Fremd + Fern: Jette Steckels „DER FREMDE“ von Albert Camus im Thalia in der Gaussstrasse.

Der Fremde. Wer ist der Fremde? Wer ist dieser Meursault aus Camus‘ bekanntestem Werk? Jette Steckel stellt sich dieser unlösbaren Frage, indem sie den Fremden facettenreich wechselnd oder gleichzeitig von 4 Schauspielern verkörpern lässt. Das ergibt keinen schlüssigen Charakter, aber der Fremde kann eben auch nur der Fremde bleiben.

Camus hat sich auch nie um Schlüssigkeit oder Sympathie bemüht, und sein Fremder ist auch keine Identifikationsfigur, ganz im Gegenteil. Der Fremde ist weder Held noch Anti-Held, er dient vielmehr der Verdeutlichung von existenziellen Fragen. Wie verorte ich mich in der Gesellschaft? Wie stelle ich mich zu meinem Tod? Wie stelle ich mich zum Leben? Die Inszenierung stellt diese Fragen, aber sie verhilft zu keinem großen Erkenntnisgewinn, da sie zu sehr um Unterhaltung, um Gefallen, um Gefühle bemüht ist. Der Fremde bleibt dadurch umso fremder, obwohl [oder gerade weil] Jette Steckel virtuos Stimmungen und Bilder schafft, die die sperrige Geschichte des Fremden visualisieren und stellenweise auch wunderbar erlebbar machen. Hierbei verlässt sie sich größtenteils auf ihre vier Schauspieler, die dieser Erwartung auch durchaus gewachsen sind. Außer in den Momenten, wo sie es übertreiben, sich zu sehr in Emotionen und Entrüstungen hineinsteigern. Ähnlich ist der Einsatz der Musik, den Jette Steckel manchmal perfekt beherrscht [wie in der wunderbaren Anfangsszene der „Kleinbürger“ ihrer Gorki-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin], manchmal aber auch pathetisch ziemlich daneben liegt [wie in der Caligula-Szene mit der im Theater ohnehin völlig inflationär verwendeten Doors-Schnulze „The End“]. Und ausgerechnet Radiohead‘s Gefühlsduselei und Theatralik entspricht so gar nicht der spröden Haltung und Distanziertheit des Fremden, funktioniert aber [zumindest für mich] auch nicht als Antagonismus oder Bruch.

Der Fremde ist fremd, weil er eben nicht plausibel und nachvollziehbar und schon gar nicht nachfühlbar ist. Der Versuch des Gegenteils kann somit bestenfalls eine Sisyphos -Arbeit sein. Sieht man aber davon ab, ob die Inszenierung nun in der Lage war, den philosophischen Gehalt des Fremden auf die Bühne zu bringen oder sogar zu bereichern, dann war die Inszenierung gelungen: tolle Schauspieler, tolle Bühne, tolle Maske, tolle Bilder, tolle Dramaturgie, tolle Einfälle. In Anbetracht der komplexen Vorlage mit all ihren Längen, philosophischen Monologen und Konstruiertheiten ist das mehr als beachtlich. Mehr als die meisten Stücke an deutschen (Stadt-)Theatern zu bieten haben, mehr als die Hamburger Theater meist bieten.

Der Fremde

Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Dramaturgie: Carl Hegemann

Es spielen: Julian Greis , Franziska Hartmann , Mirco Kreibich , Daniel Lommatzsch

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