TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS von Erna Omarsdottir beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS von Erna Omarsdottir beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

Die fünf Tänzerinnen/Sängerinnen/Erzählerinnen von TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS zeigen sich als verletzliche, verletzte und verletzende Wesen, die in 90 Minuten Rollen von Frauen und Weiblichkeit inszenieren.

TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS

Die Szenen wecken bei mir unterschiedlichste Assoziationen quer durch die Kulturgeschichte der ‚Weiblichkeit‘: mittelalterliche Hexen, neuzeitliche Vamps, Filme wie Rosemary’s Baby, Stepford Brides, Carrie oder The Virgin Suicid schießen mir durch den Kopf. Dabei zeichnen sich alle Szenen und Bilder vor allem durch ihre Mehrdeutigkeiten und Uneindeutigkeiten aus: subtile Brüche sorgen dafür, dass Stimmungen immer wieder kippen, von sanft und leise zu laut und brutal. So wandelt sich unschuldiges Disko-Gehoppse zu explizit sexualisierten Bewegungen, zuvor zärtliche Streicheleinheiten werden zu gewalttätigen Auseinandersetzungen – und vice versa.

Überhaupt beeindruckt TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS vor allem durch seine exzessive Heftigkeit und Schonungslosigkeit der Choreografien, wie ich sie in Tanzstücken bisher selten erlebt habe. Entsprechend vielschichtig ist auch die mehr als nur begleitende Musik, die sich anfangs irgendwo zwischen NICO, The KNIFE oder den frühen CABARET VOLTAIRE bewegt, gerade gegen Ende hin aber eindeutigere Zitat aus der Popmusik von Disko bis hin zu Deathmetall oder cheezy Show-Musik verwendet. Was ich ein wenig bedaure, da mich vor allem die ambivalenten Anfangsszenen unglaublich beeindruckt haben, während ich gegen Ende hin die zunehmende Eindeutigkeit der Darstellung als etwas zu plakativ empfunden habe. Was wiederum sehr gelungen war: die beiden letzten Lieder hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während bei einem sehr langen, sehr heftigen Lied mit Deathmetall-Anleihen vereinzelte Zuschauer des teilweise anscheinend etwas pikierten Publikums den Saal frühzeitig verließen, führte das Abschlusslied, indem die fünf Darstellerinnen extrem lasziv gängige [männliche?] Erwartungen an „Weiblichkeit“ erfüllen, für lauten bis tobenden Applaus… meiner Meinung nach ein möglicher Verweis auf einen im gesamten Stück nie explizit benannten, aber immer implizierten Aspekt: die Rolle von Männern und Männlichkeit, der männliche Blick auf Frauen, auf weibliche Körper, auf weibliche Rollenvorstellungen – und eben deren Performance.

TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS

Sehr beeidruckend, sehr bewegend – und eigentlich würde es zu dieser Inszenierung noch unendlich viel mehr zu denken, sagen, schreiben geben…

ein kleiner Eindruck, der der Heftigkeit von TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS aber nicht gerecht wird:

 

[Künstlerische Leitung / Artistic direction] Erna Omarsdottir
[Choreografie, Text und Kostüm / Choreography, texts and costumes] Sissel Merete Bjorkli, Riina Huhtanen, Sigridur Soffia Nielsdottir, Erna Omarsdottir and Valgerdur Rúnarsdóttir
[Ferner von / also created by] Margret Sara Gudjonsdottir
[Musik und Text / Music and texts] Lieven Dousselaere and Valdimar Johannsson
[Dramaturgieassistentin / Dramaturgy assistant] Karen María Jónsdóttir
[Licht / Lights] Sylvain Rausa
[Bühnenmeister / Stage manager] Eric Civel
[Produktion, Vertrieb / Production, distribution] Esther Welger-Barboza
[Produktionsfirma / Production Company, Institution] Shalala ehf – Erna Omarsdottir
[Koproduktion / Coproduction] Les Antipodes’09 / Le Quartz – Scène Nationale de Brest, La Passerelle – Scène Nationale de Saint-Brieuc, drodesera / centrale FIES, le CNDC Centre national de danse contemporaine Angers in the frame of the «accueil studio / Ministère de la Culture et de la Communication»
[Mit Unterstützung von / Supported by] Norden – Nordic Culture Point, Kampnagel (Hamburg – Germany), ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival,
De Warande – Turnhout (B), Vooruit (Ghent – Belgium), Workspace Brussels and Reykjavik city
[Dank an / Thanks to] Mugison, Amber Haines, Asly Bostancy, Michaela, Les Bains, Olof Soebech, Roberto Flores Moncada and Martin Meddourene / Cinema 7 asbl

FR09.12.2011, ca. 90 Minuten

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