POLITIK + THEATER?

Die Idee von politischem Theater finde ich sehr naheliegend, da Theater Menschen berühren und auf- oder anregen kann, auf unterschiedlichsten Ebenen. Und mit unterschiedlichsten theatralischen Mitteln und Methoden. Für mich spielt es dabei keine Rolle, welche Ansätze verfolgt oder welche Theorien oder Namen bemüht werden. Nur weil irgendwo Brecht, Foucault oder Agamben auftauchen, wird Theater noch nicht politisch. Viele Stücke, die ich als politisch extrem aufgeladen empfunden habe, verzichten völlig auf solche vordergründigen Elemente. Das ist aber eher selten. Sehr viel häufiger begegnet mir im Theater das Gegenteil: Aneinanderreihungen und Zurschaustellungen von großen Namen und Gesten, die aber so plakativ und oberflächlich bleiben, dass jegliche politische Relevanz zum Witz wird.

Ein Beispiel dafür ist Thomas Ebermanns FIRMENHYMNENHANDEL-Inszenierung auf Kampnagel. Die hier gezeigte oder besser: zur Schau gestellte Kapitalismuskritik ist so unterhaltsam, witzig, verständlich und einfach, dass sie problemlos ins Vorabendfernsehprogramm aufgenommen werden kann. Das Publikum lacht und applaudiert, weil es die Zitate und Anspielungen so schön versteht und freut sich über die vielen musikalischen Video-Einspielungen voller Gesichter und Namen, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Ebermann sowie Ted Gaier und Thomas Wenzel, die musikalischen Leiter der Inszenierung, haben hier offenbar ihre Beziehungen spielen lassen, so dass nicht weniger als 22 mehr oder weniger bekannte Namen aus Musik-, Polit-, Theater- und Schauspielszene mehr oder weniger schaurig-schöne Firmenhymnen schmettern. Das ist lustig und unterhaltsam und manchmal tragisch-komisch, aber mehr eben auch nicht.

Es sei denn, man zieht eine Parallele zwischen den Firmenhymnenhändlern, die ihre Kreativität und Ideale für Unternehmen zu fragwürdigen Zwecken verkaufen und eben den tatsächlichen Kreativen, die ihre Kreativität und Ideale ausdrücklich un- oder zumindest unterbezahlt für diese von der Kulturbehörde Hamburg sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützte Produktion zur Verfügung stellen. Aber so eine spitzfindige Ironie traue ich Ebermann und Co. nach dem Gesehenen nicht wirklich zu.

Ein Springer-Blatt spricht von einem „vergnüglichen Theaterabend“, was hier als vernichtende Kritik ausgelegt werden kann.

MIT Pheline Roggan, Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer
TEXT UND REGIE Thomas Ebermann
MUSIKALISCHE LEITUNG Ted Gaier, Thomas Wenzel
VIDEOS Katharina Duve, Timo Schierhorn
KOSTÜME UND BÜHNE Astrid Noventa
REGIEASSISTENZ Milli Schmidt
WISSENSCHAFTLICHE BERATUNG Rudi Maier
MUSIKER AUF DER LEINWAND Gilla Cremer, Dieter Glawischnig, Bernadette La Hengst, Honigbomber, Ja Panik, Schorsch Kamerun, Dirk von Lowtzow, Melissa Logan, Nina Petri, Thomas Pigor, Lisa Politt, Jens Rachut, 1000 Robota, Harry Rowohlt, Sandy Beach, Rocko Schamoni, Kristof Schreuf, Horst Tomayer, UiJuiJui, Reiner Winterschladen, Gustav Peter Wöhler

Der Firmenhymnenhandel ist eine Produktion von Thomas Ebermann und Kampnagel, gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, RockCity Hamburg und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zur nachtkritik von Falk Schreiber

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