BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park/Berliner Schaubühne am Thalia

Stücke, in denen entrüstete Zuschauer bereits in der ersten Stunde ihre Sitze [bevorzugt in den ersten Reihen] verlassen und pikiert dem Ausgang zu streben, machen meiner Erfahrung nach meistens irgendetwas richtig. BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park in Kooperation mit der Berliner Schaubühne macht da keine Ausnahme: Dieses Stück entzieht sich nicht nur Beschreibungen, sondern auch Kategorisierungen. Irgendwo zwischen Theater, Tanz und Performance werden Grenzen überschritten, ausgelotet und aufgezeigt. Manchmal dynamisch, manchmal verspielt, manchmal beinahe brutal wechselt diese Inszenierung teilweise abrupt, teilweise harmonisch fließend Stimmung, Tempo und Lautstärke. Und macht das Zuschauen immer wieder beinahe schmerzhaft, vor allem, wenn die Darsteller auf der Bühne sich verdrehen, verrenken, miteinander verhaken, aufeinanderprallen.

Das wirkt neurotisch und psychotisch, banal und langweilig, brutal und aufwühlend. Und zwar nicht nur in den heftigen, lauten und schnellen Szenen, sondern gerade auch in einigen sehr ruhigen Alltagsszenen einer Großstadt, die verdeutlichen, dass da jemand sehr genau hingesehen hat und einen geschärften Blick für die kleinen Symptome des alltäglichen Wahnsinns hat.
Wie in MEGALOPOLIS oder HELL ON EARTH geht es auch in BERLIN ELSEWHERE um Wahnsinn und Verletzungen des Alltäglichen, dieses Mal nicht nur des Lebens in der Stadt, sondern des Lebens in der Gesellschaft, der Welt im übergeordneten oder globalisierten Sinne.

Constanza Macras bezieht sich u.a. auf Michel Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“, aber auch Foucaults Heterotopien könnten als Einfluss auf die Schauplätze dienen, die bevorzugt Nicht-Orte wie Flughäfen, Toiletten oder eben urbaner oder abstrahierter Raum sind.
An diesen Nicht-Orten, angedeutet durch ein paar mobile Hochhaus-Schemen und wechselnde Projektionen, werden Nicht-Themen wie Verdauung, Bulemie oder Sexualität thematisiert. Allerdings nie des vorgeblichen Tabu-Bruchs wegen, sondern als Verdeutlichung des eigentlichen Themas von BERLIN ELSEWHERE: das Nicht-Gelingen von Kommunikation, die Brutalität dieses Nicht-Verstehens, dieses Unvermögen sich auszudrücken, dieses Unvermögen, Signale zu erkennen und lesen zu können in dieser überkomplexen Welt der totalen Entfremdung, der Exklusionen.

BERLIN ELSEWHERE weckte bei mir entfernte Erinnerungen an die LIFE TIME EPISODES des wunderbaren NATURE THEATRE OF OKLAHOMA, ist aber weniger eingängig, weniger leicht konsumierbar, sondern kantiger, vertrackter, widerspenstiger. Weit ab von moralisch-erbaulichem Schultheater, und offenbar weit ab von einigen Erwartungshaltungen der teureren Sitzplätze – vielleicht haben die ja einfach keine Probleme mit der Welt, in der sie leben? BERLIN ELSEWHERE war an der Welt, in der ich lebe und an der ich mich reibe, jedenfalls sehr nah dran.

Ein Interview mit Constanza Macras:

…und ein Trailer zu MEGALOPOLIS:

 

Mehr Infos, Bilder und Videos finden sich unter:

http://www.dorkypark.org

 

BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park/Constanza Macras

Regie und Choreografie Constanza Macras
Bühnenbild
Steffi Bruhn, Juliette Collas
Kostüme Gilvan Coêlho de Oliveira
Musik Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig
Dramaturgie
Carmen Mehnert
Ensemble Hilde Elbers, Fernanda Farah, Anouk Froidevaux, Hyoung-Min Kim, Denis Kuhnert, Johanna Lemke, Ronni Maciel, Ana Mondini, Elik Niv, Miki Shoji sowie die Musikerinnen Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig

Trailer der Schaubühne Berlin zu BERLIN ELSEWHERE:

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