Der diskrete Charme von Anarchie: DAS HELMI

DAS HELMI: ‚LEAR – Bis zum Hals im Dreck‘ im Haus 3&70 in Hamburg

„die Suche nach Freiheit mit Schaumstoff und Musik“

Ein paar Pappkartons dienen als Kulissen, alter Schaumstoff aus Matratzen und Sofas, ramponierte Altkleider, etwas Heißkleber und ein Tacker ergeben die Masken, Puppen und Figuren, alle mit dem Charme des Provisoriums. Vor dieser Ausstattung war ich eigentlich überrascht, mit wie viel Achtung das 2002 entstandene Kollektiv DAS HELMI Shakespeare’s LEAR begegnen, die Geschichte ziemlich detailliert nachzeichnen. Der Ankündigung nach hätte ich auch sehr viel mehr persönliche Bezüge und Diskurse erwartet, so wie SHESHEPOP in ihrem TESTAMENT in Anlehnung an LEAR ihre persönlichen Generationsfragen und -konflikte durchgespielt hatten. DAS HELMI, diesmal mit dem Schauspieler [eigentlich Anwalt und Vater von Florian und Felix] Peter Loycke als LEAR, stellt eigentlich keine neuen Fragen an das Thema, sondern erzählt es auf eigene Art nach, allerdings ohne große Hochachtung vor der sogenannten Hochkultur, dafür aber sehr charmant. DAS HELMI, seit 2007 im Berliner Ballhaus Ost residierend, hat sich neben Märchen und Filmen bereits mit so einigen Klassikern und Heiligtümern der Theatergeschichte angelegt oder angefreundet: mit Ödipus, Faust oder den Räubern.

Die Inszenierung von LEAR war reduzierter auf das Wesentliche, ohne aufwendige Kulissen, ohne Anspruch auf Perfektion – und war auch entsprechend alles andere als elitär, sondern eben sehr charmant, sehr witzig, sehr intelligent. Betrachtet man das Ganze vor dem Hintergrund einer Welt aus Hochglanzfassaden und Illusionen von Perfektion, bekommt die Entscheidung von DAS HELMI, auf genau das zu verzichten, beinahe eine politische Dimension. Anleihen von Brecht, Becket, Fluxus, mit Musik von Dylan, Janis Joplin oder den Ärzten, immer wieder leise Verweise auf politische Ebenen. Immer eher der Verfremdung, dem ironischen Bruch, der Distanz verpflichtet als der Illusion und Identifikation. Ohne Effekthascherei, ohne auf Slapstick und Tempo zu setzen, erzielen DAS HELMI mit wenigen Mitteln große Wirkung. Mehr Theater mit Puppen als Puppen-Theater. Muppet-Show-Erwartungen werden eben so wenig bedient wie Hochkultur-Snobismus.

AXEL HOL DEN ROTKOHL nach Helenes AXOLOTL ROADKILL letztes Jahr in der Gaußstraße hatte ich leider verpasst:

DAS HELMI: ‚LEAR – Bis zum Hals im Dreck‘

von und mit: Felix, Florian, Niklas und Peter Loycke
Technik: Tobias Gronau
Kostüm: Silja Oestmann & Das Helmi
Produktion/Dramaturgie: Christian Reichel
Assistenz: Isabella Golinski

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