Durch Zeit + Raum: Bastian Kraft inszeniert „ORLANDO“ von Virginia Woolf im Thalia in der Gaussstrasse

Nach seiner beeindruckend-minimalistischen Inszenierung von Franz Kafkas „Amerika“ und der sehr oppulenten [und cleveren] Umsetzung von Helene Hegemanns kleinem Medienskandälchen „Axolotl Roadkill“ versucht sich Bastian Kraft wieder an einer hoch-komplexen Romanvorlage: Virginia Woolfs 1928 veröffentlichte Homage an ihre Partnerin Vita: ORLANDO – Eine Biografie.

 

Diese Biografie, die weniger eine Lebensgeschichte als vielmehr die biografische Lüge und erzählerische Illusion in der Literatur thematisiert, wird von Bastian Kraft und seinem Bühnenbildner Peter Baur mit liebevollen Tricks aus der Theater-Illusions-Kiste inszeniert: handgefertigtes PopUp-Buch, Bluebox und Livecam werden geschickt überlagert und sorgen für mehrere Projektions- und Spielebenen als Spielfläche für die fünf Schauspieler_innen, die in teilweise [sprichwörtlich] atemberaubender Geschwindigkeit Fragen nach Zeit, Raum und Realität hinterher eilen.

 

Während sie von Kostüm zu Kostüm und von Rolle zu Rolle über die Seiten des Buches und die Zeiten der Handlung hinweg eilen, werden sämtliche zivilisatorische Ordnungssysteme als systematische Konstrukte durchgespielt: Gerade Zeit wird in dieser Inszenierung als zentrale Kategorie thematisiert, die weniger ordnet, sondern vielmehr absolut relativ und absurd ist, eine höchst subjektive und verstörende Kategorie. Weiteres großes Thema ist die Unvereinbarkeit von Literatur mit der Komplexität der Welt und die daraus resultierende Absurdität des Schreibens und vor allem der Motivation zu schreiben, wobei Orlando die Frage stellt, die wohl jede schreibende Person kennt: „Bin ich der größte Schriftsteller oder der größte Idiot?“

 

Leider weitaus weniger verstörend, sondern etwas zu lapidar und nebensächlich wird allerdings die Kategorie Geschlecht als Illusion und Konstrukt verhandelt und kommt in der Inszenierung eindeutig zu kurz, was der Romanvorlage in dieser Hinsicht leider überhaupt nicht gerecht wird. Victoria Trauttmansdorff wird viel zu wenig Raum gegeben, so dass ihre Fragen nach der Inszenierung der Rolle der Frau und der damit verbundenen Anstrengungen im schnelllebigen bunten Wirrwarr der Inszenierung kaum Gewicht erhalten. Und das ist wohl auch mein größter Kritikpunkt: Bastian Kraft inszeniert Orlando als buntes, kreatives und unterhaltsames Bilderbuch – das ist sehr amüsant und kurzweilig, wird der Vielschichtigkeit und Schlagkraft von Virginia Woolfs Orlando aber leider nicht immer ganz gerecht … aber wenn Literatur unvereinbar mit der Komplexität der Welt ist, darf Theater vielleicht auch unvereinbar mit der Komplexität von Literatur sein.

Orlando

 

Orlando
nach dem Roman von Virginia Woolf

Regie: Bastian Kraft, Bühnenbild und Video: Peter Baur, Kostüme: Inga Timm, Musik: Arthur Fussy, Dramaturgie: Beate Heine.

Es spielen: Sandra Flubacher, Leon Pfannenmüller, Nadja Schönfeldt, Cathérine Seiffert, Victoria Trauttmansdorff.

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