Tere Dostoyevsky! 12karamasows von Kristian Smeds beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

Tere Dostoyevsky! Oder die vierte Wand:

12karamasows von Kristian Smeds beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

 

Eigentlich halte ich mich spätestens seit der Debatte um die Thalia-Publikumsabstimmung von der nachtkritik-seite eher fern. Denn eigentlich halte ich es für eine etwas schale Belustigung, die Echauffiertheit des Wutbürgertums und ihre Sorgen um etwaige demokratische Mitbestimmungsrechte anzusehen. Wobei es ja schon interessant ist, zu welchen Ausbrüchen der Wut und Rage die Menschen so fähig sind – und die daran anschließende Frage, ob das die gleichen Leute sind, die in ihren Abo-Sitzen im Theater rumpennen oder an ihrer Chanel-Tasche rumspielen.

Heute habe aber auch ich mich dazu hinreißen lassen, mich zu echauffieren. Tut ja auch mal ganz gut, ist ja auch ganz gesund und offenbar auch noch gut für die Gesellschaft und die Demokratie. Allerdings habe ich mir nach wie vor die Kommentare zur Thalia-Abstimmung verkniffen [und dafür als Einleitung an dieser Stelle gewinnbringend untergebracht…] und stattdessen folgenden Kommentar zu einer Nachtkritik von Eva B. zu den 12karamosows beim Nordwind-Festival auf Kampnagel gepostet:

„1. 12Karamasows, Hamburg: Spielgewalt beeindruckt

klar war das stück immer hart an der grenze des erträglichen und sicher immer wieder gerne jenseits der ‚grenzen des guten geschmacks‘. aber die kritik oben sagt mehr über die kritikerin als über das stück aus: wer angst vor flecken auf der sauberen kleidung oder vor fiepen im ohr hat, war in dieser inszenierung sicher falsch – und kann ja stattdessen weiterhin im gepolsterten abo-sitz das sonst viel zu häufige schultheater zur moralischen erbauung genießen – sauber, distanziert, distinguiert, unberührt. mich haben die 12karamasows jedenfalls tief beeindruckt mit ihrer spielgewalt, ihrer direktheit, ihrer körperlichkeit – und ihrer musik, in der so ziemlich alle möglichen emotionen und stimmungen ihren raum fanden, von überschwenglicher zu verzweifelter lebenslust. aber die feineren und leiseren töne können ja auch leicht überhört werden, wenn man stattdessen um seine klamotten besorgt ist oder watte ins ohr stopft.

anton , 08. Dezember 2011 – 10:38 Uhr“

Dabei ist mir meine Echauffiertheit [das Wort klingt bereits genauso bescheuert wie ich es auch meine] auch ein wenig peinlich, gar nicht wegen der emotionalen Erregtheit, sondern weil ich eigentlich meistens auch so ins Theater zu gehen scheine wie Eva von Nachtkritik: nämlich gerne mit Distanz zur Darstellung, als Zuschauer im geschützten Dunkel des Zuschauerraums. Die vierte Wand, die ja gerne von Theatermachern kritisiert wird, finde ich meistens super und fühle mich immer wieder eher bedrängt und belästigt und peinlich berührt, wenn irgendwelche Theatermacher diese Spielregeln einfach nicht beachten oder eben zu übertreten versuchen. Wobei diese Versuche ja auch schnell unangenehm berühren können – da die Gefahr eines geschmacklichen, stilistischen Fauxpas immens ist, weshalb ja viele Theatermacher diesen Schritt auch gar nicht erst wagen.

Daher waren mir die 12karamasows gestern abend auch sehr suspekt, da bereits zu Beginn ein in Plastiktüten-Pampers bekleideter strichdünner Ukulele-Spieler das ohnehin zahlenmäßig sehr mäßige Publikum aus seiner sicherheitversprechenden Herden-Situation löste und persönlich begrüßte, gefolgt von Kristian Smeds, der auch noch alle Anwesenden einmal aus der Sicherheit der hinteren Reihen in die erste Reihe beordert. Meine schlimmsten Erwartungen wurden auch bestätigt, da das Publikum immer wieder mit einbezogen wurde: Fähnchen schwingen, Wodka saufen, weinendes kleines Mädchen steinigen, per Applaus den besten Schauspieler wählen, der anschließend so verhauen, bespuckt und gequält wird, dass es kaum auszuhalten war. Und besonders in der ersten Hälfte der fast fünf Stunden bzw. eigentlich bis zur zweiten [!] Pause war ich innerlich völlig zerrissen: bodenlos schlecht und geschmacklos? Diese permanenten Überzeichnungen aller möglichen plakativen Klischees, vom H&M-Kinderabteilung-Punkrock-Look über sämtliche unangenehme Männer- und Frauenklischees bis hin zur mir völlig verhassten Alkohol-, Gewalt- und Exzess-Verherrlichung. Bis hier her gehe ich also mit Eva’s Kritik leider ziemlich d´accord, obwohl ich mir auch immer wieder die Frage stelle, ob die 12karamasows gerade wegen dieser hemmungslosen Überzeichnungen und Geschmacklosigkeiten genial sind? Aber im Gegensatz zur vermutlich eher braven Eva war ich zumindest musikalisch von Anfang an extrem beeindruckt, da Dostojewskis Balladen von den 12karamasows mit einer solchen Vielfalt an Mitteln und Wucht, Wut, Liebe, Energie vorgetragen wurden, wie ich sie auf Konzerten immer wieder suche und immer wieder vermisse. Aber reicht mir das? Tolle junge Schauspieler, die ihren Enthusiasmus, ihren Übermut, ihre Experimentierfreude in toller Musik zum Ausdruck bringen können?

So zerriss ich mich zwischen Momenten emotionalen Mitgerissenwerdens und theoretisch-analytischem Zerriss der Inszenierung. Bis mein persönlicher Horror eintrat: von einer Gruppe kreischender Schauspielerinnen in den Scheinwerfer genommen zu werden und ihre Liebesbekundungen entgegen zunehmen – und kommentieren zu müssen. Nachdem ich mich davon gerade wieder erholt und meine Adrenalin- und Stresshormonproduktion wieder im Griff hatte, kommt schon wieder ein Schauspieler auf mich zu, leitet mich an den leeren Tisch in der Mitte der Bühne und führt die unangenehme Konversation zwischen Fremden mit mir und anschließend mit weiteren vier Opfern. Damit es keine Missverständnisse gibt: die Situation war so angelegt, dass die Konversation die unangenehme Konversation zwischen Fremden widerspiegelt, es lag also nicht an meiner Stresshormonproduktion… seltsamer Weise legte sich eben diese aber zunehmend, obwohl das Geschehen in meiner unmittelbaren Nähe immer heftiger wurde, da auf dem Tisch, um den wir saßen, zwei Männer [und ein Pferdekopf – aus Pappkartons] in einen verzweifelten Kampf um eine Pistole gerieten, mit der der eine sich gerade umbringen will. In dem Gerangel werde ich dann nach einem „reason to live“ gefragt – ich, der sich diese Frage selbst in weniger stressigen Situationen nicht einmal selbst beantworten kann. Da mir mein Zynismus sagt, dass „there is none“ vielleicht gerade nicht die richtige Antwort wäre, sage ich „everything“ und bin über meinen eigenen Tiefsinn überrascht [wobei ich im Nachhinein finde, ich hätte den armen Kerl lieber in den Arm nehmen oder küssen sollen]. Viel konnte ich darüber aber auch gar nicht sinnieren, da um mich herum alles immer absurder wurde: alles rennt und schreit um den Tisch rum, Kunstblut und Wodka fließen weiterhin großzügig, Carl Orff‘s Carmina Burana wird für die seit der blöden Doors-Verfilmung geläufige ekstatische Orgien-Kulisse missbraucht, Jesus klettert auf den Tisch, wird verprügelt, bespuckt, gebissen – bis der Vater auftaucht und die Gören mit patriachaler Gewalt zu seiner verdrehten Version von Ordnung ruft. Die Reihenfolge bekomme ich gar nicht mehr richtig auf die Reihe, aber zumindest war dann irgendwann wieder Pause.

12karamasows

Nach dieser zweiten Pause [die ich auch zur Erholung brauchte] versicherte Kristian Smeds den wenigen Verblieben, dass im letzten Teil kein Grund zur Angst bestünde, es werde niemand mehr zum Mitmachen animiert. So versichert, dass meine eben schmerzlich vermisste vierte Wand im letzten Teil nicht mehr angetastet werden würde, konnte ich mich auch gleich wieder viel entspannter auf die Darbietung einlassen – und endlich aufhören, das Ganze irgendwie einordnen oder analysieren zu wollen – ist das gutes Theater? Ist das überhaupt Theater? Ist das nicht vielmehr ein Spektakel, ein Zirkus? Und ab da funktionierte die Inszenierung auch für mich: die Heftigkeit, die Körperlichkeit, die Sinnlichkeit, die totale Musikalität, die hemmungslosen Überzeichnungen, die Entfesselungen auf allen Ebenen.

Daher kann ich Jim Ashilevi, Kait Kall, Ott Kartau, Katre Kaseleht, Liis Lindmaa, Loore Martma, Maili Metssalu, Madis Mäeorg, Tõnis Niinemets, Mari Pokinen, Ivo Reinok, Marion Undusk, Ragne Veensalu, Siim Sups, Kristian Smeds und seinem Team nur für ihren Mut, ihren Enthusiasmus danken – und dass sie neben der vierten Wand auch meine üblichen vernünftigen, rationalen, engen Vorstellungen und Beurteilungen von Theater außer Kraft gesetzt haben.

Übrigens habe ich an diesem Abend keinen Schluck Wodka getrunken, die Inszenierung funktionierte also auch ohne alkoholischen Exzess.

Wer die Inszenierung verpasst hat, findet hier kleine Einblicke [die aber bereits ausreichen, um Eva’s blöde Nachtkritik völlig blöde aussehen zu lassen]:

oder

http://vimeo.com/29450444

oder

http://vimeo.com/28523132

alle zufinden auf dem blog der 12kramasows unter:

http://karamazovid.com

12karamasows

12Karamasows
Konzept und Leitung: Kristian Smeds, Bühne: Jani Uljas, Komponist-Dirigent: Ismo Laakso, Licht und technische Leitung: Teemu Nurmelin.
Mit: Jim Ashilevi, Kait Kall, Ott Kartau, Katre Kaseleht, Liis Lindmaa, Loore Martma, Maili Metssalu, Madis Mäeorg, Tõnis Niinemets, Mari Pokinen, Ivo Reinok, Marion Undusk, Ragne Veensalu, Siim Sups.

www.kampnagel.de
www. nordwindfestival.de

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