION von François Chaignaud und Cecilia Bengolea für die Bienale de Lyon 2012 und das Festival d’Automne a Paris 2012, auch hier zu sehen sein werden.

KONZEPT, PERFORMANCE:
Cecilia Bengolea, Paris
Francois Chaignaud, Paris
Marlene Monteiro Freitas, Lissabon
Trajal Harrell, New York

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